Der Nachtwanderer
Das Schaufenster verteidigte sich äußerst erfolgreich gegen die Horden der unerbittlich dagegen trommelnden Angreifer. Sie perlten an der meisterhaft gefertigten Glasscheibe ab und ihre leblosen Gestalten sammelten sich weit unten in einer Art Grabkammer oder Wiege, diesbezüglich mochte Leon Achatius keine abschließende Entscheidung fällen. Wie paralysiert stand er da, beschienen vom schwachen Licht der flackernden Straßenlaterne an der Ecke und bewunderte die Ambivalenz hinter einer unsichtbaren Verteidigung. Die Wehrhaftigkeit eines Schaufensters glich der eines umsichtigen Geistes, der stets dafür sorgte, dass ein jeder ihn für unantastbar hielt. Doch wenn diese Illusion einmal zusammenbrach, zerbarsten sämtliche feinen Auslagen unter dem Ansturm aller Bösartigkeit der Welt. Nachdenklich riss Leon seine Augen von dem unwiderstehlichen Anblick der endlosen Schlacht los und setzte seinen Weg durch die Nacht fort. Er war allein, wie immer zur dunkelsten Stunde, wenn er seinen angestammten Platz in der Nachtlaube verließ, um für einige Zeit durch die Straßen zu wandern, stets auf der Suche nach Geheimnissen und neuen Gedanken. Das Licht der Straßenlaterne an der Ecke drohte, ihn wiederum gefangen zu nehmen in einem Gedankenspiel, doch es sollte anders kommen. Eine geisterhafte Frau erschien an der Ecke unter der Laterne und es war, als ob sich zwei Realitäten überlappten, soviel wusste Leon sofort. Sein Herz klopfte heftig und er wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sein Wunsch endlich in Erfüllung ging. Bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen und näherte sich der Gestalt, die sich hart gegen den Regen abzeichnete, obgleich sie augenscheinlich nicht hierhin gehörte und obendrein keine festen Konturen aufwies. Ihr silbernes Haar leuchtete unwirklich und seine schimmernde Korona vertrieb sowohl die Dunkelheit der Nacht als auch das gelbe Licht der Straßenlaterne. Übrig blieb ein silbriger Hauch, der sich über die Szenerie legte. Die zarte, milchige Haut der jungen Frau wirkte durchscheinend, als ob ihre innigsten Geheimnisse so rätselhaft wären, dass sie sie nicht zu verstecken brauchte – denn niemand würde sie jemals entziffern können. Das feine Gesicht sprach von Jugend und Unschuld, aber dennoch lag in ihm eine entsetzliche Erfahrung und eine Verantwortung, so groß wie eine ganze Welt. Leons Gedanken zitterten, als er dies alles in seinem Geist zusammenfügte. Um die schlanke Gestalt des Mädchens rankten sich silberne Fäden und innerhalb ihres diffusen Spiels aus einem schwindelerregenden Ineinandergreifen und anschließender Entwirrung glaubte Leon, seltsame Szenen ablaufen zu sehen. Wie Splitter aus einem fragmentierten Geist brachen sich in den Regentropfen, die die silbernen Fäden erst sichtbar machten, Begebenheiten aus anderen Welten und anderen Leben. Verwirrt schloss Leon für einen Moment die Augen, doch als er sie wieder öffnete, blickte er nicht durch die seinen. In endlosen Wellen ergossen sich grölende und geifernde Massen von Körpern in ein verwittertes Tal und erklommen auf der anderen Seite eben jenen Hügel, auf dem Leon sich nun wiederfand. Plötzlich fühlte er das vertraute Gewicht seines Schwertes in der Hand und seine Schultern ächzten unter dem Gewicht seiner Silberstahlrüstung – denn natürlich war er ein gesalbter Ritter.
„Bist du bereit?“ fragte sein Waffenbruder Balian ihn mit drängender Stimme.
Keuchend schüttelte Leon den Kopf und erwachte wieder. Das Mädchen mit dem Silberhaar schaute ihn mit runden, ängstlichen Augen an. Obwohl Leon seinen Blick nicht von ihr abwenden konnte und wollte, schrien seine gesammelten Sinne ihm Warnungen zu. Er stöhnte gepeinigt auf, doch schon erhaschte er ein weiteres Fragment aus jemandes anderen Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Zwischen zwei silbernen Fäden, die sich um des Mädchens Körper wanden, wellte sich die Straße, schichtete sich auf und gabelte sich schließlich in ein unüberschaubares Gassengewirr. Leon befand sich auf einer riesigen Brücke, neben und über ihm türmten sich fremdartige Gebäude auf und Menschentrauben schoben sich laut schwatzend durch die engen Wege wie durch die Adern eines riesigen Organismus. Rötliche Sonnenstrahlen brachen durch eine sich auflösende Wolkendecke und tauchten das Szenario in ein für Leon heimeliges und zugleich phantastisches Licht. Eine Hand legte sich unverhofft auf seine Schulter. Mit einem erstickten Aufschrei fuhr er herum und sah in das ihm fremde Gesicht seiner Mutter. Sie schaute ihn ernst an und fragte: „Bist du bereit?“
Immer dichter fiel jetzt der Regen, zerschnitt messerscharf die Luft, um dann brachial auf dem Straßenpflaster aufzuschlagen. Das Silbermädchen stand nun direkt vor Leon und schaute ihn aus traurigen und gleichzeitig flehenden Augen an. In wilder Abfolge rauschten die Gedankenscherben auf Leon zu, begleitet vom Singen der silbrig glitzernden Fäden, die sich um das Mädchen woben, benetzt und sichtbar gemacht durch Scharen von Regentropfen. Leon brauste in einem elegant geschwungenen Luftschiff durch ein phantastisches Höhlensystem, dessen Decke wie ein weiter Himmel aus Gestein anmutete, mit Edelsteinen als Sternen und Goldadern als Wolken. Ein Matrose drehte seinen hundeartigen Schädel zu Leon und kaute an den Worten: „Bist du bereit?“ Aber an eine Antwort war nicht zu denken, denn Leon befand sich unter der Kuppel einer gewaltigen Kathedrale. Die Angst ging hier in Gestalt eines schönen Mannes um, dessen strahlendes Antlitz seiner inneren Dunkelheit Lügen strafte. Unzählige Millionen Wesen zitterten und buckelten vor ihm – und Leon war eines von ihnen. Plötzlich spürte er, wie ein Schrei in ihm aufstieg und sich schon bald Gehör verschaffen würde. Verzweifelt richtete er den Blick auf den blank polierten Marmorboden der Kathedrale, doch es half nichts, Leon konnte seine Affekte nicht kontrollieren. Er schrie unterdrückt auf, doch das genügte, um die Aufmerksamkeit des schönen Mannes magnetisch anzuziehen. Wie ein Blitz rauschte er auf Leon zu, die Augen starr auf den jungen Mann gerichtet. „Bist du bereit?“ brüllte der Mann und streckte seine Hand nach Leon aus.
Der Regen donnerte jetzt hernieder und brachte den Boden zum Schwanken. Ein lautes Klirren ertönte und dann zerbarst die Schaufensterscheibe mit einem ohrenbetäubenden Knall. Leon schluchzte auf, aber schon legte das Silbermädchen eine zarte Hand auf seine Wange und streichelte ihn sanft. „Hilfst du mir?“ fragte sie zaghaft.
Langsam sank Leon zu Boden und umarmte eine mehr als willkommene, bleierne Bewusstlosigkeit. Als er wieder zu sich kam, hörte er das Knacken und Knarzen eines alten Plattenspielers und die leise säuselnde Musik vermischte sich mit dem Prasseln des Regens zu beruhigenden Klängen, die in Leons Gedanken einsickerten und sie wieder einigermaßen mit Klarheit füllten. Sein Schwindel war verflogen und mit etwas Mühe richtete er sich auf einer schmalen Pritsche auf. Über ihm schwebte ein breites Gesicht, das erst beim zweiten Hinsehen nicht aus der Decke wuchs, sondern zu einem älteren Mann gehörte. Reinhardt Awentrod zwirbelte seinen gewaltigen Schnurrbart um die Finger und beäugte Leon argwöhnisch.
„Ich habe dich schon öfter vom Boden aufgelesen, du Herumtreiber, aber heute…ist es anders.“ Väterlich tätschelte er Leons Schulter und schlurfte dann zu seinem Sessel zurück. Er nahm seinen dampfenden Kaffee zur Hand und vertiefte sich scheinbar wieder in seine Lektüre, bestehend aus einem unhandlichen Wälzer, der aufgeschlagen auf einem Schreibtisch aus Buchenholz lag. Zwei Kerzen zierten die Ecken des Tisches und sorgten für ein Licht, das noch Schatten zuließ, ganz im Gegensatz zu den elektrischen Lichtern dieser Tage. Herr Awentrod wusste genau wie Leon, dass neue Erkenntnisse, die über diese Welt hinausreichten, in den Schatten verborgen waren. Man durfte sie deshalb niemals vollends vertreiben. Ansonsten verlor man sich im diesseitigen Leben und mit fortschreitender Lebensdauer war dieser Zustand des seelischen Stillstandes nicht mehr umkehrbar. Herr Awentrod las einige Zeilen und betrachtete fast verklärt eine Zeichnung von einer wirren Maschinerie, die so komplex war, dass Leon von einem flüchtigen Blick wieder schwindelte.
„Haben Sie…das Mädchen gesehen?“ fragte er, um sich abzulenken. Er heftete seine Augen auf die beiden Bücherregale im Raum, doch sie glitten an den abweisenden Einbänden ab und suchten sich wie von selbst ein neues Ziel, das sie in einer Staffelei fanden. Das Bild einer Stadt in den Sternen wartete dort auf seine Vollendung, doch ließen die Hundertschaften filigraner Gebäude schon jetzt keine Orientierung mehr zu.
„Das Mädchen?“ echote Herr Awentrod und stellte seine Kaffeetasse ab. Seine Brillengläser blinkten und Leon wusste, dass der Apotheker sie als zusätzlichen Schutzschirm nutzte, damit Fremde nicht den Spiegel seiner Augen durchdrangen.
„Geh doch mal zum alten Krador“, brummte Herr Awentrod und strich sich über den Bart. „Der schleicht auch immer des nachts durch die Gassen und sieht so einiges. Vielleicht weiß er etwas über dieses Silbermädchen, das du dir einbildest.“
Leon stutzte kurz, nickte jedoch dann. Wie immer, wenn er das Studierzimmer der Apotheke wieder verließ nahm er das gerade einen Spalt geöffnete Fenster nach draußen. Und wie immer schloss Herr Awentrod es zügig hinter ihm. Die Ereignisse nahmen ihren Lauf und Leon würde sie verbinden zu etwas ganz Besonderem. Ohne auf seine durchnässten Stiefel zu achten, setzte er seinen Weg durch die verregneten Straßen fort, die Augen stur geradeaus gerichtet. Das Silbermädchen erschien ihm schließlich wieder neben einer der verschnörkelten Bänke, die die lange Promenade an der Kaufhausbatterie zierten. Es duckte sich unter einen Unterstand, der vor Sonne oder Regen schützen sollte. Das Licht einer nahen Straßenlaterne flackerte und erlosch dann, nur um in einem silbrigen Ton wiederaufzuerstehen. Atemlos rannte Leon zu der durchscheinenden Gestalt herüber, blieb jedoch unschlüssig vor ihr stehen. Was jetzt?
Das Schaufenster! Siedend heiß fiel ihm die merkwürdige Oberfläche der Dutzende Meter langen Außenwand des Kaufhauses ein. Sie bestand aus einem einzigen Schaufenster, zusammengesetzt aus vielen kleineren, wie Spinnennetze, die sich zu einem einzigen verwoben hatten, um nicht nur all die winzigen Opfer einzufangen, sondern auch die großen Geister, die sich immun gegenüber ihrer Sogwirkung glaubten. Leon schaute über die Schulter und wie zu erwarten, fand hier eine Schlacht von epochalen Ausmaßen statt. Mehrere Armeen hatten sich versammelt, um koordiniert anzugreifen. Sie machten sich den Wind zunutze und griffen unterschiedliche Bereiche der Fensterfront an, um sie auf Schwachstellen zu testen. Aber an einen Durchbruch war derzeit noch nicht zu denken. Und so stürmte der Regen weiter gegen eine Verteidigung an, gegen die er eigentlich nichts ausrichten konnte, wenn er die Art seines Daseins nicht änderte.
Das Silbermädchen trat bebend aus ihrem Unterschlupf. Wiederum förderte der Regen die silbernen Zwirne zutage, die sich um ihre Gestalt wickelten.
„Ich sollte nicht…“ Angsterfüllt sah sie das Schaufenster an, das sich unter ihrem Blick fast unbemerkt zu einem Spiegel wandelte.
„Oh nein“, hauchte das Silbermädchen. Doch es war zu spät. Aus dem Glas des riesigen Schaufensters trat eine humanoide Gestalt, die von einer düsteren Aura umgeben war. Sie verwehrte Leon eine genauere Begutachtung, so sehr er sich auch bemühte, die Dunkelheit zu durchdringen. Sein Mund wurde trocken.
„Wer bist du?“ schnurrte das Wesen.
„Antworte ihm nicht“, wisperte das Silbermädchen. Die silbernen Fäden schmiegten sich jetzt an ihre Figur und legten sich wie Schlangen um sie. Für einen Sekundenbruchteil dachte Leon daran, wegzulaufen, doch dann fasste er sich. Wenn es eines gab, was er sicher wusste…
„Ich bin der Nachtwanderer“, antwortete er kühn und trat vor.
„Wie sehe ich für dich aus?“ fragte das Wesen erwartungsvoll.
„Antworte ihm nicht!“ stieß das Silbermädchen keuchend hervor.
Doch Leon trat sogar noch einen Schritt nach vorn. Die Nacht gehörte ihm und niemandem sonst. Er hob den Blick und taxierte das Wesen genau. Erst jetzt traten verborgene Details zum Vorschein. Ein grausam entstelltes Antlitz, das nur entfernt einem menschlichen Schädel ähnelte wurde beherrscht von einem Maul voller gläserner Splitter statt Zähnen. Je zwei Pupillen zuckten in den beiden übergroßen Augen umher, die sich aus den von dunklen Adern durchzogenen, teigigen Wangen des Wesens schälten. Lange Stelzen dienten ihm als Beine, knickten wie bei einem Insekt auf der Hälfte ab, nur um in einen abgemagerten Torso zu münden, dessen Haut aufgequollen vor sich hin eiterte.
„Gut so?“ meinte das Ungeheuer und fixierte Leon mit einem erregten Blick.
Furcht sammelte sich in Leons Magen an und kroch mit einem quälenden Brennen seine Brust hinauf.
„Geht es deiner Mutter gut?“ fragte das Wesen plötzlich.
Ein eiskalter Schauder rieselte Leons Nacken herab. Seine Mutter war tot.
„Und dein Vater, wann hast du ihn zuletzt in der Anstalt besucht?“ schob das Monster gehässig nach.
„Woher…?“ Leon spürte, wie seine Muskeln zu Eis erstarrten und seine Wahrnehmung sich verflüchtigte.
Mit einem gutturalen Gackern schlich die Bestie Schritt um Schritt auf den jungen Mann zu und mit jeder Bewegung steigerte sich Leons Furcht.
„Ich bin der Intrigant“, flüsterte das groteske Wesen. Es ließ seinen Blick über das Silbermädchen gleiten und streckte unkontrolliert die Hände nach ihr aus. „Diese unentdeckten Geheimnisse…“ Die Stimme des Ungeheuers sonderte eine solch haltlose Gier ab, dass Leon sie beinahe als Inkarnation derselben sah. Verunsichert legte das Silbermädchen ihre Arme um den Körper. Die Fäden schnürten sich wie Schlingen zusammen und verdeckten ihre Gestalt vollständig vor den lüsternen Augen der Aberration.
„Ich muss es sehen“, keuchte dessen Stimme hungrig.
Ein Schatten wischte durch den Nebel hinter den Regenschleiern, preschte zwischen das Silbermädchen und das Wesen aus dem Spiegel. Ein lauter Knall ertönte, der Leon augenblicklich wieder ins Diesseits zurückholte. Er brachte sich und das Silbermädchen mit einem Satz in Sicherheit und nur einen Lidschlag später zischte eine grün schillernde Klinge durch die Luft, zerteilte den Regen und drang tief in den Körper des Intriganten ein. Das darauffolgende Kreischen schmerzte so sehr in den Ohren, dass Leon die Hände darüber schlagen musste.
Der Intrigant schlug wild um sich, traf jedoch nur ins Leere. Eine schmale Gestalt schnitt und stach auf ihn ein, ohne sich von seiner abstoßenden Erscheinung und seinen andersweltlichen Ausrufen abschrecken zu lassen. Schließlich verdampfte er unter den Schlägen des Angreifers und löste sich vollends auf. Die Gestalt in ihrem regennassen Mantel drehte sich zu Leon und dem Silbermädchen um.
„Ich bin Sebille Brandt.“ Grüne Augen und ein schmaler Mund beherrschten ein Gesicht, das einmal jung und frisch geleuchtet haben mochte, doch nun von Anstrengung gezeichnet war. Eine Jägerin, dachte Leon. Wärme stieg in seiner Brust hoch.
„Was hast du getan, Nachtwanderer?“ fragte sie herrisch und Leon riss die Augen auf, als er seinen selbst erdachten Titel aus dem Mund einer anderen Person hörte.
„Es gibt einen schmalen Grat zwischen Wachen und Träumen und bisher hast du diese Linie nicht überschritten.“ Die Stimme der Frau klang drohend. „Jetzt hast du…“
Ein abgründiger Schrei durchschnitt plötzlich die Nacht und schlitzte Leons Wange auf. Er keuchte, doch die Jägerin fing seine Hand, ab, mit der er die Wunde betasten wollte. „Nein!“ rief sie. „Es ist nichts!“ Sie schaute sich besorgt um. „Geh zurück in die Nachtlaube“, befahl sie ihm dann. Ohne sich weiter zu erklären, löste sie eine kleine Laterne von ihrem schweren Mantel und beleuchtete Dunkelheit und Nebel der Straße. Dann stapfte sie davon und zurück blieb nur eine schwache Spur ihres Lichtes. Als Leon seine Wange mit den Fingern berührte, spürte er weder Blut noch sonstige Anzeichen einer Wunde. Ein Lichtblitz durchzuckte plötzlich die Nacht und verleitete Leon unwillkürlich dazu, seine Augen zu verschließen.
„Was habe ich da eben gesehen?“ fragte eine Stimme hinter ihm.
Der Journalist, dachte Leon. Natürlich war er hier. Er durchwanderte die Nacht ebenso wie Leon, doch er durfte sich nicht als den Nachtwanderer bezeichnen.
„Was meinst du?“ fragte Leon vorsichtig.
„Na, die Frau!“ gab der Journalist Krador Termius heftig zurück. „Sie hat gegen irgendetwas gekämpft!“ Seine Augen glänzten. „Du weißt, dass ich hier über alles Bescheid wissen muss, nicht wahr? Das ist erforderlich.“
„Wofür ist es erforderlich“, flüsterte das Silbermädchen. Sie stand ganz nah neben Leon und schaute Krador ängstlich an. Er reagierte nicht auf die Frage, sondern sah Leon weiter unverwandt in die Augen. Der Blick des Journalisten wurde hart, doch Leon hielt ihm stand.
Krador runzelte schließlich die Stirn. „Geh in die Redaktion“, sagte er nach kurzem Überlegen. „Arthur Waythe sollte noch dort sein. Er arbeitet an einer…okkulten Geschichte. Irgendetwas ist in dieser Nacht anders. Arthur scheint zu glauben, dass wir alle betroffen sind.“ Er klopfte Leon bestärkend auf den Rücken. „Ich habe ja meine Kamera“, sagte der Journalist noch, bevor er sich herumdrehte und langsam davon schlenderte. Leon schaute ihm noch eine Weile nach, bis ihm bewusstwurde, dass das Silbermädchen wieder verschwunden war.
Arthur Waythe brachte das Magazin Hinter dem Schleier heraus, das wohl außer Leon kaum jemand in der Stadt las. Eine goldene Glocke gab ein leises Läuten von sich, als Leon durch die Tür trat. Die Redaktion bestand nur aus einem einzigen, hohen Raum, dessen obere Hälfte als zweite Etage genutzt wurde. Eine Reihe von Regalen erstreckten sich bis in die Düsternis der Decke, vollgestopft mit Büchern, Zeitungen, Flugblättern und Schriftrollen.
„Kann ich dir helfen?“ fragte eine Stimme aus dem rauchigen Abteil unterhalb der Treppe in die zweite Etage. Hinter einem dichten Vorhang aus Zigarrenqualm lungerte ein untersetzter Mann mit dicken Brillengläsern in einem angeranzten Ledersessel und lugte zwischen zwei penibel aufeinandergeschichteten Bücherstapeln hervor. Leon räusperte sich. Doch bevor er dem Rat Herrn Awentrods und des Journalisten Krador folgen konnte, sagte die sanfte Stimme des Silbermädchens: „Sieh nur.“
Leon folgte ihrem deutenden Finger und erschrak bis ins Mark. Über der Lehne des Sessels schwebte das Gesicht des Spiegelwesens und grinste sie grotesk an. Plötzlich legte es eine Klaue auf den Kopf des Herausgebers und gab schmatzende Geräusche von sich. Arthur Waythe nahm keine Notiz davon, sondern schaute weiterhin unverwandt Leon an. „Was nun? Ich bin beschäftigt, also mach es kurz.“
Zwar fürchtete Leon sich, doch er wusste auch, dass Arthur Waythe einigen Einfluss besaß. Er würde es riskieren. „Krador hat mich hergeschickt“, begann Leon und trat in den Raum hinein. „Er meinte, du wärst einer Sache auf der Spur, die uns alle betrifft?“ Er zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch und heftete die Augen auf das dicke Gesicht des Herausgebers, doch am Rande seines Sichtfeldes lauerte immer noch der Intrigant. Mittlerweile hing er an der Decke der ersten Etage und krabbelte durch die Schatten zum Treppengeländer. Er jaulte leise.
Arthur Waythe lehnte sich selbstgefällig in seinem Ledersessel zurück und setzte ein wölfisches Grinsen auf. „Ja, meine Sternstunde ist endlich gekommen“, prahlte er und lachte. Dann beugte er sich verschwörerisch vor. „Es ist etwas in diese Welt gekommen. Etwas ganz Außerordentliches. Mit der Macht, mich hier herauszuholen.“ Er nickte bekräftigend. „Und ich werde derjenige sein, der es den anderen unter die arroganten Nasen reibt!“
Leon stutzte überrascht. „Du wirst… entkommen?“ fragte er. Ja, stimmt. Das war doch das Ziel?
Bevor Arthur Waythe antwortete, regte sich der Intrigant. „Das wird er nicht“, flüsterte er und hockte sich auf den Treppenabsatz. „Dafür werde ich sorgen, dank deiner Hilfe.“ Er lachte grollend. „Nimm dein Silbermädchen und lauf schnell weg, solange du noch kannst.“
Leon kaute überlegend an seiner Lippe. „Können wir nicht alle gemeinsam entkommen?“ fragte er.
Arthur Waythes Augen weiteten sich verblüfft. „Nein!“, sagte er heftig. „Wenn wir alle gleichzeitig herauskommen, wird der Kirchenmann aufmerksam auf uns! Das riskiere ich nicht. Nun geh. Ich muss schreiben.“ Er wandte sich wieder seinen Manuskripten zu und ignorierte Leon, bis dieser sich schließlich umwandte und die Redaktion wieder verließ. Draußen erwartete ihn die Jägerin. „Er wird uns einen nach dem anderen holen“, stellte sie fest. „Und ich weiß nicht, ob ich ihn überwinden kann. Du hast uns alle verurteilt, weißt du das? Wenn der letzte von uns fällt, dann…wird nichts übrigbleiben. Er ist die Bösartigkeit, die uns verschlingen wird. Wir müssen uns um den Status quo bemühen, verdammt.“
Leon kniff mehrmals die Augen zusammen und versuchte, sich zu konzentrieren. Es gab einen Ausweg, das wusste er. Das Silbermädchen und der Intrigant hingen schließlich zusammen.
„Warum bist du aus deiner Geschichte ausgebrochen?“ fragte die Jägerin, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
„Weil…“
„Du bist genauso egoistisch wie alle anderen“, unterbrach ihn die Jägerin ungnädig. Sie schüttelte den Kopf.
Leon versuchte, seine Gedanken zu sammeln. Irgendetwas hatte er doch bezweckt. So lange schon darbte er hier, eingeschlossen in der Stadt, im ewigen Regen. Er konnte sich an ein Leben außerhalb des grauen Einerleis nicht erinnern, doch seine Seele erzählte ihm seit jeher davon, ohne dass er diese Geschichte wirklich greifen konnte, so sehr er es auch versuchte. Wie erwartet, hatte sich das Silbermädchen wieder in Dunst aufgelöst. Tief in seine Gedanken versunken, schlenderte Leon durch die Straßen und machte sich auf den Weg zurück zur Nachtlaube. Sollte er das Silbermädchen zu Papier bringen? Dann wäre sie hier gefangen. Leon sah auf. Irritiert betrachtete er die Häuser ringsherum. Er konnte sich nicht erinnern…aber schließlich hatte er seine Geschichte auch ausgeweitet, wieso wunderte er sich dann, neue Umgebungen zu sehen, vielleicht sogar die Umgebung eines anderen? Die Stadt fungierte schließlich als Bindeglied zwischen ihnen allen. Eine Frau in einem rötlichen Kleid saß auf einem Fenstersims und betrachtete in sich gekehrt den Vorhang aus Regen.
Etwas argwöhnisch trat Leon näher. „Entschuldigen Sie“, sagte er. „Kennen Sie sich hier aus? Ich habe meinen Weg verloren. Ich suche den Weg zur Nachtlaube.“
Die Frau schürzte die Lippen und seufzte bitterlich. „Ich suche auch etwas. Erkenntnis. Ich will herausfinden, ob die Menschen, die zu mir kommen, um ihrer selbst willen meinen Körper benutzen wollen oder ob sie von etwas außerhalb ihres geistigen Horizontes angetrieben werden wie Insekten, die vor dem Licht in dunkle Ecken fliehen.“ Sie schaute in den regenverhangenen Himmel. „Warum regnet es eigentlich die ganze Nacht?“ fragte sie leise. „Man sieht kaum etwas.“ Ihr Blick wanderte zurück zu Leon. „Und welche Menschen benutzen meinen Körper nicht, sondern begehren ihn um meiner selbst willen? Welche Menschen werden dazu aus sich selbst heraus angetrieben und welche von dieser unsäglichen, fremden Macht, die ein Prinzip etabliert, das manche von uns in reißende Bestien verwandelt? Lässt sich körperliches und geistiges Begehren auf eine Person vereinen, in einer ewigen Liebe, was glaubst du?“
Leon dachte angestrengt darüber nach. Es zeugte von geistiger Gesundheit, sich solche Fragen zu stellen, wenn man sich auf der Suche nach Erkenntnis befand, das wusste er.
„Kennst du die Farbe des Wahnsinns?“ fragte die Frau und beugte sich gespannt vor.
„N-nein“, stotterte Leon unsicher.
Die Frau nickte wissend. „Schau dir meine Lippen an“, sagte sie. „Sie sind rot. Der Wahnsinn ist ebenfalls rot. So wie die Liebe, die Leidenschaft, das Blut.“ Sie rückte gedankenverloren ihr schönes, rotes Kleid zurecht. „Was ist es nur, was in uns vorgeht“, murmelte sie.
„Kannst du mir helfen, meinen Weg zu finden?“ fragte Leon zaghaft.
Die Frau starrte durch ihn hindurch. „Weißt du eigentlich, was passiert, wenn man alle Fenster zu sich öffnet?“ fragte sie. „Und weißt du, warum die Leute dir immer so in die Augen starren? Manche meiner Kunden stieren mir so sehr in die Augen, dass ich schon manches Mal glaubte, sie würden zerspringen. Aber manche Leute vermeiden es auch, auf meine Augen zu starren, im Gegenteil, sie schauen weg. Warum glaubst du, ist das so?“
Leons Herz pochte plötzlich. Er dachte an Herrn Awentrods Brille und an das Schaufenster, an alle Schaufenster und Brillen und Spiegel und Seen und Augen. Er wusste die Antwort. „Manche Menschen wollen dir die Geheimnisse deines Geistes entreißen und manche wollen das nicht. Sie alle sind getrieben von Gier, von Gewalt. Und wenn du alle Fenster zu dir öffnest oder jemand all deine Fenster einschlägt, dann kann er dich beherrschen.“
Die Frau zog ihre Beine an den Körper. „Das stimmt.“
Eine bedrohliche Stille breitete sich aus.
„Lässt du es deshalb die ganze Nacht regnen?“ fragte die Frau. Dann schloss sie ihre Augen und blieb starr wie eine Puppe sitzen. Keuchend prallte Leon zurück und fiel rücklings in eine Pfütze. Die Häuser um ihn herum waren nicht die seinen. Er hatte sich verirrt, ja. Er hatte die Stadt eines anderen betreten. Mit einiger Anstrengung richtete er sich wieder auf und schloss für einen Moment die Augen, so wie die Frau es ihm vorgemacht hatte. Er schlug die Fenster zu seinem Geist zu und wartete einige endlose Augenblicke. Schließlich zog er den Vorhang wieder hinfort und schaute sich um. Erleichtert atmete er auf. Dies war seine Stadt und er war der Nachtwanderer. Zielsicher bewegte er sich nun wieder durch die Straßen und Gassen der Stadt, die ihm gehörte. In jedem Fenster, erleuchtet oder finster, sah er mit einem Mal Geschichten, nahm Anteil an den Schicksalen der Menschen, die sich hinter den gläsernen Mauern verbargen. Doch mit einer Gewissheit, die ihn innerlich rührte, wurde Leon sich bewusst, dass die Fenster gar keine durchsichtigen und doch undurchdringlichen Mauern waren, sondern in Wirklichkeit eine hinter Gardinen versteckte Einladung, ein verschämtes hinter dem Vorhang hervorlugen, um andere Menschen einzuladen. Eine solche Einladung rief natürlich finstere Wesen auf den Plan und deshalb ließen die meisten Leute ihren Geist lieber verschlossen und mit der Zeit erloschen ihre Augen und damit das Fenster zu ihren kostbaren Geheimnissen, die somit für immer verloren gingen. Das musste er verhindern! Wie von Sinnen begann Leon durch die dichten Regenschleier zu rennen – zur Nachtlaube. Mit zitternden Händen und fiebrigem Blick kramte er noch im Laufen sein Notizbuch hervor und fischte einen Stift aus seiner Jackentasche.
Gabriel Abbatur putzte seelenruhig die dreckigen Gläser und Tassen, die auf der Anrichte aufgereiht waren wie eine wohlsortierte Auswahl an alchemistischem Gebräu. Die Nachtlaube beherbergte eine diffuse Anzahl Gäste, die verlassen und einsam in den Ecken saßen, brütend über ihren Manuskripten. Mancher seufzte tief, andere schluchzten auf und einer lehnte sich mit erstarrtem Gesicht in seinem Sessel zurück, um im Schatten zu verharren. Sie alle schrieben an ihren Texten, jeder für sich und sie stapelten an den Rändern ihrer Tische die weniger gelungenen Geschichten auf, damit niemand ihr derzeitiges Werk in Augenschein nehmen konnte.
Leon suchte aufgewühlt seinen Stammtisch auf und ließ sich auf seinem abgesessenen Hocker nieder. Achtsam durchstöberte er die Manuskriptseitenstapel auf seinem Tisch und urteilte schnell und gerecht über jeden der großen Texte.
„Gewährst du mir Unterschlupf in deinen Geschichten?“ fragte das Silbermädchen neben ihm schüchtern. Er hatte schon erwartet, dass sie ihm in die Nachtlaube folgen würde. Sie war auf der Flucht hier gestrandet, so musste es sein. Aber wenn sie nun doch nur Teil seiner Geschichte war?
Leon druckste ein wenig herum, doch schließlich gab er wehmütig zu: „Niemand da draußen kann dich sehen.“
Emma lächelte vertrauensvoll. „Du siehst mich doch.“
„Ja, schon…“
„Beginnt nicht jeder große Gedanke so? Die Rettung der Welt liegt manchmal schlummernd im Geist eines einzelnen Wesens.“
Leon schnaufte. „Also gut“, sagte er. „Wenn ich das tun soll…brauchst du aber einen Namen!“
Die junge Frau schien einen Augenblick zu überlegen, als ob sie sich erst erinnern müsste. Vielleicht gab sie sich auch erst in diesem Augenblick einen neuen Namen, der ihr zusagte. „Ich heiße Emma“, sagte sie schließlich. „Emma Frentalee. Also…hilfst du mir?“ Zurückhaltend streckte sie ihre blasse Hand aus und verharrte unschlüssig in der Luft zwischen ihnen.
Leon atmete tief durch und nahm dann die Hand des Silbermädchens. „Ja“, antwortete er schlicht.
Emma setzte sich ihm gegenüber und sah ihn ernst an. Sie deutete auf die anderen Leute in der Nachtlaube, die nun allesamt ihre Köpfe gehoben hatten und aus geröteten Augen zu Leon herübersahen. „Wir können hier nicht bleiben“, sagte sie kleinlaut.
„Ich weiß“, antwortete Leon und lächelte.
Draußen hagelte es mittlerweile, begleitet von einem ständigen Splittern und Bersten. Es war Zeit zu gehen.