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Orenda-Das Ewige Werk

Kapitel 1 – Gottgleich

 

„So entschieden die Götter, das Dasein in Zyklen einzuteilen, damit es eines Tages zu einem Ende komme. Sechsmal eintausend Zyklen sollte das Dasein währen und die Atavus sollten sich die Welt in dieser Zeit zu eigen machen. Alle Tiere, Pflanzen und Pilze sollen euch untergeordnet sein, so versprach Adavil. Herrscht über alle Rassen der Welt, so befahl Towak. Und die Atavus hörten zu.“

 

Aus den Tojhbilkor, 1. Kapitel aus dem Buch des Ahedam

 

Das gelb-graue Felsenmeer zog sich endlos durch die Weite Vagrantdoms und das glühende Himmelslicht versengte das Gestein gleich einer nie endenden Tortur. Ascheflöckchen tanzten im rauen Wind, herangetragen aus der Branderde Archentons im Norden des Kontinents. Die Rüstung des wandernden Ritters knirschte mittlerweile bei jeder Bewegung, denn Sand und Staub verstopften auch noch die letzte ihrer Fugen. Stoisch zog der Ritter seinen im Wind knatternden Umhang fester um sich und setzte seinen beschwerlichen Weg unbeirrt fort. Nach Stunden in der heulenden Ödnis erklomm er einen gewaltigen, rissigen Baststein, aus dessen Ritzen zähflüssige, gelbe Bäche aus Pflanzensaft strömten und das umliegende Land benetzten. Der von Zwergen und Elfen in Urzeiten bearbeitete, riesige Stein prangte über der Felsenwüste, als ob all die anderen Felsen, Steine und Kiesel seine Untergebenen wären. Langsam erhob der Ritter seinen gepanzerten Arm und beschattete sein diamantweißes, ebenmäßiges Gesicht. In alle Himmelsrichtungen erstreckte sich ein und dieselbe Landschaft, bis zum Horizont und darüber hinaus. Doch in der unendlich weiten Ferne des Ostens machte der Ritter schließlich ein gewaltiges Gebirge aus, und dahinter gelegen, ein einziger, titanischer Berg.

Rak.

Dort würde der wandernde Ritter auf seinesgleichen treffen, die Pilger von Altai. Er erwartete nicht viele von ihnen dort zu sehen, beinahe am Ende der bekannten Welt. Doch ein jeder von ihnen trachtete danach, die auf ewig verschlossenen Tore von Rak zu durchbrechen und zum Herz der orkischen Spezies vorzudringen. Gemeinsam oder allein, ganz gleich, würden die Pilger von Altai das Allerheiligste der Orks betreten und Hand anlegen an den Leichnam des gefallenen Gottes Crom, Schöpfer der Orks und verachteter Feind der Götterbrüder. Jeder Pilger von Altai würde sein Leben dafür geben, Adavil und Towak auf diese Weise stolz zu machen. Und genau das würden sie auch tun. Der Ritter griff jetzt in seine Tasche und förderte eine kleine, flache Platte hervor, die eben aus einem jener Baststeine geschliffen worden war, von denen ein Exemplar sich nun herrschaftlich aus der Felsenwüste erhob. Mit geübten Handgriffen setzte der Ritter eine Reihe schmaler, grünlichblau schimmernder Stäbe in dafür vorgesehene Öffnungen ein und wartete dann einige Augenblicke ab. Dabei hielt er die Baststeinplatte in das Himmelslicht, schwenkte sie einige Male hin und her, drehte sie von einer Seite auf die andere. Schließlich hielt er sie in Höhe seines Gesichts auf das Bergmassiv im Osten gerichtet. Die Platte erglühte und die kleinen Stäbe in ihrem Inneren schienen zu brennen. Scheinbar ohne die Hitze zu bemerken, verharrte der Ritter regungslos, bis die Baststeinplatte eine kaum hörbare Detonation von sich gab. Augenblicklich erlosch die Glut in ihr und die kleinen Brennstäbe kühlten wieder ab, bis sie nur noch schwaches Licht von sich gaben. In Anur würde der Ritter die Baststeinplatte in ein akribisch angefertigtes Gehäuse aus Diamantseele schieben, die darin befindlichen Brennstäbe erhitzen und den Siedepunkt der Baststeinplatte wiederum reizen. Sodann und für alle Zeit konnte jeder die soeben auf der Platte gespeicherten Bilder des fernen Berges abrufen und auf dem spiegelglatten Gehäuse der Diamantseele betrachten. Der Ritter wusste nicht, ob dieses Ritual von Bedeutung war, ob es zu etwas führte, Bilder von einprägsamen Orten zu bewahren, doch er hatte sich dazu entschlossen, diesen neuartigen Weg zu beschreiten. Bald nahm der wandernde Ritter den Abstieg von seinem Aussichtspunkt in Angriff und er richtete sein blaues Augenlicht immer wieder auf den archaischen Berg am Horizont. Es gehörte zu den obligatorischen Handlungen eines Wanderers, ein Reisetagebuch zu führen. Dabei erging sich der Wanderer nicht nur in der Beschreibung wichtig erscheinender Eckpunkte seiner Reise, vielmehr skizzierte er auch die Beschaffenheit der Straßen und Wege, den Zustand der Tiere und Pflanzen und Pilze, aber auch den panoramatischen Blick auf die ihn begleitenden Horizonte, mal beherrscht von mächtigen Gebirgsketten, dann wieder verhangen von nebligen Regenschleiern oder erfüllt vom sengenden Schein des Himmelslichts. Adonai brachte seine derzeitige Reise geflissentlich auf die Seiten seines Gahlheftes, jedes Lichtmahl schrieb er eine Seite. Doch die neue Technologie des Ewigerinnerns reizte ihn auch und es konnte nicht schaden, eine Reise in Schrift und genauso in einer Reihe von Bildern festzuhalten. Adonai setzte seinen Weg fort, vorbei an außergewöhnlich geformten Hügeln, von grauer Farbe und wie gleichförmig aufgeschichtet, als ob darunter vor langer Zeit etwas begraben worden wäre. Gelb gesprenkelte Felsenbussarde wetzten ihre Schnäbel an den Knochen lang verendeter Ungeheuer in einer großen Senke, die sich endlos durch die Steppe zog und erst an der Peripherie zur Wüste von Gehlbe im Süden endete, soweit Adonai gehört hatte. Als er seinen Blick zum Horizont in dieser Richtung wandte, verharrte er für einige Momente, um der vorbeiziehenden Flotte von Himmelsschiffen zu folgen, die langsam das bereits rötlich glimmende Firmament kreuzten. Myriaden winziger Punkte flogen in perfekter Begleitformation an der Seite der Kolosse aus Holz und Eisen und Federn. Offenbar hatten ganze Schwärme von Arbenflossen ihre Reise in die Meere des Ostens angetreten und sich entschlossen, den Himmelsschiffen eine Weile als Geleitschutz zu dienen. Natürlich würden die Himmelsschiffe niemals die Silberwand im Osten überwinden, jene Gebirgskette, die sich von der Savastopol im Norden über Vagrantdom im Zentrum des Kontinents bis hinunter in die Dschungel der Thamalugen erstreckte und auf halben Wege die Götterschlossberge kreuzte, die den Kontinent in Nord und Süd aufteilten so wie die Silberwand in West und Ost. Der ständige Begleiter eines jeden Wanderers durch Vagrantdom war die Silhouette des Turms zum Himmel, des Nirmokvalja. Er ragte so hoch auf, dass er die Hügel und Gebirge des Landes überragte, ein Zeugnis der Macht der Atavus. Mitten in Dalzahd im zentralen Norden Vagrantdoms stach der Turm in den Himmel, durchbrach sogar die Wolkendecke und suchte dort oben nach der Ewigkeit des Daseins. Ein goldener Schein strahlte aus dem Inneren des Turm nach außen, beredtes Zeichen für die Tugend der Atavus, die einst das Fundament dieses göttlichen Werkes legten. Adonai fühlte sich beschwingt durch all jene Wunder, die ihn umgaben, ob nun geschaffen von der Hand seinesgleichen oder durch jene der Götter. Er fühlte den Geist der Pilger von Altai in sich und wusste, dass ihre Frömmigkeit gesegnet war. Sie würden es schließlich sein, die die beiden letzten Dinge des Daseins in die Stadt der Städte tragen würden – nach Atavus‘Hyliador. Adonai dachte unwillkürlich an die Zeit seiner Reinigung und Segnung in eben jener güldenen Stadt zurück. Mehrere Monate schon bereiste er die Weiten Vagrantdoms, hatte die Sonnfrostwälder und den Weißen Sand Fengravs durchquert und die Erdenfelder Herlodavils durchwandert, die Sümpfe von Hrechgot überwunden und an den Gewässern Ul’Shendrons verharrt, dem Grausteinmeer. Vor seinem Dasein als Pilger hatte Adonai jenseits der Götterschlossberge, in den Wildstromlanden seinen Kriegsdienst getan. Die Pilger von Altai rekrutierten sich aus einer Art ewigem Konflikt, der im Zentrum der Wildstromlande schwelte und bereits eine ganze Region entvölkert hatte. Ein Erdbeben hatte vor langer Zeit ein gähnendes Loch in die Landschaft gerissen, einen bodenlosen Abgrund, aus dem sich die quälende Hitze aus dem Inneren der Welt an die Oberfläche wälzte. Nun war das Land verdorrt, die Flüsse siechten nur noch dahin oder versiegten ganz. Aus dem Abgrund krochen unsägliche Kreaturen hervor, grausig anzusehen, fernab einer einheitlichen Rasse, wandelbar in Gestalt und Geist. Sie marterten Fleisch und Gedanken der Atavus, verschlissen ganze Gruppen von Kriegern, machten sie stumpfsinnig, bösartig, verdorben. Adonai erinnerte sich messerscharf an die grausamen Tode seiner Kampfgefährten, an den Geruch von Blut und Verderben, an das außerweltliche Kreischen der Dämonen und an sein eigenes Wimmern. In der Stadt der Städte hatte Adonai sich schließlich reingewaschen von seinen Verlusten und von Angst und Terror des Kampfes. Zwar halfen die Rituale bei der Bewältigung und Einordnung derartiger Abschnitte der Existenz, aber ein jeder Atavus, der einst im Krieg kämpfte, schloss sich letztendlich einem der Pilgerorden an oder gründete gar einen gänzlich neuen Orden, mit bislang von anderen noch nicht ausgeloteten Zielen.

Der raue Wüstenwind entschied sich nun, eine andere Richtung einzuschlagen und zerschnitt den von aufgewirbeltem Sand durchwirkten Nebel vor Adonai, nur um den Blick auf eine riesige Steinkonstruktion freizugeben. Es handelte sich um eines der Himmelstore der Atavus. In den Ländern des Westens gab es diese Tore überall und wer es durchschritt, kürzte seinen Weg um nicht weniger als die gesamte Strecke ab, die eigentlich zurückzulegen gewesen wäre. Doch es galt als verpönt, sich einzig und allein mit Hilfe der Himmelstore oder Himmelsschiffe fortzubewegen, denn ein wahrer Atavus-Pilger setzte sich den Naturkräften aus, lernte sie kennen und trotzte ihnen. Zudem munkelten manche unter den Gelehrten der Atavus über verborgene, wenig erbauliche Auswirkungen dieser Reisen durch Raum und Zeit. Irisierende Runen mäanderten über das Gestein des Himmelstores, ständig am Rande der Wahrnehmung, sich nie wirklich manifestierend. Ein Schmiedemeister namens Galwan aus der Stadt Anur im östlichen Teil von Vagrantdom erzählte Adonai vor Jahren eine Geschichte über die Entstehung dieser Steinkolosse. Bereits im ersten Jahrtausend ihrer Existenz erkannten die Atavus die Wahrheit des Daseins. Die Götter Adavil und Towak hatten eine wundersame Welt geschaffen, das stand außer Zweifel, doch würde sie binnen sechs Jahrtausenden einen dramatischen Niedergang erleben, der in einer Auslöschung des Daseins gipfeln würde. So sprachen die Propheten, in jedem Jahrtausend einer von ihnen. In 5170 Z. v. E. tauchte der erste atavische Prophet auf, sein Name war Ahedam, Herr der Erstgeborenen und er brachte die Kunde vom drohenden Verhängnis. Er wurde, so verkündeten die heiligen Schriften, die so genannten Tojhbilkor, von den zu allen Zeiten heidnischen Zwergen, Elfen und Orks getötet, jene Unterrassen, die Orenda ebenfalls bevölkerten, jedoch ohne je eine göttliche Weisung erfahren zu haben. Es folgte in 4646 Z. v. E. der dunkle Prophet Abthraham, der Abgrundschreiter, dessen Haut so schwarz wie Vulkangestein gewesen sein soll, danach erschien Gamoset, der Silbergesalbte in 3872 Z. v. E., ein Atavus von außerordentlicher Güte. Odaved, der Schweigsame in 2517 Z. v. E und Ajehstus, genannt der Felsenbrecher in 1872 Z. v. E. waren schließlich die letzten beiden der Propheten innerhalb der normalen Zyklen. Im nun letzten Zyklus des Daseins erschien Gomahamid, der Letzte Lebende, denn er würde es sein, der die Atavus hinter den Schleier und zu den Göttern führen würde. Gomahamid wusste, dass nach ihm noch jemand kommen würde, ein siebter Prophet, dessen Wesen aber von den Atavus noch nicht begriffen werden konnte. Dazu musste die gesamte Spezies zu den Göttern aufsteigen, musste Adavil und Towak ins Antlitz blicken. Jeder Atavus kannte die Propheten und die Zyklen ihres Erscheinens, musste sie kennen, denn sie definierten die Existenz von Grund auf, vom Anfang bis zum Ende. Das Wissen um die Endlichkeit des Daseins ließ die Atavus zu wahren Grenzgängern werden und von der ersten Stunde an richteten sie ihr Streben darauf, sich die Welt untertan zu machen und mit allen Mitteln bis zum letzten Tag des Daseins die Vorbereitungen zum Aufstieg in den Himmel abzuschließen. So machten sie sich auf, die Dinge des Daseins zu erlangen.

In jedem der Zyklentausende erlangten sie eines dieser sageumwobenen Artefakte, sieben an der Zahl.

Den König der Pragon fingen die Atavus in einer beispiellosen Hetzjagd ein, bei der die ersten Himmelsschiffe zum Einsatz kamen, denn schließlich lebten die wenigen noch übrigen Pragon auf Orenda allesamt in Drachengestalt. Nhchmwg stellte an Größe und Wildheit alle anderen seiner Artgenossen in den Schatten, zumal seine Flügel tatsächlich eine ganze Stadt verdunkeln konnten. Jetzt fristete er ein karges Dasein in einem Monumentalbau inmitten des Herzens von Narwaleystroim, seiner Flügel auf ewig beraubt. Nie hatte Adonai die Hintergründe zum sogenannten Dämon aus der Unterwelt verstanden, den seine Vorfahren im zweiten Zyklentausend des Daseins in einem Käfig aus Gedanken einsperrten. Die Klügsten der Atavus versicherten den ihren, dass jener Dämon sicher verwahrt auf seine Bestimmung wartete, doch kaum jemand verstand wirklich die Ausführungen der Gelehrten über den Verbleib und die Beschaffenheit dieses merkwürdigen Gefängnisses und auch Adonai gestand sich schließlich seine für solche Geheimnisse bei weitem zu beschränkte Gedankenkraft ein und ließ es dabei bewenden. Im dritten Zyklentausend des Dasein schließlich verleibten sich die Atavus mit Verhandlungsgeschick und Großmütigkeit die elfische Rasse insofern ein, als dass sämtliche Elfenstämme seit dem Abkommen zwischen dem atavischen Anführer Grantor und der Elfe vom Stamm der Al’Dralor, Seyndra, gemeinsam mit den Atavus lebten, was in der damaligen Zeit wohl nichts anderes als einen Friedensschluss bedeutete. Heute jedoch lebten selbst in Atavus’Heliador, der Stadt der Städte, unzählige Elfen in ihren eigenen Vierteln und sie stellten nicht weniger als die Hälfte der ortsansässigen Bevölkerung. Auf diesem Wege erschlichen sich die Atavus – so wie prophezeit – Herloydes Geliebte, womit nicht weniger als die Zuneigung oder zumindest Akzeptanz der elfischen Rasse gemeint war. Der Atavus Obrien erlangte im vierten Zyklentausend des Daseins auf seiner Hatz durch die Himmelstore das Flüstern von außerhalb des Schleiers, ein weiteres der Dinge des Daseins, das Adonai nicht verstand. Ihm war bewusst, welches Ziel seine Spezies verfolgte, nämlich die Durchdringung des Schleiers von Orenda, um dahinter die göttlichen Antlitze Adavils und Towaks zu erhaschen. Vielleicht lag darin auch schon das ganze Geheimnis und das Flüstern von außerhalb des Schleiers war das Echo eines Gotteswortes. Doch wo verwahrte Obrien es und an wen hatte er es nach seinem Tod weitergegeben? Auch diesbezüglich versicherten die Gelehrten mit weitschweifigen und die Gedanken verwirrenden Salbadereien, dass dieses ominöse Flüstern seinen Teil zum Werk der Atavus beitragen würde, wenn die Zeit gekommen war. Traxyrs Formbarer Stein war das bislang letzte der Dinge des Daseins, das die Atavus eroberten. In einem langen Krieg, der beinahe ein Zyklenhundert angedauert hatte, schlugen die atavischen Heere ihre zwergischen Kontrahenten in ihren eigenen Landen von Dros Ereb,

Adonai selbst hatte als Kind die Erzählungen von den Schlachtfeldern gehört und auch die atavischen Krieger gesehen, die vom Kampf gegen die Zwerge gezeichnet nach Hause zurückkehrten, in Städte wie Anur, Gahmuret, Aarkem oder Orulion, allesamt im zentralen und östlichen Vagrantdom gelegen, der nächsten atavischen Region auf dem Weg ins Zwergenreich Dros Ereb. Adonai erinnerte sich daran, dass die zwergische Hochburg Dros Mishrak völlig zerstört wurde, und ihr unter dem Feuer der Atavus geschmolzenes Gestein schließlich Traxyrs Vermächtnis offenbarte, den Formbaren Stein. Inwieweit die Seinen dieses neuerliche Artefakt nutzten, blieb Adonai verschlossen, denn er verstand sich weder auf das Bauhandwerk, noch hatte er jemals eine Mine von innen gesehen oder sich in den plastischen Künsten versucht.

Traxyrs formbarer Stein war ein mächtiges Artefakt, in den Augen vieler Atavus tatsächlich als göttlich zu bezeichnen, auch wenn dies niemand laut ausgesprochen hätte. Als Häretiker gebrandmarkt wurde ein jeder, der die Singularität der Götterbrüder Adavil und Towak in Frage stellte. Adonai wusste nicht, was mit jenen Atavus geschah, doch war ihnen der Zugang zu den Städten der ihren jedenfalls verwehrt.

Das vorletzte der Dinge des Daseins wartete nun auf die Atavus. Eine Zyklenzehnte andauernde Ausdünnungsanstrengung hatte die Orks in ihrem von Dschungeln durchzogenen Reich Krogos reichlich dezimiert und so zogen Atavus aus allen Landen in die Ferne, um Croms Leichnam zu bergen und zum Nirmokvalja zu bringen. Adonai hob seinen Blick wiederum vom grobkörnigen Sand der Felsenwüste und betrachtete das Gebirge in der Ferne und den dahinter liegenden, alles überragenden Berg Rak. Der Leichnam eines orkischen Überwesens. Dieser würde das letzte der Dinge des Daseins auf dem Gabentisch der Atavus sein, bevor sie gemeinsam an der Pforte zum Himmel stehen und sie schließlich aufstoßen würden. Prophet Gomahamid würde dann das geheime, nur ihm bekannte siebte der Dinge des Daseins offenbaren und die Himmelfahrt für alle Atavus ermöglichen.

Zur Erlangung eines jedes dieser Artefakte entwickelten die Atavus neue Gedankenmuster, neue Techniken, neue Arten des Fühlens. Und so errichteten die in die Welt vorauseilenden, suchenden Atavus für jene, die ihnen nachfolgen sollten auf ihren Reisen zur Erkenntnis, die Himmelstore. Es begann mit zwei Himmelstoren, so erzählte Galwan der Schmiedemeister einst, eines nördlich der Götterschlossberge und eines südlich des Gebirges. Reisen wurden so einfacher, schneller, noch rascher gar als mit Hilfe der Himmelsschiffe – Reisen wurden unmittelbar. Irgendwann verselbstständigte sich der Wille zur Expansion und zum Fortschritt und die Atavus begannen, überall ihre Himmelstore zu errichten und sie miteinander zu verbinden. Dazu mussten sie den Boden aufschneiden, die Luft mit komplizierten Substanzen versetzen, die ganze Schöpfung verändern. Und das taten die Atavus. Sie führten Krieg gegen andere Spezies, verjagten sie, schlachteten sie, versklavten sie.

In solcherart Gedanken versunken wanderte Adonai mit langen Schritten einen weiteren Zyklus durch das Felsenmeer, brachte Kametre um Kametre hinter sich. Der Wind heulte seit einigen Stunden mit mehreren Mäulern, kalt von Norden, dann wieder heiß aus der südlich gelegenen Wüste von Gehlbe. Als nächste Landmarke hatte Adonai sich ein Himmelstor auserkoren, in dessen Schatten er eine mehrstündige Rast einlegen würde. Einen halben Kametre vor seinem Ziel verlangsamte Adonai plötzlich sein Tempo und beschattete seine hellen Augen. Offenbar hatte jemand im Schatten des Torbogens ein Lager errichtet, Rauch stieg auf und er meinte gar, den Klang rauer Stimmen zu hören, herangepeitscht von den Sand und Geräusche aufwirbelnden Windböen. Unschlüssig blieb Adonai stehen. Wenn er sich den Unbekannten näherte und mit ihnen sprach, hatte er für seinesgleichen in Anur eine weitere Geschichte zu erzählen. Diese Begründung sollte eigentlich für eine Kontaktaufnahme genügen. Adonai ließ sich bei seiner Annäherung an das Lager Zeit, schließlich wusste er nicht, wie er empfangen werden würde. Schon bald erkannte er, dass es sich um ein kleines Zwergenlager handeln musste, der Statur seiner Bewohner nach zu urteilen. Adonai beschloss, die Zwerge respektvoll nach der Richtung zu fragen, von Wanderer zu Wanderer, allen dem Anschein nach unüberwindlichen Unterschieden trotzend. Immerhin befanden sie sich nahezu an der Peripherie zu Dros Ereb, dem großen Reich der Zwerge. Zwei Feuerstellen sonderten wolkige Rauchschwaden ab und ein vager Geruch nach gekochten Pflanzenresten erreichte Adonais Nase. Soweit er wusste, fraßen Zwerge ausschließlich Wurzeln und von Bäumen herabgefallene Blätter und Früchte. Als Adonai schließlich an den Rand des Lagers trat, legte sich der Wind und der Atavus blieb erwartungsvoll stehen.

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