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Das Verborgene Netzwerk

Kapitel 1 - Der Schemen

 

Es nieselte. Eigentlich war es eher ein Sprühregen, der sich wie ein Film auf alles legte und es langsam schwerer machte. Die Wolken zogen träge über den Himmel dieses Nachmittags, als ob sie ihn um jeden Preis bis zum Abend verfinstern wollten. Obwohl es noch einige Stunden bis zur Abenddämmerung dauern würde, befanden sich nicht mehr viele Menschen auf den Straßen, und wenn, dann nur mit griesgrämigen Gesichtern unter ihren Regenschirmen, die Augen stur geradeaus gerichtet. Albrecht Schreiber war zwar einer dieser Menschen, doch richtete sich sein Blick keineswegs nur auf den Weg vor ihm. Seine grünen Augen huschten hierhin und dorthin und nahmen das Wichtige wie auch das Unwichtige auf. Wobei natürlich nicht ganz geklärt ist, was nun als wichtig oder unwichtig gelten kann. Der Schatten in der kleinen Gasse, der sich scheinbar duckte und dann mit der Wand verschmolz, das Pärchen, das sich verstohlen in einer Ecke herumdrückte, die Kinder, die ihre Nasen an der Spielothek plattdrückten oder der einsame Geschäftsmann, der sich ein Smartphone ans Ohr drückte und leise hineinsäuselte; all dies klassifizierten die meisten Menschen wahrscheinlich in der Kategorie „Unwichtiges“, Unterkategorie „Papierkorb“. Nicht so Albrecht. Während er – schwarze Jeans, schwarzes Hemd, schwarze, in die Jahre gekommene Hochglanzschuhe – in seinem dunklen Mantel durch die Gassen der durchnässten Innenstadt schritt und sich seinen breitkrempigen Hut manchmal tiefer ins Gesicht drückte, ließ er sich wie von selbst von allem und jedem ablenken. Er konnte einfach nicht anders. Nicht weil er etwa zu neugierig war, geschweige denn, dass er ein besonderes Talent für Details hatte oder gar ein Auge auf seine Mitmenschen haben wollte. Albrecht verfügte schlichtweg über scharfe Sinne, die ihm –oft genug zu seinem Leidwesen – vielerlei Dinge aufdrängten, mit denen er sich gar nicht beschäftigen wollte. Was interessierten ihn schließlich ein telefonierender Geschäftsmann oder ein paar Kinder, die sich nicht schnell genug in den Sumpf aus Spielsucht begeben konnten? Prinzipiell interessierte ihn dergleichen nicht, aber andererseits saugte sein Gehirn solche unendlich uninteressanten Informationen wie ein Schwamm auf. Manchmal fiel es ihm schwer, sich auf sich selbst zu konzentrieren, so wie in diesem Augenblick, als er auf dem Weg zu seiner Wohnung war. Diese lag über seinem Antiquariat, das sich zwischen einige andere, altmodische Häuser drängte und in einer schmucken, kleinen Straße namens Liedermacherweg in der Fußgängerzone zu finden war. Über dem einzigen Schaufenster, in dem eine riesige, alte Bibel, eine zerfledderte Ausgabe des „Iwein“, sowie des „Codex Manesse“ das Bild beherrschten, regte sich leicht schief liegend ein abgenutztes Schild mit der einfallslosen Aufschrift „Antik“. Ob diese Bezeichnung nun unbedingt zu seinem Bücherantiquariat passte, sei dahingestellt, aber als Albrecht das Schild auf einem Flohmarkt gesehen hatte, passte es ihm einfach gut in den Kram. Vor der klobigen Holztür mit dem eingelassenen Fenster hielt er an und nahm gewohnheitsmäßig seine alte Taschenuhr aus der Manteltasche. Viertel vor Vier, las er ab. Nun gut. Er nahm seinen Hut ab, schüttelte ihn und kramte dann mit der anderen Hand nach seinem Schlüsselbund. Hinein. Drinnen schlug ihm die typische, staubige Luft entgegen, die seine lange Nase schon erwartet hatte und mit einem Niesen begrüßte. Der Raum streckte sich in die Höhe und war umringt von überquellenden Bücherregalen, in denen man nicht so stöbern konnte, wie in einer Buchhandlung, denn die Titel waren in den meisten Fällen selbst beim näheren Hinsehen nicht zu entziffern oder standen einfach nicht auf den Werken. Man musste sie in die Hand nehmen und ihnen ihr Geheimnis mit Augen und Händen und Hirn entreißen, es war nicht damit getan, mit schief gelegtem Kopf an der Bücherreihe entlangzugehen. In der Mitte des Raumes führte eine gefährlich gewundene Wendeltreppe in die Höhe, in den zweiten Stock des Ladens, der mit allerlei Philosophie, Geographie und alten Relikten ausgestattet war. Jedenfalls nannte Albrecht so ziemlich alles ein Relikt, von der Taschenuhr seines Ur-Großvaters, über einen Sextanten aus dem 18. Jahrhundert, bis hin zu einem Gewehr aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, einem „Pennsylvania Rifle“. Eine weitere Treppe führte im hinteren Bereich des zweiten Stocks nochmals herauf in die dritte und letzte Etage. Hier wohnte Albrecht in zwei Zimmern mit angrenzendem Bad. Sein Wohn – und Esszimmer schaute aus einer großen Fensterfront zur Straße hinaus, direkt auf ein gegenüberliegendes Café, das „Turmzimmer“, das so hieß, weil es eben vier Stockwerke hatte, mit muffigen Sesseln ausgestattet war und morsche, knarrende Bücherregale auf die Gäste herabschauten. Einen passenden Namen konnte sich Albrecht nicht vorstellen. „Herr Bleicher heute 17 Uhr, Beratung“, las er gerade in seinem Notizheft auf dem Tresen, ganz hinten im Erdgeschoss seines Antiquariats. Er schürzte die Lippen. Eigentlich war dann ja noch Zeit für ein heißes Getränk gegenüber. Schnell packte er einen Notizblock, zwei Werke über Militärgeschichte, die er sich vorhin gekauft hatte und etwas Geld aus dem Geheimfach unter dem Tresen in seine braune Tasche, die er sich dann über die Schulter warf. Wieder hinaus. Keine Menschenseele auf dem Stück der sich schlängelnden Gasse, das er einsehen konnte. Umso besser. Nach ein paar nassen Schritten fand Albrecht sich schon im Café wieder und wurde auch gleich nickend von Erik begrüßt, dem Inhaber des Turmzimmers. Mindestens 60, groß, schütteres, graues Haar, schwarze Augen, gedrungene Nase, kein Lächeln. Albrecht mochte ihn. Im Vorbeigehen nahm er sich einen Kaffee vom Tresen und machte sich an den Aufstieg in die vierte Etage des Turmzimmers, wo er sich am wohlsten fühlte. Es ging nichts über die Atmosphäre eines heimeligen Cafés, während draußen der Regen gegen die Fensterscheiben prasselte und man ein oder zwei gute Bücher zum Lesen hatte. Oben angekommen setzte sich Albrecht an seinen Stammplatz in der Ecke am Fenster und schaute annähernd fünf Minuten auf den nun stärker gewordenen Regen. Das war oft so. Manchmal las er keine Zeile in seinen mitgebrachten Büchern, sondern hang nur seinen Gedanken nach und sog Atmosphäre in sich auf. Der Kaffee war noch sehr heiß, also nippte Albrecht nur daran, ohne die Tasse anzuheben. Sein Mantel tropfte Wasser auf den staubigen Boden. Dort drüben saß eine alte Frau und las „Der Ruf der Wildnis“. Jack London. Hinten saßen zwei alte Männer und pafften ihre Pfeifen, ohne sich anzublicken, ohne sich umzublicken, ohne etwas zu lesen oder sonst etwas zu tun. Neben der Treppe vertiefte sich ein Mädchen in ein dünnes Buch. Ein Reclamheft. Am Bücheregal stand ein Mann in Anzug, der den Kopf schief legte und eben so an der Reihe entlangging, wie man es in einer Buchhandlung machen könnte. Albrecht beobachtete ihn. Am Ende der Reihe richtete der Mann seinen Kopf wieder gerade und straffte die Schultern. Seine Schuhe waren schmutzig, seine Hose auch, unten. Vielleicht Schlamm. Leise drang die Musik aus den Lautsprechern, Albrecht kannte sich nicht aus, es war Popmusik. Der Mann drehte sich um und sah ihn an. Stirnrunzelnd rieb sich Albrecht die Augen. Aber als er wieder hinsah, schien der Mann die Treppe bereits wieder heruntergegangen zu sein. Dafür kam ein anderer Mann herauf, ebenfalls ein Anzugträger, aber diesmal feiner. Im selben Alter wie Albrecht, also vielleicht 35. Zielstrebig leiteten die Schritte des Mannes ihn auf den Antiquar zu. Eigentlich wollte er keine Gesellschaft und er wüsste auch nicht, was jemand von ihm wollen könnte. Doch der Mann, mittelgroß, braunes, kurzes, schlecht geschnittenes Haar, geringschätzige Miene, baute sich Aufmerksamkeit heischend vor Albrecht auf. Dieser schaute hoch. „Herr Schreiber“, sagte eine verkniffene Stimme, „darf ich mich setzen?“

Unruhig rutschte Albrecht auf seinem Sessel herum. „Wenn es nach mir geht, nicht, aber Sie wollen ja unbedingt.“

Wortlos setzte sich der Mann und taxierte den Antiquar aus stechenden, blauen Augen. Das gefiel Albrecht nicht. Er trank einen großen Schluck von seinem Kaffee.

„Nun. Ich habe etwas für Sie, Herr Schreiber. Mein Name ist Dorian Meinfeld. Ich bin so etwas wie ein Privatdetektiv.“

So etwas wie. Das klingt nicht gut, das hatte noch nie, nirgendwo, gut geklungen.

„Hmhm“, machte Albrecht und widmete sich seinem Notizblock. Dorian Meinfeld, notierte er mit seinem Bleistift, so etwas wie ein Privatdetektiv. Er setzte den Stift wieder ab und schaute sein Gegenüber an. Meinfeld schwieg.

„Und?“ fragte Albrecht.

„Wir glauben, das ist etwas für Sie, Herr Schreiber.

Wir. Nicht ich, sondern wir. Albrecht notierte es und fasste sich dabei an seine lange, dünne Nase.

„In der Schiefergasse befindet sich ein ödes, leer stehendes Haus, Herr Schreiber. Dieses öde Haus steht schon lange leer und niemand hat sich darum gekümmert. Es ist ziemlich heruntergekommen, während die anderen Häuser in der Straße eigentlich mehr oder weniger normal sind.“

„Normal?“ Albrecht notierte.

„Wie andere Häuser eben auch“, winkte Meinfeld ab. Er langte in seine Manteltasche und zog eine Photographie heraus. Albrecht schielte auf das Bild. Was war das? Ein dunkler Umriss auf Betonboden. Eine Gestalt. Wie gemalt. Oder darauf gesprüht, wie die Jugendlichen das machten. Mit schwarzer Farbe.

„Ich würde Sie wirklich bitten, sich das einmal vor Ort anzuschauen, Herr Schreiber. Schiefergasse 6. Ich kann Ihnen versichern, dass es Sie interessieren wird. Ich erwarte Sie dort, heute Abend ab 19 Uhr.“ Beiläufig pendelte Meinfelds metallisch klickende Taschenuhr vor Albrechts Nase und der Antiquar war sich dem durchdringenden Blick seines Gegenübers nur zu deutlich bewusst. Er schnaubte.

Fast-Privatdetektiv Meinfeld, ein seltsames Foto, ein Antiquar, eine normale Gasse mit einem unnormalen Haus. Das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun, befand Albrecht und verzog das Gesicht. Er notierte.

Als er wieder aufschaute, war der Mann aber augenscheinlich – ohne sich zu verabschieden – schon wieder die Treppe heruntergegangen.

Merkwürdig. Gedankenverloren tippte Albrecht sich mit dem Bleistift gegen die Schläfe. An mancherlei Tagen betraten zwar durchaus seltsame bis kuriose Gestalten seinen Laden und fragten ihn um Rat bezüglich alter Aufzeichnungen, der Datierung von alten Gerätschaften oder dergleichen, doch noch nie hatte ihn jemand in ein unheimliches Haus bestellt, um dort eine Betonwand mit einem Schemen zu untersuchen.

Unheimliches Haus. Das hatte auch noch nie gut geklungen.

Der Kaffee war kalt. Albrecht schrieb: 19 Uhr, unheimliches Haus. Schiefergasse 6. Treffen mit Beinahe-Privatdetektiv Meinfeld.

Der Sessel gab ein knautschendes Geräusch von sich, als Albrecht aufstand. Gewissenhaft packte er seinen Notizblock ein und machte sich mit dem Kaffeetassenuntersetzer auf den Weg nach unten, vorbei an der alten, lesenden Frau, den paffenden Herren und dem emsigen Mädchen. Im Erdgeschoss angekommen, stellte Albrecht die Tasse zurück auf den Tresen, wo sie Erik wortlos entgegennahm. Der Raum füllte sich langsam immer mehr, sodass schon bald jeder Tisch besetzt war mit mehr oder minder laut schwatzenden Gästen. Je höher man im Turmzimmer stieg, desto ruhiger wurde es, das gefiel Albrecht so gut. Außerdem war der Kaffee hier ausgezeichnet, sodass außer ihm auch Unmengen anderer Leute ihren Weg hierher fanden. Ein kleines Mädchen saß mit baumelnden Beinen allein an einem Tisch für zwei Personen und starrte die Uhr über dem Tresen an. Es blinzelte nicht. Interessiert beobachtete Albrecht das Kind und fragte sich, wann sie mit dem dummen Starren aufhören würde. Eine Minute verging. Dann noch eine. Langsam sah Albrecht zur Uhr hinauf. Sie zeigte genau dreizehn Minuten vor 17 Uhr an. Er schaute zu dem kleinen Mädchen zurück. Es ließ immer noch die Beine baumeln, sah ihn aber nun, ohne den Kopf bewegt zu haben, unverwandt aus dunklen Augen an. Sie lächelte.

Keine Zähne, notierte Albrecht im Geiste. Warum hat sie keine Zähne, wie alt sie wohl sein mag? Alle Milchzähne ausgefallen. Das war es.

„He“, brummte eine grantige Stimme. Jemand tippte dem Antiquar auf die Schulter. Kopfschüttelnd sah Albrecht sich um. Es war Erik, der ihm ungeduldig einen Zettel unter die Nase hielt. „Hat vorhin so ein Lackaffe hier für dich abgegeben.“ Steif nahm Albrecht das sauber gefaltete Schriftstück entgegen. „Bis morgen dann, Erik“, meinte er kurz und drehte sich wieder zu dem Mädchen um. „Hmh“, machte Erik hinter ihm. Vor ihm stierte das Mädchen wieder auf die Wanduhr. Immer noch dreizehn vor fünf. Langsam setzte sich Albrecht in Bewegung und zog dabei Mantel und Hut an, bevor er schließlich die Hand auf die Türklinke legte. Doch bevor er das Café verlassen hatte, jagte ihm das langgezogene Miauen einer Katze einen Schauder über den Rücken. Er blieb in der Eingangstür stehen, der Wind peitschte energisch den Regen über die Türschwelle. Tiere waren hier nicht erlaubt. Erik mochte keine Tiere. Jedenfalls keine Hunde und Katzen. Das Mädchen saß mit angezogenen Beinen auf seinem Platz, das Kinn auf die Knie gelegt und sah zu Albrecht hinüber. Wieso war es überhaupt allein in einem Café in der Altstadt?

„He!“ rief Erik ihm zu und blickte schnaubend auf die Regenpfütze auf seinem Boden. Albrecht riss sich los und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Wie weit er wieder abgeschweift war. Mit nassen Händen stellte er den Kragen seines Mantels hoch und zog den Hut tiefer in die Stirn. Dann stiefelte er los, aber nicht zurück zu seinem Antiquariat, wo ihn in ein paar Minuten Herr Bleicher aufsuchen und nicht antreffen würde, sondern in Richtung Stadtkern. Er sah nicht ein, wieso er bis 19 Uhr warten sollte, bis er wohlmöglich von einem Pseudo-Privatdetektiv in einem verlassenen Haus entführt werden würde. Besser schien es ihm, sich selbst ein genaues Bild von der Lage zu machen und vor allem herauszufinden, was er denn überhaupt damit zu tun haben sollte. Er war weder Experte für alte Häuser noch für Wandmalereien und seien sie auch geisterhafter Art. Doch konnte ein solches Ereignis äußerst schnell und nachhaltig die rastlose Seele des Antiquars besetzen. Nur fünf Minuten später wichen die gewundenen Gassen und schmalen Wege den Straßen der Kernstadt. Hier kreuzten Straßenbahnen den Autoverkehr, der wiederum von Radfahrern nach bestem Vermögen behindert wurde, vor deren Vehikel sich nach Möglichkeit Fußgänger platzierten, damit auch ja das gewohnte Chaos herrschte, das hier alle so liebten. Fast schon grell drängten die Straßenlaternen und erleuchteten Schaufenster Albrecht ihre Lichter auf. Für einen kurzen Moment verlangsamte er seine Schritte, um die unzähligen auf ihn niederprasselnden Eindrücke auf sich wirken zu lassen. So machte er das immer. Ansonsten stieg leicht Panik in ihm auf und er sah sich veranlasst, wieder nach Hause zurück zu kehren. Diesmal schaffte Albrecht allerdings den Sprung in die Unruhe der Großstadt. An ihm vorbei hetzten Gruppen von jugendlichen Mädchen, die in Viererreihen über die Bürgersteige liefen, ein Fahrradfahrer führte sein Fahrzeug trotz Verbot durch die fluchende Menge und es wunderte Albrecht, dass ihn niemand herunterzehrte und tottrampelte. Vielleicht kam das noch. Neben einem Neonleuchtfenster stand ein kleiner, älterer Mann, der im Regen seine Gitarre spielte. Ein Hut lag vor ihm, in dem sich Regenwasser sammelte, auf dessen Grund einige Münzen glitzerten. Albrecht mochte Straßenmusiker. Sie schienen ihm abseits und doch im Geschehen zu stehen. Das gefiel ihm außerordentlich. Nun, hinein in den Dschungel, er zwängte sich vorwärts und setzte nur manchmal seine Machete ein, um sich lästiger Ranken zu erwehren. Als sein Arm wieder einmal eine allzu aufdringliche Gestalt beiseiteschob, dröhnte es eigenartig in seinen Ohren. Es dauerte einen Augenblick, bis er sich bewusst wurde, dass es Donner war, der durch und über den Himmel rollte. Die Menschen um ihn herum grummelten und sammelten sich mit zunehmendem Wind, Regen und Donner an den Rändern der Einkaufsstraßen, meist unter den vorspringenden Dächern der Geschäfte. So ergaben sich Inseln aus Licht, auf denen sich finstere Gestalten tummelten. Und die Wege zwischen ihnen versanken in Dunkelheit. Albrecht lächelte unbestimmt, als er die Straße hinaufschaute und eine die wackelnden Silhouetten der Leute sah, die unter den Lichtern der Geschäfte standen. Das sah seltsam aus. Eigentlich sah es sogar ein wenig furchteinflößend aus. Vorsichtig lugte Albrecht unter seinem Hut hervor. Warum konnte er überhaupt die Menschen nicht erkennen, sie wurden doch vom Licht angestrahlt? Und warum lag die Straße finster vor ihm? Wann war die letzte Straßenbahn eigentlich vorbei gekommen? Er blieb unter einer alten Eiche, einem der letzten störrischen Bäume in den Einkaufsstraßen der Stadt, stehen und sah nach hinten. Auch dunkel. Nur die Geschäfte leuchteten. Und vor den Geschäften schemenhafte Silhouetten, die wippten und schaukelten. Nervös langte Albrecht in seinen Mantel und zog seine Taschenuhr hervor. Dreizehn vor fünf. Nein, er wischte sich über die Augen. Dreizehn nach fünf. Nun Vierzehn nach fünf. Alles bestens. Er sah wieder auf und einer Straßenbahn hinterher, die durch die Mitte der Einkaufsmeile fuhr, hell erleuchtet, mit weiteren Konsumpilgern darin. Alles bewegte sich wieder. Nicht wippend, nicht schaukelnd, sondern normal. Die Leute warteten nicht mehr wie Schatten vor den Geschäften, sie gingen wieder umher und Albrecht konnte alle erkennen. Die Jungs auf den schmutzigen Bänken, die rauchten. Die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Taschen voller Kleidung und Bilderbücher. Das alte Ehepaar vor dem Schmuckladen, das sich treu umarmte. Der Anzugträger mit den schlammigen Schuhen an der Ecke. Blinzelnd sah Albrecht noch einmal hin. Aber anscheinend war der Mann schon in der Seitenstraße verschwunden. Die Nordpassage. Eigentlich könnte man auf dem Weg zur Schiefergasse auch diesen Weg nehmen. Ohne Eile schlenderte Albrecht nun auf die Straßeneinmündung zu und bald schon verschluckten ihn für den Moment die Schatten der Häuserwände. Nur eine einsame, gelbliches Licht verteilende Laterne erhellte die Nordpassage, die zugegeben nicht sehr lang und auch nicht sehr belebt war. Niemand kam Albrecht entgegen und er hörte seine eigenen Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Am anderen Ende der Straße würde sich ein großer Platz auftun, den er überqueren würde, um dann bald an seinem Ziel zu sein. Warum wollte er noch gleich dort hin? Um sich ein altes Haus anzusehen, in das er wegen einer seltsamen Zeichnung oder eines Abdrucks auf einer Betonwand bestellt worden war. Richtig. Was für eine seltsame Idee. Albrecht kam unter der Laterne der Einsamkeit an und blieb kurz stehen. Wieder kramte er seine Taschenuhr hervor. Dreizehn Minuten vor halb sechs. Meinfeld sollte der angebliche Privatdetektiv heißen. Der war bestimmt kein Privatdetektiv. Vielleicht ein Krimineller. Vielleicht ein Verrückter. Albrecht steckte die Uhr wieder ein und ging weiter. Wieder wurde es dunkel um ihn und nun gewahrte er vor sich eine einzelne, kleine Gestalt an einer Hauswand, die still dort stand und wartete. Albrecht mochte es ganz und gar nicht, wenn er nicht erkennen konnte, wen er vor sich hatte. Wer mochte das schon. Sich leise räuspernd setzte er seinen Weg fort und sah die Gestalt dabei unentwegt an. Sie begann zu zappeln. Der Kopf, der Oberkörper. Eine komische Bewegung, sie wirkte äußerst unecht und irgendwie krampfhaft. Albrechts Schritte wurden länger und nun keimte schleichend ein Gefühl in ihm, sein Brustkorb wurde enger und seine Hände schwitzten. Das war doch heute alles sehr sonderbar gewesen. Der Mann mit den schlammigen Schuhen, der falsche Privatdetektiv, das leer stehende Haus mit dem Schemen und das kleine Mädchen und die unsichtbare Katze im Turmzimmer. Vorbei. Albrecht ging schneller, sah sich aber unauffällig nach der dunklen, kleinen Gestalt um. Sie wackelte nicht mehr. Sie stand in der Mitte der Nordpassage und regte sich nicht. Eine Katze maunzte. Es war das Geräusch, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, wenn man nachts aufwacht und es hört. Das Geräusch, wenn zwei Katzen sich gegenüber sitzen und diesen seltsamen Laut abgeben, bei dem ein Mensch nicht weiß, ob er von einem Baby oder einem Tier kommt. Albrecht schauderte. Die letzten Meter legte er im Laufschritt zurück und umarmte die Offenheit des Kaiserplatzes, der nun vor ihm lag, bevölkert von Dutzenden umherstreifender Menschen, die trotz des schlechten Wetters ihre Besorgungen erledigten. Zwei Straßen weiter las Albrecht bald die Aufschrift „Schiefergasse“. Am Ziel. Fast. Nummer 6 sollte es sein. Eigentlich strahlte die Schiefergasse nichts Besonderes aus. Die Häuser wirkten leidlich gepflegt, Betonbauten in der Innenstadt eben. Langsam stahl sich Albrecht vorwärts und schon nach einigen wenigen Metern sah er Hausnummer 6 vor sich. Auch in der Schiefergasse standen die gelbliches Licht verbreitenden Straßenlaternen und eben unter einer solchen befand sich das ominöse, öde Haus mit seinem Eingang, der aus vier Treppenstufen und einem gähnenden Loch als Tür bestand. Am Fuße dieser Stufen stand ein Mann in Anzug und schlammigen Schuhen. Bedächtig stieg er die Stufen hinauf und verschwand ohne zu zögern in der Dunkelheit.

Albrecht wollte sich schon in Bewegung setzen, aber plötzlich fiel ihm die Nachricht ein, die jemand für ihn bei Erik im Turmzimmer hinterlassen hatte. Hektisch wühlte er in den Tiefen seiner Manteltaschen. Dann fand er den Papierfetzen, zerknittert und traurig. Seine Finger zitterten, als er ihn auseinander faltete. Albrecht wischte sich über die Augen und las, was auf dem Zettel stand: „Folge nicht den Schlammschuhen in die Schiefergasse.“

In seinem Magen breitete sich eine unangenehme Hitze aus, die zirkulierte und bis in seine Brust aufstieg. Kehrtmachen. Sofort. Und am besten die Polizei verständigen. Was sollte er denen sagen? Er wurde verfolgt. Als Beweis konnte der kleine Fetzen in seiner Hand dienen. Albrecht schüttelte den Kopf. Keine gute Idee. Die Beamten würden ihn mit Sicherheit wegschicken. Oder auslachen. Vielleicht auch nur hilflos mit den Schultern zucken und ihm erklären, dass sie ohne weitere Indizien nicht tätig werden konnten. Schlussendlich hieß das, er musste selbst die Augen offen halten. Mit Zeigefinger und Daumen wischte sich Albrecht über die Augen. Seine Taschenuhr zeigte dreizehn Minuten vor sechs. Leise. Leise und verstohlen, das war der Schlüssel. Er würde selbst den Verfolger spielen und den Mann zur Rede stellen. Oder vielleicht in einer dunklen Ecke des Hauses auf Meinfeld warten, den Betrüger. Schon lenkten Albrechts Beine ihn die kleine Treppe hinauf, die ihm nun höher erschien, als gedacht. Der Eingang zu Schiefergasse Nummer 6 erhob sich als gähnender Rachen über ihm, als ob hier ein seltsamer Moloch lauerte, dessen Körper sich an die Stadt angepasst hatte, sich durch sie hindurch zog und eines seiner Mäuler eben an dieser Stelle auf das Getier wartete, das über die Wege und Straßen irrte.

 

Die Dunkelheit verschluckte ihn. Mit tastenden Schritten und weit geöffneten Augen schlich er voran und schalt sich innerlich einen Narren, auch nur einen Fuß in dieses verfluchte Haus gesetzt zu haben. Warum hatte er nicht die Polizei alarmiert? Was war mit ihm los? Langsam entfernte sich der Schleier über seinen Augen und Albrecht konnte die Konturen eines langgestreckten Flures erkennen, von dem links und rechts einige Türen abgingen. Ein modriger Teppich von unbestimmbarer Farbe dämpfte seine ohnehin zaghaften Schritte auf seinem Weg den Gang entlang. Nach einigen Metern blieb er jedoch mit pochendem Herzen stehen. Ein Geräusch. Nicht vor ihm, nicht hinter ihm. Unter ihm. Ein Schaben, ein raspelnder Laut, als ob jemand oder etwas den Boden unter ihm abnagte. Albrecht lief eine Kälte den Nacken hinauf, bis in seinen Kopf, der nun seltsam schmerzte. Einbildung. Was tat er noch gleich hier? Wie weit hatte er sich schon unsinnigerweise vorgewagt? Vielleicht die Hälfte des Flures, am Ende gewahrte er eine Tür, seinen Augen noch halb verborgen im diffusen, trüben Licht. Vier Türen zweigten ab, drei links, eine rechts. Die rechte Tür stand offen. Tief einatmend lehnte Albrecht sich vorsichtig gegen die Wand. Wenn er nun eine der linken Türen untersuchte, musste er der offenen rechten Tür den Rücken zudrehen. Nein. Die rechte Tür musste er verschließen. Oder eben erst durch diese Tür gehen. Eigentlich war es gleich. Er wusste sowieso nichts über dieses Haus. Langsam leckte sich der Antiquar über die Lippen. Einen Blick konnte er sicherlich riskieren. Also weiter. Leise. Nur ein paar Schritte und Albrecht hielt wieder an, nun direkt neben der offenen Tür. Berechnend lugte er wie in Zeitlupe um die Ecke in den Raum dahinter. Donnernd knallte etwas gegen eine der Türen links von Albrecht. Die mittlere Tür sprang auf und in ihrem Rahmen stand unvermittelt eine Gestalt. Für einen Sekundenbruchteil bewegte sie sich nicht und Albrechts Augen huschten wie von selbst zu den Schuhen der Erscheinung. Deutlich sah er die verschmierten Schlammspritzer und schon im nächsten Augenblick rannte die Gestalt los. Wie von Sinnen warf Albrecht sich in die rechte Tür, schlug sie hinter sich zu und drehte den innen steckenden Schlüssel um. Die Tür erbebte unter einem lauten Knall. Dann noch einmal. Hektisch sah Albrecht sich um. Sofa, Tisch, Regale, ein Bild von einer grauen Landschaft, ein weiteres Bild mit sechs oder sieben Menschen darauf, die breit lächelten. Ein schauriges Lächeln. Die Leute schauten Albrecht zu, wie er sich hilflos im Kreis drehte, auf der Suche nach einem Ausweg. Dann wurde es still. Unbeweglich lauerte Albrecht auf das kleinste Geräusch von draußen. Nichts. Der Mann mit den Schlammstiefeln hatte aufgegeben. Rückwärts gewandt schritt Albrecht in geduckter Haltung auf die Rückseite des Raumes zu. Offenbar eine Art Wohnzimmer. Alt und verbraucht, überall spannten sich Spinnweben durch eine Luft voller Staub, durch den man sich kämpfen musste. Unwillkürlich unterdrückte Albrecht einen Hustenreiz. Nicht jetzt. Keinen Laut. Etwas knarrte unter seinen Schuhen. Vor Schreck hätte er fast das Gleichgewicht verloren und für einen Augenblick schien Albrecht in der Luft zu hängen. Dann fing er sich. Eine Tür im Boden, Scharniere, morsches Holz, ein zerfetzter Teppich. Nein, dort würde er sich bestimmt nicht hinunterbewegen. Nur wohin dann? Wieso hatte der Raum eigentlich keine Fenster? Das schien ungewöhnlich. Graues Licht durchströmte den Raum dennoch. Unschlüssig stand Albrecht auf der Stelle und schaute abwechselnd die Tür im Boden und die Tür hinaus auf den Gang an. Schlangenlinien zuckten über die Tür. Sie war schwarz, kohlschwarz, das war ihm vorher gar nicht aufgefallen. Bewegte sich der Schlüssel? Er musste hier weg. Raus. Sein Blick glitt wieder über die Falltür. Vielleicht gab es einen anderen Weg. Durch den Keller? Mit Sicherheit. Oder auch nicht. Dreizehn nach sechs, also noch viel Zeit, um auf Meinfeld zu warten und ihm einen Faustschlag zu versetzen. Viel zu laut krachte die Falltür auf den Boden. Völlig erstarrt blieb Albrecht einige Sekunden an Ort und Stelle stehen und lauschte dem Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Seine Augen huschten über die undurchdringliche Schwärze der Falltüröffnung. So sehr er sich auch anstrengte, er konnte nichts erkennen. Dann gab er sich einen Ruck und setzte den Fuß auf die erste Treppenstufe nach unten. Überraschenderweise gestaltete sich der Abstieg angenehm, die Stufen hatten genau die richtige Größe und den richtigen Abstand, außerdem schienen sie gleichförmig gearbeitet und weder wacklig noch uneben zu sein. Auf den ersten Metern beruhigte Albrecht sich ein wenig und nahm sich die Zeit, über seine Lage nachzudenken. So wie es aussah, verfolgte ihn nicht nur ein Mann mit stets schlammbedeckten Stiefeln. Irgendetwas anderes hielt sich in diesem Gemäuer auf. Eine Präsenz, etwas Ungreifbares, Verborgenes, das ihm als Eindringling keinesfalls freundlich gesonnen war. Er hätte schon oben im Flur wieder kehrt machen sollen, nein, schon vor dem Haus hätte er umdrehen, zurück in seine Wohnung gehen und den Fernseher einschalten sollen, um bei einer netten Doku zu entspannen. Nun begab er sich stattdessen immer tiefer in eine Art Alptraum, den er sich weder gewünscht hatte, noch konnte er sich erklären, warum er sich überhaupt in diesen Traum begeben hatte. Albrecht hustete. Wie viele Stufen lagen wohl noch vor ihm? Es mussten doch schon mindestens drei Dutzend Stufen gewesen sein, wie lang war diese Treppe? Die Sinne des Antiquars konzentrierten sich nun wieder vollends auf seine Umgebung. Er blieb stehen. Blind. Er war blind. Links und rechts der Treppe klafften furchteinflößende Löcher auf, die Stufen schwebten gewissermaßen in der Luft. Ihm schwindelte und er konnte sich nirgendwo festhalten. Leise vor sich hin brabbelnd knickte Albrecht ein und ging in die Knie, um nicht herunterzufallen. Eine endlose Treppe im Nichts. Das konnte nicht, durfte nicht sein. Langsam richtete er sich wieder auf und atmete durch. Weiter hinab, immer weiter. Der Boden musste ihn jeden Moment wieder haben. Mit einem festen Aufschlag spürte er Stein unter seinen Füßen, doch der unregelmäßige Schritt ließ Albrecht taumeln und schließlich fallen. Seine Hände fingen den Sturz ab, doch bildete sich erneut Angstschweiß auf seinem Körper, denn nun befand er sich wohlmöglich in einem für ihn unüberschaubaren Raum, in dem sonst etwas lauern konnte. Er blieb liegen und hielt den Atem an. Ein Kellerraum, wie erwartet. Albrecht konnte die Wände nicht sehen. Es roch muffig, nach abgestandenem Wasser und seltsamerweise auch leicht nach Schwefel. Vollends dunkel war es hier unten nicht. Langsam schälten sich ein Schrank, mehrere langgezogene Tische und ein riesiger Glaskasten, der bis zur Decke reichte, aus den Schatten. In der Mitte des Raumes, so exponiert, wie etwas nur sein kann, stand ein Stuhl. Eine hohe Lehne, ein Gitternetz als Rückwand, abgewetztes Holz und ein roter Überzug auf der Sitzfläche.

Meinfeld saß mit gesenktem Kopf und zusammengesunken auf dem Stuhl. Albrechts Puls hämmerte gegen seine Schläfen. Ein knarzendes und knackendes Geräusch ließ langsam kriechende Panik in ihm aufsteigen. Sein Mund trocknete aus. Plötzlich hob Meinfeld blitzartig den Kopf und sah Albrecht an, nahm dessen Blick gefangen. Die Konturen von Meinfelds Seele waren scharf. Gezackt. Als Albrecht seine Gedanken nach ihr ausstreckte, packte sie ihn grob. Ein Blick aus grausamen, animalischen Augen heftete sich auf ihn. Sie beobachteten Albrecht mit der tumben Fresssucht von Schweinen, die auf ihren Futtertrog starren. Albrecht schauderte und wand sich. Lächelnd hielt die Gestalt vor ihm, das Wesen vor ihm, ihn gefangen. Als ob er sich losreißen müsste, bewegte Meinfeld in eckigen Bewegungen seine Glieder. Dumpf schlug sein Körper auf dem Boden auf und kroch quälend langsam auf den Antiquar zu, der sich weder regen noch sprechen konnte. Nichts Menschliches war in Meinfelds Gesicht zu sehen, als er sich mit einem Arm, die Fingernägel in den Steinboden gerammt, auf Albrecht zuzog. Seine Zähne mahlten, er stierte und gierig blähten sich seine Nasenflügel auf. Nein. Nicht so. Gleich würde dieses Geschöpf bei ihm sein. Bewege dich. Fliehen, er musste fliehen, zurück über die Treppe. Zu spät. Eine glühend heiße Hand packte Albrecht am Arm und zog daran. Wie aus dem Nichts wirbelte Albrechts Körper wie eine Puppe herum, seine Ohren dröhnten, er schrie, überschlug sich und landete mit einer Wucht, die ihm die Luft aus den Lungen presste, auf dem Rücken. Über ihm rieselten Staubkörner und Steinsplitter herab. Ein Loch, über ihm. Er war gestürzt, durch den Boden. Rasend schnell arbeitete sein Verstand jetzt. Behände kam Albrecht auf die Füße, suchte sein Gleichgewicht und entfernte sich so schnell er konnte von der Einsturzstelle. Geradeaus, immer geradeaus, nur Raum zwischen sich und das bringen, was von Meinfeld übrig war. Eine halbe Minute lief er, doch dann blieb er plötzlich stehen. Etwas stimmte nicht. Ängstlich bedeckte Albrecht die Augen und regte sich nicht. Er wollte nicht zurückschauen, er durfte nicht. Wo war er? Ein Blick zurück. Über sich, keine drei Schritte entfernt, sah er das Loch, durch das er gestürzt war. Das bildete er sich nur ein. Er war gerannt wie der Teufel. Ruhig, es gab eine Erklärung. Wahrscheinlich war er schlichtweg auf der Stelle gerannt, wie es bei Alpträumen oft der Fall war. Schwer atmend setzte Albrecht sich nun noch einmal in Bewegung, diesmal rückwärts. Und langsam entfernte er sich vom Loch. Es wurde kleiner, versank in Dunst und Schatten und war schließlich nur noch vage zu erkennen. Albrecht drehte sich um. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich vorsichtig durch die Schwärze zu tasten, jeder Schritt sollte wohl überlegt sein. So ging es zwei, drei vier Minuten. Zitternd und mit der Angst im Nacken, versehentlich einen Schritt ins Nichts zu tun, kam Albrecht vorwärts. Seine Gedanken kreisten und irrten mittlerweile, er hatte vergessen, wo er war und was ihn hierher verschlagen hatte. Es gab nur das Dunkel und das Flüstern darin. Sein eigenes Flüstern. Blitze tanzten vor seinen Augen, bildeten Figuren, zeigten mit Fingern auf ihn. Manchmal fern, dann wieder nah. Nach einer Ewigkeit schließlich, blieb der Antiquar stehen, als ob man es ihm eingegeben hätte.

In einer See aus Dunkelheit sah Albrecht ein großes Biest, frei von jeder Gestalt.

Ein riesiges, namenloses Geschöpf lauerte in der Wand im Schatten, vor ihm. Er konnte es hören, er konnte es riechen. Mit einem Mal erstreckte sich der Raum in der Größe einer Kathedrale, als ob Albrecht geschrumpft wäre, der Raum entzog sich ihm, er verlor sich in ihm und direkt vor seinen Augen erhob sich das Grauen, lechzend, gackernd, kreischend. Ein bösartig gebogener, metallisch anmutender Schnabel, heimtückisch glimmende Augen, die die Finsternis durchstachen und Albrecht in den Wahnsinn trieben. Er bedeckte seine Augen mit den Händen, doch es half nichts, die Dunkelheit fand ihren Weg durch alles Körperliche hindurch und ließ Albrecht wie von Sinnen schreien, er kratze sich mit den Fingernägeln über das Gesicht und riss sich tiefe Wunden. Blut tropfte auf den Boden, Albrechts Knie gaben unter ihm nach und er spürte, wie sich vor ihm gigantische Schwingen ausbreiteten, die einen Todeshauch über seine Wangen streichen ließen, der ihm endgültig das Bewusstsein raubte.

 

Albrechts Augen klebten, als ob er tagelang tief geschlafen hätte. Er hob ächzend den Kopf vom Tisch und wischte sich über und durch die Augen. Sein Kopf schmerzte höllisch. Wo war er? Blinzelnd versuchte er, die Dunkelheit zu durchdringen. Ihn fröstelte. Das war doch…? Verunsichert schaute er an sich herunter. Dann bohrte er seine Augen in den Raum, der sich vor ihm öffnete. Das Bücherregal. Die Tische. Der Treppenaufgang. Die Fensterfront. Er saß an seinem Stammplatz im Turmzimmer. Nachts. Kein Licht, keine Gäste, kein Laut. Ein Blick nach draußen förderte keine Erkenntnis zu Tage, denn dort herrschte die finsterste Nacht, die Albrecht je erlebt hatte. Es dauerte einen Augenblick bis er sich über die völlige Abstinenz eines jeden Lichts im Klaren wurde. Dennoch war es nicht völlig dunkel. Eine Art von nebligem Schleier wanderte durch die Szenerie und erhellte mitunter dies und das. Wie von selbst setzte Albrecht sich in Richtung des Treppenabsatzes in Bewegung, aber als er ihn erreichte, hatte er das dringende Bedürfnis, sich zu verstecken, sich zu verkriechen, irgendwo in einer Ecke zu kauern und zu wimmern. Dort unten gab es nichts für ihn. Nichts Gutes. Er würde hier oben bleiben und…was? Ängstlich kniff Albrecht die Augen zusammen und setzte seinen Fuß auf die erste Treppenstufe. Das Knarren tönte in seinen Ohren und vermische sich mit einem lachenden Bellen, das ihm durch Mark und Bein ging. Fahrig strich der Antiquar sich durch die Haare. Er musste weg. Hierbleiben war keine Option. Ein zweiter Schritt. Kein Geräusch. Und weiter, Stufe um Stufe. Die dritte Etage des Cafés lag ebenso geisterhaft da wie die oberste. Albrecht wollte sich unter keinen Umständen weiter mit den Bewegungen im Schatten dort hinten auseinandersetzen. Er schlich geduckt weiter. Zweite Etage. Was war das? Getrappel von Füßen. Mehr als zwei. An die Wand gedrückt und mit angehaltenem Atem wartete Albrecht. Sein Herz hämmerte. Keinen Blick riskieren, nur weiter die Treppe herunter. Treppen hinab, hinab…das kam ihm bekannt vor. Erste Etage. Mit bebenden Händen bedeckte Albrecht seine Augen. Dort hinten saß jemand und hob etwas in die Luft. Geräuschlos. Seitwärts quälte sich Albrecht die letzte Treppe ins Erdgeschoss hinunter. Die Tür nach draußen schien zum Greifen nah. Doch was erwartete ihn dort im Freien?

Auf dem blitzblanken Tresen lag ein schwarzes Smartphone. Seins. Langsam ging Albrecht hinüber und starrte das Gerät eine geschlagene Minute lang an. Ein Druck mit dem Zeigefinger offenbarte ihm, dass dreizehn Nachrichten aus einem Chat auf ihn warteten. Vier Ziffern. Der Bildschirm hellte sich auf, flackerte allerdings bedenklich. Eine unbekannte Nummer.

„Sie befinden sich im verborgenen Netzwerk.“

„Gehen Sie in Ihre Wohnung.“

„Verschließen Sie die Türen.“

„Achten Sie auf fremdartige Geräusche.“

„Entzünden Sie eine Flamme, gleich welcher Art.“

„Bewaffnen Sie sich – dann fühlt man sich gleich besser.“

„Durchforsten Sie Ihre Wohnung – mit Bedacht.“

„Sammeln Sie einen bequem tragbaren Behälter auf.“

„Sammeln Sie haltbare Nahrungsmittel.“

„Bleiben Sie dabei stets wachsam.“

„Vermeiden Sie Geräusche.“

„Wenn Sie bemerken, dass Sie nicht allein sind…“

„…laufen Sie.“

Die Dunkelheit schien mit jeder Nachricht, die Albrecht las, näher zu rücken. Heimlich und leise schlich die Angst seinen Nacken hoch, kribbelte und stach in seinem Genick und flüsterte ihm ein, er solle sich nun besser nicht umdrehen, geschweige denn überhaupt bewegen. Aber er musste hier weg, ihm blieb nur, sich in seiner Wohnung, einem vertrauten Ort in dieser Unwirklichkeit, zu verkriechen und darauf zu hoffen, dass dieser Alptraum endete. Vielleicht erhielt er ja die Möglichkeit, dem Nebel und der Finsternis zu entfliehen, die ihn hier einschlossen und langsam verrückt werden ließen. Albrecht atmete tief ein und aus. Langsam näherte er sich dann der Tür und drückte den Griff nach unten. Die Straßen lagen düster und erfüllt von nebligem, grauen Licht vor ihm, das sich bewegte, als ob es ein Organismus wäre, der durch die Straßen kriecht und ahnungslose Motten in seinen Schlund zieht. Eine seltsam erregte Ruhe lag über den Häuserschluchten, trotzdem Albrecht seltsame Laute am Rande seiner Wahrnehmung hörte. Langsam tastete er sich vor. Seine Wohnungstür befand sich direkt vor seinen Augen, doch irgendetwas hemmte ihn, in den offenen Bereich des Liedermacherweges einzudringen. Links und rechts verschluckte die Dunkelheit nach einigen Metern jeden noch so durchdringenden Blick. Albrechts Einbildung flößte ihm überaus wirklich erscheinende Ängste ein, doch war ihm bewusst, dass er sich rasch aus dieser Gefahrenzone begeben musste. Als er in die Mitte der Straße trat, war es, als ob er in ein Meer aus Schatten eintauchen würde, das graue Licht verschwand oder verlagerte sich und sowohl Turmzimmer als auch das Antiquariat verschwanden in Finsternis. Irritiert kniff Albrecht die Augen zusammen und stolperte noch ein paar Schritte vorwärts. Die Ladentür stand offen, nur ganz leicht, so als ob sie jemand angelehnt hätte. Großartig, dachte er schaudernd. Er konnte an einem Ort wie diesem wohl kaum mit einem einfachen Einbrecher rechnen, was schon schlimm genug gewesen wäre. Innerlich wappnete Albrecht sich, soweit dies möglich war. Lautlos schwang die schwere Tür auf, als er seine Hand dagegen drückte und offenbarte einen Blick in die Düsternis des dahinter liegenden Raumes.

„Ah!“, peitschte dem ahnungslosen Antiquar eine schneidige Stimme entgegen. „Ich habe mir doch gedacht, dass hier jemand auftauchen würde.“

„Wer...?“

„Wilhelm Schneider. Angenehm.“ Eine Bewegung im hinteren Teil des Antiquariats. Eine Gestalt nahm Konturen an und stellte sich schließlich als stämmiger Mann mit Glatze und stechenden Augen heraus. Als Albrecht nicht antwortete und nur verunsichert starrte, lächelte der Mann unbestimmt. Seine Augen nahmen einen fiebrigen Glanz an. „Wie ich mir dachte“, murmelte er zu sich selbst.

„Nun, wer immer Sie auch sind...Willkommen im Verborgenen Netzwerk!“

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