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Orenda-Das ritterliche Herz

Erstes Kapitel

 

Die faltige, mit bläulichen Adern durchzogene Hand reckte sich zitternd hoch zum staubigen Bücherregal. Reihe um Reihe wälzten sich dort, hinaufreichend bis zur Decke des kreisrunden Raumes, altersfleckige Bücher, zusammengerollte Briefe mit gebrochenen Siegeln, gefaltete Berichte auf gelblichem Papier und weitere Schriftstücke verschiedener Art. Der alte, gebeugt gehende Mann strengte seine mittlerweile verkümmerten blauen Augen bis aufs Äußerste an und fand bald das gesuchte Werk. Mit einem zufriedenen Brummeln stieg er die knarrenden Holzstufen der kleinen Leiter wieder hinab, die es ihm ermöglichte, auch die oberen Regionen seiner vielfältigen Bibliothek zu erreichen. Er stöhnte auf, als sein Rücken ein hörbares Knacken von sich gab, schlurfte nachdenklich über den mit Teppichen ausgelegten Boden zum Schreibtisch zurück und tastete nach seiner Brille. „Wo hab ich denn…“ Vor sich hin brummend nahm er sein schwarzes Tintenfass und eine Feder zur Hand. Mit geschultem Blick kennzeichnete er die verschiedenen Schriftstücke in dem herausgesuchten Einband mit seinem eigenen System, welches auch der Nachwelt ermöglichen sollte, die unterschiedlichen Werke seiner Sammlung in chronologische Reihenfolge zu bringen. Die Kerzenflamme flackerte ängstlich auf, als ein heulender Windstoß eines der rundherum eingelassenen Fenster aufstieß und dem draußen tobenden Sturm Einlass verschaffte. Grummelnd hievte sich der alte Mann aus seinem gepolsterten Stuhl hoch und schleppte sich ächzend zum Fenster. Mit einiger Mühseligkeit schloss er es wieder, während Wind und Regen ihn niederzuringen suchten. Seine alten Knochen erwiesen sich jedoch als überlegen und schon bald saß er wieder vor sich hin murmelnd im Schein einer einzelnen Kerze vor seinem Lebenswerk.

„Im Jahr 2308. Gantoris reiste in den Süden, um dem Orden von Adavil eine Gefälligkeit von nicht aufschiebbarer Dringlichkeit zu erweisen. Mit ihm ritt…ja, die Zauberin, Purim.“ Seine zusammengekniffenen Augen überflogen den lückenhaften Bericht und der alte Mann legte sich ein weißes Blatt Papier bereit, auf dem er die entsprechend nötigen Ergänzungen vornehmen wollte. Er strich sich müde über die Augen und zog seinen Umhang enger um sich. Mit einem traurigen Lächeln ließ er dann seinen Blick durch die Bibliothek hoch droben im steinernen Turm schweifen. Außer dem wuchtigen Schreibtisch aus robusten Eichenholz standen in der Bibliothek zusammen mit den morschen und überladenen Bücherregalen, die sich an den Rand gedrängt durch den ganzen Raum zogen, noch ein einfaches, niedriges Bett, eine schmucklose Staffelei und ein breiter Kleiderschrank aus dunklem Buchenholz. Heimliches Herzstück seiner Besitztümer war jedoch der mit zwergischen Runen überzogene Waffenschrank, der neben einer Vielzahl von Dolchen, Äxten und zwei Langbogen auch ein riesiges Zweihandschwert beinhaltete. Schon allein der Gedanke daran ließ den alten Mann mit einem Seufzer aufstehen und vor dem Waffenschrank gedankenvoll innehalten. Mit vorsichtigen, beinahe zarten Bewegungen nahm er das Heft des massigen Schwertes in seine runzligen Hände. Aus trüben Augen betrachtete er die Inschrift auf der immer noch scharfen Klinge der Waffe.

Mit seinen schwachen Augen konnte er die feine Gravur auf der Klinge jedoch kaum noch erkennen.

Bedauernd stellte er die Klinge zurück an ihren Platz und während die Kälte des Stahls in seinen Händen noch nachwirkte, war es ihm, als vernähme er den fernen Klang vielleicht eines Hammers, der auf einen Amboss traf, oder das Aufeinandertreffen von Schwertern, die im Kampf mit verbissener Wut nahezu im Gleichklang immer und immer wieder aufs Neue geschwungen wurden.

Langsam schlich der alte Mann gebeugt zu seinem Schreibtisch zurück und als er sich setzte, war sein Geist ohne sein Zutun verrückt, in eine alte Zeit und eine weite Ferne, zu Geschehnissen, die des Nachts wie des Tags vor seinem Inneren Auge durch geschriebene Worte ins Leben gerufen, wieder und wieder stattfanden.

 

 

 

Der alte Mann schob seine Brille den krummen Nasenrücken hoch und zündete einige weitere talgige Kerzen an, die die Dunkelheit des Bibliotheksturms vertreiben, und ihm bei seiner Lektüre ein erhellendes Licht sein sollten. Dann nahm er eines der Schriftstücke auf seinem Schreibtisch genauer in Augenschein. Es war ein vergilbter Tagebucheintrag des Ritters Gantoris, die Seitenränder des Schreibens waren arg in Mitleidenschaft gezogen und der obere Teil, auf dem wohl auch das Datum eingetragen gewesen sein mochte, stellte sich als bis zur Unleserlichkeit zerschunden heraus. Seine Augen flogen mit einer dem Greis inneren Trübseligkeit über die geschwungenen Lettern des Eintrages und schließlich, mit kaum vernehmbaren Lauten, las er den Tagebucheintrag mit brüchiger Stimme vor.

 

„Die Dunkelheit rückt mit unaufhaltsamer Macht näher auf die Lichterfestung zu, deren strahlende Klarheit nun, da ich diese Worte nieder schreibe, nicht mehr nur ein Ausdruck ihrer unendlichen Weisheit zu sein scheint, sondern vielmehr ein Sinnbild für eine Standhaftigkeit, die im Gegensatz zur Unbändigkeit unserer lichtlosen Widersacher steht. Die Ruhe in diesen erhabenen Hallen wird nur, ich möchte sagen, ergänzt, nicht gestört, von dem beruhigenden Rauschen des nahen Schwertmeeres und dem Säuseln des Windes, der sich offenbar in den schwarzen Baumkronen innerhalb der Festung ein neues Zuhause gesucht hat. Vielleicht sucht er auch die Flucht, denn dies scheint die einzige Möglichkeit zu sein, um dem drohenden Sturm zu entkommen. Viele haben sich hier eingefunden, verzweifelte Seelen, Flüchtige, aus dem Norden, aus dem Süden, wie auch aus dem Osten. Doch der Weg nach Westen bietet niemandem Hoffnung auf Errettung, denn die heimtückischen Klippen tief unten sind für uns nun unerreichbar und auch unpassierbar. Gerade höre ich wieder die fernen Klageschreie des Feindes, ein andersweltlicher, unbeschreiblicher Laut. Die wenigen hier stationierten Ritter und die Leibgarde Orns werden nicht ausreichen, diesen Ort zu retten, wir hätten…“

 

Erschöpft fuhr sich Gantoris mit der behandschuhten Hand über die Augen. Hätten sie doch nur auf Rask gehört, säße keiner von ihnen nun in dieser Todesfalle fest. Die Lichterfestung, deren Name nun ob der anhaltenden Dunkelheit um sie herum nur noch ein Hohn war, würde endgültig erlöschen, so wie jedes einzelne Leben innerhalb der Mauern, und das nur, weil sie sich zu fein gewesen waren, auf den Rat eines Orks zu hören. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte Gantoris etwas in der Finsternis zu erkennen, doch selbst hier, auf dem höchsten Bibliotheksturm der Festung, durchdrangen seine Augen die schwarze Wand aus scheinbar wabernden Schatten nicht. Seufzend schaute er auf den inneren Ring der Lichterfestung hinab, auf die verwaisten Wohnhäuser, die nun überfüllte Schenke und auf die Menschentraube, die sich um die Schmiede gescharrt hatte. Innerlich packte eine eiserne Faust sein Herz und zerquetschte es beim Anblick der vereinzelten Kinder, die sich neben Kriegern und Händlern, Gelehrten und Rittern um eine Waffe bemühten. In den großzügigen Parkanlagen, die sich dunkel in dieser Nacht abzeichneten, wurden Schwerter geschwungen, Pfeile auf zu Zielen umfunktionierte Bäume abgeschossen und Gantoris sah sogar einige schwache Energieblitze aufleuchten, vielleicht ihre beste Waffe gegen den Feind. Mit einem weiteren Blick zum dunklen Horizont entschied sich Gantoris, die äußeren Festungsanlagen noch einmal zu überprüfen, besonders die Katapulte, in die er besondere Hoffnung setzte. Das zwergische Feuer mochte ihnen gute Dienste leisten und vor allem mehr Zeit verschaffen. Die lange Wendeltreppe hinunter zum Hof zog sich endlos und Gantoris kam abgekämpft unten an, schließlich trug er schon seit zwei Stunden seine schwere Plattenrüstung, denn für ein spontanes Anlegen des Panzers im Falle eines überraschenden Angriffes blieb keine Zeit. So zerrte nicht nur die Ungewissheit ihrer Situation an seinen Nerven, sondern zusätzlich auch noch das Gewicht seiner Ausrüstung und die Verantwortung, die auf seinen Schultern lastete. Schließlich hatte man ihn zum Kommandanten der Verteidigung ernannt, da er der ranghöchste Ritter des Adavil in der Festung war. Eine sinnlose Geste, wie Gantoris fand, denn niemand an diesem Ort nannte genug Macht oder strategisches Geschick sein Eigen, um eine akzeptable Verteidigung organisieren zu können. Im Hof sah Gantoris einige vertraute Gesichter, so ragte unter den Kämpfern der Lichterfestung sein bester Freund und Waffenbruder Gjon auf, schwang sein Schwert und hielt damit drei Trainingspartner gleichzeitig auf Distanz. Für einen Moment schaute Gantoris seinem Ritterbruder zu, dann trafen sich ihre Blicke für einen flüchtigen Augenblick und Gjon hob die Hand, was die anderen Kämpfenden dazu veranlasste, inne zu halten. Mit einer fahrigen Bewegung wischte sich Gjon den Schweiß von der Stirn, nickte einem nahe stehenden Adavil-Ritter zu, der Gjons Posten übernahm und bewegte sich dann auf Gantoris zu. Schweigend umarmten sich die beiden Ritter kurz und gingen dann Seite an Seite durch den inneren Ring, vorbei am Gasthaus und an der Schmiede, vor der ein großes Geschrei und Gezeter anhob, als die Waffenschmiede bedauernd verkündeten, keine Waffen mehr vorrätig zu haben. Erst als die beiden Ritter das massive Tor zum äußeren Ring passiert hatten, brach Gjon das Schweigen. „Rask hatte wohl recht. Ein paar freundlichere Worte zu den Silberrittern und wir würden jetzt vielleicht entspannt im Schwertarm sitzen und uns eines großartigen Sieges erfreuen.“

Gantoris nickte. „Ja, Rask hatte recht“, wiederholte er. „Was den großartigen Sieg angeht…da bin ich mir nicht so sicher. Ich weiß nicht, ob sich die Silberritter überhaupt hätten überreden lassen. Bei all dem ungetrübten Hass…“

Gjon winkte ab. „Wie auch immer. Jetzt ist es zu spät für solche Überlegungen.“ Er hielt inne. „Gibt es mittlerweile eine Nachricht von außerhalb? Ich habe den ganzen Abend mit der Leibgarde und unseren Brüdern trainiert, deshalb habe ich nicht viel mitbekommen.“

Mittlerweile standen die beiden Ritter vor einer langen Reihe von Katapulten, die im äußeren Ring von einem Kontingent von Ingenieuren aufgestellt und gewartet wurden. „Ob uns die Feuerkraft dieser Maschinen etwas hilft?“ murmelte Gantoris. Dann wandte er sich wieder an Gjon. „Zu deiner Frage: Ein Falke ist eingetroffen.“ Er lachte bitter auf. „Aus Artania. In seiner ganzen Weisheit hat sich König Foltar dazu entschieden, seine gesamten Truppen aus Rivanor abzuziehen und sie am Passgebirge in Verteidigungsstellung gehen zu lassen.“ Er schaute Gjon an. „Wir sind auf uns gestellt, will mir scheinen.“

Gjon holte tief Luft. „Das heißt also, wir erhalten keine Unterstützung von unseren Verbündeten und wir wissen nicht einmal, welche Stadt wir in unserem eigenen Reich noch um Hilfe bitten könnten. Außerdem sind wir zu wenige und zu schlecht ausgerüstet, um diese Festung halten zu können, sehe ich das richtig?“

„Ja, absolut“, meinte Gantoris lakonisch. Stumm schritten die beiden Ritter die Verteidigungsanlagen ab und bestiegen dann auf der Nordseite der Lichterfestung die äußere Mauer. Kein Laut regte sich momentan im Umland, der Lichterwald, eigentlich von der Festungsmauer aus auch des nachts deutlich zu erkennen, verschwand in der nahenden Dunkelheit.

Eintausend Seelen sind hier eingepfercht, dachte Gantoris und schauderte. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich auch nur eine von ihnen lebend hier herausbringen soll.

„Wann findet die Besprechung statt?“ fragte Gjon und stützte sich dabei auf den Zinnen der Mauer ab. Offenbar zielten seine Gedanken auch in eine Richtung, an deren Ende die Ausweglosigkeit lauerte. „In einer Stunde. Orn und die anderen Gelehrten werden wissen wollen, was und ob überhaupt etwas von ihrem Bücherschatz nach der Schlacht übrig bleiben wird.“ Gantoris seufzte. „Ich werde mal nach du weißt schon wem sehen“ sagte er und lächelte. Gjon legte den Kopf auf die Seite und eine seiner Augenbrauen kletterte nach oben. „Na, wenn für so etwas noch Zeit ist, dann kann unsere Situation ja noch nicht so schlimm sein, du blonder, starker und tapferer Recke!“ Seine blauen Augen funkelten schalkhaft. „Jaja…“ Gantoris grinste zur Antwort breit. „Du weißt ja, man hat so seine Verpflichtungen!“ Gjon nickte ernsthaft. „Natürlich. Nun, dann werde ich Ark mal einen Besuch abstatten. Ich bin mir ziemlich sicher, ihn vorhin mit seinem Karren vor der Schenke gesehen zu haben, wahrscheinlich betrügt er verzweifelte Kunden wo er nur kann. Selbst jetzt noch.“ Zusammen kletterten die beiden Ritter wieder von der Mauer und machten sich auf den Weg zurück zum Innenhof. Gjon schlug seinem Freund beherzt auf den Brustpanzer. „Geh und genieße, solange du noch kannst!“ meinte er zum Abschied. „Viel Spaß mit dem mürrischen Zwerg“, antwortete Gantoris. „Wir treffen uns nach der Besprechung im Adavil-Tempel, mein Freund. Etwas göttlicher Beistand wird sicherlich nicht schaden.“ Gjon nickte bedächtig, dann trennten sich ihre Wege, Gantoris umrundete den zentralen Bibliotheksturm halb und fand sich bald zwischen den sich im sanften Wind wiegenden Bäumen der Parkanlagen wieder. Hier und dort sah er einige Bogenschützen ihre Zielgenauigkeit schulen und vor einem kleinen, sprudelnden Brunnen standen sich zwei Gelehrte der Lichterfestung in ihren schlichten, braunen Roben gegenüber, die Gesichter zum Zerreißen angespannt. Plötzlich löste sich aus der Hand des Einen ein heller Blitz, fuhr in die Robe des anderen Gelehrten und entlockte diesem ein schmerzerfülltes Stöhnen. Zuckendes Licht umgab den Mann, der sich nun krümmte und schließlich kraftlos auf die Knie sackte. Trotzdem äußerte er sich anerkennend und einige Augenblicke später stand er wieder aufrecht da und Gantoris glaubte, nun an dessen Hand funkelnde Energien kreisen zu sehen. „Na, wen haben wir denn hier?“ hauchte unvermittelt eine vertraute Stimme nahe seinem Ohr. „Ein Adavil-Ritter, der sich von magischen Zirkustricks in den Bann schlagen lässt?“ Gantoris Nackenhaare sträubten sich leicht, als er die Berührung zarter, filigraner Finger spürte, die sich schließlich von seinem Nacken zu seinem Hinterkopf hinaufarbeiteten und sich dort in seinem sandfarbenen Haar vergruben. „Hm…“ machte die Stimme. „Dieser Rüstung haftet ein schrecklicher Geruch an, mein Lieber. Du solltest sie schnell loswerden!“ Behutsam drehte Gantoris sich um und schaute in das lächelnde Gesicht von Purim, die sich nun so fest an den Körper des Ritters schmiegte, wie dessen Stahlpanzer es zuließ. Die langen blonden Haare der jungen Zauberwirkerin wellten sich spielerisch um ihre hohen Wangenknochen und die großen, mandelförmigen Augen strahlten wie Saphire. Trotz der wenig aussichtsreichen Situation, in der er sich befand, saugte Gantoris jedes Detail der schönen Elfe in sich auf, das hübsche Gesicht, die blasse, reine Haut, die schlanke Figur, die von einer in Rosa- und Rottönen dominierten Seidenrobe betont wurde und für einige Augenblicke vergaß er alles um sich herum, als die feinen rötlichen Lippen Purims die seinen zu einem ausgiebigen Kuss trafen. Er schloss die Augen und dachte an ihre Zeit in Schwertfels, als er dort zusammen mit Gjon stationiert war und nahezu jeden Abend heimlich das Elfenviertel aufsuchte, um Zeit mit Purim zu verbringen. Langsam lösten sich ihre Lippen nun wieder voneinander und die Gedanken des Ritters kehrten in die Wirklichkeit zurück. „Gut, dass du mich gefunden hast“, meinte er, während er seine Hände um die zierliche Elfe schlang. „Ich habe dich gesucht.“ Purim strich ihm eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und fuhr mit dem Zeigefinger die bleiche Narbe an seiner Wange entlang. „Tatsächlich?“ schnurrte sie und grinste dann frech. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum wohl!“ Innerlich glühte Gantoris bei diesen Worten auf, allein Purims blumiger Duft ließ seinen Geist in weite Ferne reisen. Doch nun war leider nicht die Zeit, sich in der Umarmung einer Frau zu ergehen. Bedauernd löste er sich von der Elfe und schaute sie fest an. „Noch in dieser Stunde findet eine letzte Besprechung mit Orn und den anderen obersten Gelehrten statt. Es geht um die Verteidigungsstrategie. Allem Anschein nach erwartet Orn, dass der Feind heute Nacht noch angreift.“ Die glatte Stirn der Elfe kräuselte sich leicht, sie fasste Gantoris bei der Hand und zog ihn mit sich tiefer in eine Baumgruppe hinein. Sie schaute den Ritter mit einem leichten Flimmern in den Augen an. „Und was wirst du ihnen sagen?“ fragte sie leise. Gantoris hob beschwichtigend die Hände. „Noch leben wir und ich habe vor dafür zu sorgen, dass das noch eine Weile so bleibt. Es wird in jedem Fall einige Zeit dauern, bis die Mauern überschritten werden, denn das Zwergenfeuer wird einigen Schaden bei unseren Widersachern anrichten. Außerdem hoffe ich immer noch darauf, dass wir durch die Armee aus Minator oder Festgrund entsetzt werden. Mach dir nicht zu viele Sorgen, Purim“, sagte er sanft und nahm ihre Hände in die seinen. „Wer weiß? Vielleicht gewinnen wir sogar.“ Er lächelte leicht und küsste die Elfe nochmals. Dann redeten sie von anderen Dingen, von vergangenen Zeiten, von Freunden in der Ferne und über eine unsichere Zukunft, die sie, was immer kommen mochte, zusammen verbringen wollten. Während sie noch sprachen schlug ein hohler Gong im Bibliotheksturm an und Gantoris wusste, dass es nun an der Zeit war, Orn und die anderen über ihre Möglichkeiten aufzuklären. „Wenn es soweit ist, dann wirst du dich zu den Flüchtlingen unter der Festung begeben, hast du mich verstanden?“ Eindringlich schaute der Ritter seine Liebste an. Purim nickte stumm und umarmte ihn einmal fest. „Geh“, formten ihre Lippen ohne einen Laut und sie entließ ihn in seine Pflicht. Er beeilte sich, denn der Weg bis in das oberste Stockwerk des Zentralen Turms der Bibliotheksfestung führte wieder über die lang gezogene Wendeltreppe und Gantoris wollte die Gelehrten nicht warten lassen. Undeutliches Stimmengewirr erreichte seine Ohren, während er sich im Laufschritt dem Turm näherte, seine Stahlstiefel hallten vom unebenen Steinboden wieder. Die Männer und Frauen um ihn herum unterhielten sich in unbewusstem Flüsterton, er schnappte Fetzen von Fluchtplänen auf, genauso wie rau hervorgebrachte Versicherungen, bis zum Tod standzuhalten. In der Vorhalle des Zentralturms bahnte Gantoris sich seinen Weg durch die unzähligen Kinder, Frauen und Alten, die hier auf ihr Schicksal warteten, konnten sie doch nicht viel dazu beitragen, es zum Guten zu wenden. Die Atmosphäre hier stank geradezu nach Angst, doch konnte der Ritter es den Schutzlosen und Bedürftigen nicht verdenken, denn auch in seine Gedanken schlich sich die Furcht, gemächlich wie ein hinterhältiges Gift. Schließlich gelangte er zur Wendeltreppe und während er sie erklomm, legte er sich zum wiederholten Mal passende Worte zurecht, die den Gelehrten einen nicht zu deprimierenden Eindruck ihrer Gesamtlage verschaffen sollten. Es nützte nichts, ihren Kampfgeist direkt im Vorfeld durch Eigenverschulden zu brechen.

 

Diese Nacht kostete Rym Vektor sowohl seinen scharfen Verstand als auch seinen letzten Nerv. Der Zwerg hatte es sich auf einem dreibeinigen Hocker neben seinem einfachen Holzkarren gemütlich gemacht und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Steinwand des Gasthauses direkt hinter ihm. Sein Maulesel trat unruhig auf der Stelle, was kein Wunder war, denn um Zwerg und Esel herum gestikulierten und schrien die Menschen wild durcheinander und so wie es schien, brüllten die meisten den dicken Zwerg an. Brummelnd beobachtete er die Leute genau, denn er wusste nie, wann wieder eine verzweifelte Seele versuchen würde, ihm sein Hab und Gut zu stehlen. Mürrisch warf er einen Blick auf seine Waren. Einige Dutzend gute Zwergenschwerter, vier elfische Langbogen mit einer erklecklichen Anzahl gefiederter Pfeile, dazu Morgensterne, Knüppel und sogar einige irdene Gefäße, die eine explosive Mischung enthielten, lagen verstreut vor ihm und auf dem Wagen, zusammen mit ein paar wertvollen Vorräten. Und natürlich schlugen sich die Menschen in der Lichterfestung nun gegenseitig den Schädel ein und sei es nur, um einen Topf mit Reis zu ergattern. „Hände weg, wenn du kein Gold hast!“ tobte Rym in diesem Moment, als ein findiger junger Mann sich auf leisen Sohlen hinter ihn geschlichen hatte, nur um die Hand nach einem schmucklosen Dolch auszustrecken. Erbost warf Rym seine Streitaxt nach dem Dieb, dieser wich jedoch mit einem gellenden Schrei aus, sodass die Axt einen Lidschlag später die Wand des Gasthauses zierte. „Soweit ist es noch nicht, bei mir wird immer noch mit gutem Gold bezahlt!“ Ryms Augen sprühten Funken und eine Ader an seinem Hals trat gefährlich hervor. „Der Dolch kostet dich drei Goldstücke, du kleiner Wicht!“ Doch der junge Mann war schon längst wieder in der Menge untergetaucht. Kaum jemand besaß soviel Geld, wie der Zwerg verlangte, zumindest gaben die meisten vor, nicht so viel zu besitzen. Oft rückten sie mit ihren Reichtümern im Angesicht der nahenden Gefahr aber doch heraus. „Ich gebe dir 10 Silbermünzen für dieses Schwert“, blubberte ein kahlköpfiger, fetter Mann mit verzweifelter Stimme. „Ein Goldstück für diesen Bogen!“ rief ein schlanker Jüngling und wedelte mit seiner Geldbörse. Rym lachte nur und schüttelte den Kopf. „Ihr seid alle nicht bei Sinnen!“ brauste er dann auf. Kein Wunder, dachte er bei sich. Schon bald würden sie alle zu Staub zermahlen, wenn diese Mauern dem Ansturm des Feindes nachgaben. Dann nützte ihm allerdings sein ganzes Gold auch nichts mehr. Aber er würde seine Händlerseele bis zu letzt aufrechterhalten, sonst könnte er sich auch gleich in ein Schwert stürzen. Ein großer Tumult entstand mit einem Mal im Gasthaus hinter ihm, aber Rym schaute gar nicht mehr hin. Nur ein weiterer Trottel, der einen über den Durst getrunken hatte.

Und tatsächlich öffnete sich die narbige Eichentür der Schenke mit einem Ruck, zwei in Lederpanzern steckende, muskelbepackte Kerle traten heraus, in ihrer Mitte zappelte und grölte ein dritter Mann, der offensichtlich gar nicht mehr wusste, wo er denn war. Im nächsten Moment suhlte er sich jedenfalls im Dreck. Missbilligend schüttelte Rym den Kopf. Dieser Idiot Kremlar sollte sein Bier nicht kostenlos ausschenken, Gefahr hin, Gefahr her. So jedenfalls verlieren wir immer mehr kampftaugliche Arme.

„Rym! Du fettes Schlitzohr!“ Die Ohren des Zwerges zuckten, als er die Stimme erkannte. „Gjon“, murrte er. „Sind du und dein Ritterfreund doch noch hier. Ich hörte Gerüchte, die Ritterschaft hätte sich schon aus dem Staub gemacht!“ Grinsend schlug der stämmige Zwerg in Gjons ausgestreckte Hand ein. „Setz dich. Du kannst mir gleich dabei helfen, auf meine Waren aufzupassen. Sieh dir nur diese Hunde an. Wenn sie den Mut hätten, würden sie mich zu Tode knüppeln und mir alles stehlen!“ Wütend starrte Rym die um seinen Karren versammelte Menschenmenge an. ‚Ich kann es ihnen kaum verdenken’, dachte Gjon, nickte dem erbosten Zwerg aber nur zustimmend zu. Seufzend setzte er sich zu Rym auf den Rand des Fuhrwerks und barg für einen Augenblick den Kopf in den Händen. „Steht wohl schlecht um uns, hm?“ brummte Rym. „Möglicherweise…wahrscheinlich“, antwortete Gjon ohne ihre Lage zu beschönigen. „Gantoris berät sich gerade mit Orn und den anderen. Viele Alternativen bleiben uns aber ohnehin nicht. Wir feuern unser Zwergenfeuer ab, verschießen die Munitionsvorräte an Pfeilen und weichen letztendlich in den innersten Ring der Festung zurück.“ In Gedanken spielte Gjon dieses hoffnungslose Szenario durch. „Und dann?“ fragte Rym kurz angebunden. Der Ritter starrte den Zwerg an. „Dann warten wir auf unser Ende. Und versuchen, über den alten Versorgungstunnel so viele Menschen hinauszuschaffen, wie wir können.“ Mit einem unappetitlichen Geräusch spuckte Rym aus, mitten vor die Füße eines aufdringlichen Gecken, der ihm etwas zu nahe kam. „Du meinst wohl den Versorgungstunnel, der 200 Fuß südlich der Festung wieder an die Oberfläche tritt?“ Gjon nickte ärgerlich. „Ja, genau den meine ich. Und ja, dort lagern allem Anschein nach ein paar Hundert Lichtlose. Aber uns bleibt keine andere Möglichkeit. Wir sitzen in einer Todesfalle, aus der es kein Entrinnen gibt, jedenfalls nicht auf konventionellem Wege“. Rym zog die Augenbrauen hoch. „Was heißt das jetzt wieder?“

Mittlerweile hatte es zu regnen begonnen, sodass die meisten Menschen, die Ryms Wagen bisher belagerten, fluchend Reißaus nahmen und sich vor den niederprasselnden Tropfen in Sicherheit brachten. Binnen einiger Augenblicke saßen Zwerg und Ritter nunmehr einsam vor dem überfüllten Gasthaus, aus dem weiterhin Musik hallte, ab und zu unterbrochen vom Grölen eines Gastes, der zu tief ins Glas geschaut hatte.

Gjon blieb dem Zwerg einige Atemzüge lang die Antwort auf dessen Frage schuldig. Dann breitete er unschlüssig die Hände aus. „Ich weiß es auch nicht. Vielleicht sendet uns Adavil Hilfe. Vielleicht rettet er uns vor dem Verderben.“ Rym gab ein freudloses Lachen von sich. „Na wenn das so ist, kann ich ja hier hocken bleiben. Euer Gott wird einem alten Zwerg wohl kaum helfen, sondern ihn nur zu gern hier verrotten lassen.“ Mit einem Ruck erhob sich Rym, stieß den Hocker, auf dem er gesessen hatte, grob zur Seite und hantierte an seinen verschiedenen Handelswaren und Utensilien herum. Sichtlich niedergeschlagen legte er eine Plane über die ausgebreiteten Waffen, für die er nun wahrscheinlich keinen zahlenden Abnehmer mehr finden würde. Schweigend schaute ihm Gjon zu. „Sag so etwas nicht, Rym“, sagte der Ritter schließlich leise, während er zum regenverhangenen Himmel hinaufschaute. Doch die Worte klangen hohl, denn in seinem Herzen wusste er, dass Adavil keinem Zwerg, keinem Elf und keinem Ork seine Unterstützung zuteil werden ließ. Diese war ausschließlich für Menschen vorbehalten. Und auch das schien nicht sicher zu sein.

Einige Minuten später befanden sich die beiden ungleichen Gestalten auf dem Weg zum Tempel des Adavil, Rym führte seinen murrenden Maulesel langsamen Schrittes am Zügel, während Gjon mit hängenden Schultern hinter dem quietschenden Fuhrwerk durch den Regen stapfte. Bis sie den Tempel erreichten, wechselten sie kein Wort mehr miteinander, denn nun spürten sie durch den Umschwung des Wetters umso deutlicher die Bedrückung dieses Ortes und keinem war jetzt nach Reden zumute. Schweigend verabschiedeten sich Zwerg und Ritter, der die verregneten Stufen zum Tempel des Adavil erklomm und die schwere Holztür aufschwingen ließ, die so sehr in ihren Angeln protestierte, wie Gjon in seinem Herzen gegen die momentane Situation aufbegehrte. Die gedrungene Halle im Innern des Tempels strahlte eine eisige Kälte aus, die Gjon unwillkürlich frösteln ließ. Nicht einmal sein Gott schien etwas Wärme für die Menschen übrig zu haben, die so sehr auf ihn hofften. Leise setzte sich Gjon in eine der knarrenden Holzbänke und senkte sein Haupt zum Gebet. Doch fand er weder passende Worte noch Gedanken. Als er in sich hineinhorchte und dabei gleichzeitig die aus Marmor gefertigte Gestalt Adavils im Altarraum des Tempels ansah, schüttelte er resigniert den Kopf. Seit den langen Monaten, in denen sein ganzes bisheriges Leben, ja sein gesamtes Weltbild aus den Fugen geraten war, zweifelte er unbewusst mehr und mehr an seinen Glaubensgrundsätzen. Die Dogmen der Ritterschaft, die ihm in früheren Zeiten Stärke einflößten, zerfielen nun zusehends zu wertloser Asche, genauso wie Gjons Haltung zur erbarmungslosen Schweigsamkeit seines Gottes dafür sorgte, dass sein Glaube sich verflüchtigte. Offenbar hatte die grausame Arroganz und das hemmungslose Überlegenheitsgefühl der Menschen gegenüber den anderen Rassen dafür gesorgt, dass sie sich zu sehr in Sicherheit gewogen hatten. Nun stand das Königreich Rivanor in Flammen, verursacht nicht nur durch einen bösartigen und mächtigen Feind, sondern auch durch die Gier und Maßlosigkeit der Menschen, die sich selbst untereinander mit unvermindertem Eifer zugrunde richteten, durch Intrigen, Machtausnutzung und Verschwendung. An dem kalten Schweiß, der ihm nun ausbrach, merkte Gjon, dass er sich wieder in eine Gedankenspirale der Niedergeschlagenheit begab, die zu keinem befriedigenden Ort führte. Er zwang sich, die Bilder in seinem Geist zu unterdrücken. Stattdessen ging er nun leise an den Wänden des Tempels entlang, in dem nur vereinzelt einige verlorene Seelen saßen und vergeblich beteten. Vielleicht bemerkten die meisten anderen Menschen ebenfalls, dass sie bei Adavil mittlerweile nur noch auf taube Ohren und auf Unverständnis stießen.

 

Ein anklagendes Grollen begrüßte Gantoris, als er wieder auf den Wehrgang des Bibliotheksturms hinaustrat. Leise schloss er die Tür hinter sich, hinter der Orns Studierzimmer lag. Sein Atem hinterließ graue Wölkchen in der kalten Luft, der Regen verdampfte zischend auf seiner schweren Rüstung, die ihm in den letzten Tagen zur bleiernen Gewohnheit geworden war, immer in Erwartung einer Krise. Die Unterredung mit Orn und den anderen obersten Gelehrten war wie erwartet sehr ernüchternd verlaufen. Niemand von den Anwesenden glaubte wirklich daran, die Festung effektiv verteidigen zu können, deshalb hatte Gantoris auch keine Schwierigkeiten gehabt, seine ausschließlich auf Abwehr und Rückzug ausgerichtete Strategie darzulegen. Nun stand der Ritter einsam an der Balustrade des Turms und fragte sich nur noch eines, während er auf die Dunkelheit jenseits der Mauern starrte. Wenn Adavil die menschliche Rasse doch als allen anderen Rassen überlegen darstellte, wo war er dann jetzt, da seine Schöpfung im Niedergang begriffen war? In Gedanken versunken schleppte sich Gantoris die glitschigen Stufen des Turms herunter, dabei ließ er sich Zeit, denn nun gab es nicht mehr viel zu tun, außer zu warten. Mit zusammengekniffenen Augen besah er sich bei seinem Abstieg die Gruppen von Bogenschützen, die bereits auf den äußeren Mauern Aufstellung genommen hatten und vergeblich versuchten, die Finsternis mit ihren Augen zu durchdringen. Auch die Technikermannschaften nahmen sich in diesen Augenblicken den Katapulten an, die das Zwergenfeuer auf ihre Feinde schleudern sollten, um möglichst viel Schaden anzurichten. Schließlich würde ihr erfolgreicher Rückzug davon abhängen, wie effektiv sie die Lichtlosen aufhalten konnten.

Am Fuße des Bibliotheksturms angekommen machte sich Gantoris auf den Weg zum Tempel des Adavil. Zumindest ein letztes Mal wollte er seinen Gott seine Ehrerbietung erweisen. Auch wenn er dafür im Gegenzug nichts erhalten würde. Aber vielleicht ging es auch genau darum, dachte Gantoris verbittert. Zu beten, zu kriechen, alles zu opfern, bis zuletzt. Aber was dann? Blitzartig bemächtigten sich wieder ungebetene Bilder Gantoris Geist,  Gesichter von Personen, die ihm nahestanden, ausdruckslose Gesichter, tote Gesichter. Dazu die Schreie, das Schluchzen, das Stöhnen, der schreckliche Gestank. Diese Eindrücke der letzten Monate würden ihm nie aus dem Kopf gehen und doch fand dies alles vielleicht heute Nacht ein Ende, zumindest für ihn. Als Gantoris gerade einen Fuß auf das Tempelgelände gestellt hatte, ertönte ein ohrenbetäubender Schrei, der nicht nur ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ, sondern dafür sorgte, dass einige rings um den Tempel stehende Flüchtlinge wimmernd zusammenbrachen. Sofort machte Gantoris kehrt, hastete den ganzen Weg zurück, nur um sich nahe der äußeren Mauer einem Anblick gegenüberzusehen, der ihm einen eisigen Schauder über den Rücken laufen ließ. Zwischen zwei der mächtigen Katapulte lagen die entstellten Leichen von einem Dutzend Soldaten aus Orns Leibwache, die Langbogen wahllos über das Schlachtfeld verteilt. Gehetzt sah sich Gantoris um, sein Breitschwert flog wie von selbst in seine Hände, während er den Himmel absuchte, jedoch ohne auch nur das Geringste zu erkennen. Nun näherten sich auch einige der durch den dichten Regen völlig durchnässten Techniker, aber als sie die Leichen der Soldaten erblickten, blieben sie wie angewurzelt stehen. „Was ist denn passiert?“ fragte einer der Männer, sichtlich erbleicht. „Diese Höllenbestien haben es über die Mauer geschafft, ohne das wir es gemerkt haben, sie könnten überall sein“, flüsterte ein anderer und machte Anstalten, Richtung Festungsturm zu verschwinden. „Schweigt still, allesamt!“ herrschte Gantoris seine Untergebenen an, denn schließlich führte er hier das Kommando. Mit geschlossenen Augen horchte er. Das Prasseln des Regens und der über den Himmel rollende Donner erfüllten seine Ohren, die unterdrückten Atemgeräusche der Männer um ihn herum und der Wind, der flüsternd durch jede Ritze im Mauerwerk drang, machten es ihm schwer, überhaupt etwas anderes wahrzunehmen. Hoch oben auf der Mauer liefen die wenigen Dutzend Bogenschützen nervös auf und ab, offenbar konnten sie nichts erkennen, was darauf hinwies, dass die Finsternis sich bis zur Festungsmauer genähert hatte. Plötzlich erklang wieder ein furchterregender Schrei, gefolgt von dem dumpfen Geräusch herabfallender Körper. „Schießt das Zwergenfeuer ab“, sagte Gantoris und seine Augen weiteten sich. „Wie meint Ihr, Herr?“ fragte einer der Männer verblüfft.

„Feuer!“ brüllte Gantoris. „Alles abfeuern!“ Die Techniker starrten ihn einen Lidschlag lang verdutzt an, dann rannten sie ebenfalls schreiend durcheinander, luden die Katapulte mit dem schnell entzündlichen und lange brennbarem Zwergenfeuer, nur um es dem unsichtbaren Feind ohne Umschweife entgegenzuschleudern. Atemlos erklomm Gantoris die Festungsmauer, über ihn hinweg flogen die schon entzündeten Gefäße, schlugen in der Ebene vor der Lichterfestung auf und verwandelten das Land in einen Feuersturm. „Nicht ins Feuer sehen!“ rief Gantoris und beschirmte seine Augen mit der Hand. Was ging hier vor? Wie hatten es die Lichtlosen über die Mauer geschafft? Als sich der Rauch durch den starken Wind etwas verflüchtigte, stützte sich Gantoris auf den Zinnen ab und suchte konzentriert den mehr als zehn Fuß unter ihm liegenden Boden ab. Nichts war zu sehen. Der Ritter des Adavil spürte, wie ihm schleichend der Schweiß ausbrach, als er keine Möglichkeit sah, diese beiden unbemerkten Angriffe zu rekonstruieren.

In diesem Augenblick erhellte ein gleißendes Licht die ganze Festung, die Männer um Gantoris herum schrien geblendet auf und duckten sich, während der Ritter selbst die Augen zusammenkniff und die Quelle des Lichtes ausfindig machte. Oben auf dem Bibliotheksturm war der Schein am hellsten, gar so intensiv wie die Strahlen der Sonne, sodass sich Gantoris stöhnend abwenden musste. Egal wer dieses Licht verursachte, es ermöglichte ihnen nun die Sicht auf die vor ihnen liegende Ebene. „Wendet euch vom Licht ab, schaut auf den Boden vor der Festung!“ rief Gantoris und hielt sich an seinen eigenen Rat. Was er allerdings sah, ließ sein ohnehin gefordertes Herz für einen Moment aussetzen. Vor ihnen krochen die grauen Gestalten der Lichtlosen die Festungsmauer empor, mit ihren Krallen erklommen sie das Gestein, wie Gantoris einen Baum hochgeklettert wäre. Gerade einmal zwei Dutzend verbrannte und verkohlte Leichen konnte der Ritter dort draußen ausmachen, der Großteil des Feindes musste sich schon länger direkt unter ihnen an der Festungsmauer verschanzt haben. Das Zwergenfeuer war verschwendet und als Gantoris seinen Blick nach links wandte, stieg der erste Feind bereits über einen unbewachten Teil der Zinnen, die blauen Augen des Wesens schimmerten deutlich erkennbar durch den prasselnden Regen hindurch. Sirrend schwirrte ein Pfeil heran, bohrte sich in den Hals des Lichtlosen und zwang ihn in die Knie. Die Gelegenheit nutzend, rammte Gantoris dem Wesen sein Schwert durch den Brustkorb und versetzte ihm einen schweren Tritt. Doch schon ragten plötzlich an vielen Stellen der Wehrmauer die grauen Gestalten empor, Gantoris sah mehrere menschliche Soldaten zu Boden gehen, durch die gewaltigen Streithämmer und Äxte der Lichtlosen gefällt. Es entstand ein heilloses Chaos, denn die Bogenschützen versuchten gleichzeitig die die Festung hinaufkletternden Widersacher ins Visier zu nehmen und außerdem die immer zahlreicher werdenden Feinde auf der Mauer zu dezimieren. Ständig musste sich Gantoris unter fliegenden Geschossen wegducken, genauso wie die nun rasch herbei eilenden weiteren Ritter des Adavil sowie die Soldaten von Orns Leibwache. Überrascht wich Gantoris zurück, als er sich dem ersten Lichtlosen, dem er sein Schwert durch die Brust gestoßen hatte, wieder gegenüber sah. Der Pfeil ragte ihm noch aus dem Hals, doch schien er seinen mächtigen Streitkolben mit unverminderter Härte zu führen. Im letzten Moment zuckte Gantoris zur Seite, der wuchtige Hieb hätte ihn auf der Stelle zerschmettert. Noch einmal schlitzte er seinen Gegner auf, der sich jedoch kaum von den klaffenden Wunden in Brust und Leiste beeindrucken ließ, sondern stoisch weiter Angriffe führte, denen Gantoris auf der beengten Mauer nur schwerlich ausweichen konnte. Seinen Mitstreitern erging es genauso schlecht und schon nach wenigen Minuten war die Mauer mit toten oder sterbenden Soldaten übersät, während die Lichtlosen immer zahlreicher wurden. „Zu mir!“ rief Gantoris keuchend seinen Rittergefährten zu, die sich sofort wie ein Mann um ihren Anführer scharrten. Ein Armbrustbolzen zischte an Gantoris Gesicht vorbei, traf einen Lichtlosen ins Bein und ließ ihn strauchelnd von der Brüstung fallen. Die Ritter feuerten nun nacheinander ihre Geschosswaffen ab, um sich die Feinde wenigstens vom Leib halten zu können. Gantoris wischte sich den Regen aus dem Gesicht und schaute sich um. „Zur Leiter dort vorne!“ befahl er. Gemeinsam wandten sich die Ritter in die angegebene Richtung, doch sahen sie bald, dass sie es nicht schaffen würden. In der Nähe der Leiter zerschmetterten ein Dutzend Lichtlose gerade den letzten Widerstand von Orns Leibwache, die zwar ihr Bestes taten, dem schmerzunempfindlichen Feind jedoch nicht standhalten konnten. Als Gantoris in die Gesichter seiner Gefährten schaute, sah er weder Angst noch Hass, nur Bitterkeit. So erging es ihm auch. Ein Gegner, den sie mit konventionellen Mitteln kaum bezwingen konnten. Was war dies für eine Prüfung ihres Gottes? Dennoch trat das halbe Dutzend Ritter weiter nach vorn, die Schilde vor sich gestreckt. Armbrüste klickten, belohnt durch das dumpfe Röcheln des einen oder anderen Lichtlosen, doch mittlerweile konnte Gantoris keinen einzigen Verbündeten mehr erkennen, um sie herum näherten sich ausschließlich graue, hoch aufragende Gestalten, die durch den ständigen Regenguss zu fließen schienen. „Versucht sie von der Mauer zu stoßen“, sagte Gantoris und hob mit knirschenden Zähnen sein Schwert. Einen Herzschlag später fand er sich gegen die Zinnen geschleudert wieder, seine Ohren klingelten, als er sich wieder aufrappelte. Der Stein um ihn herum brannte, seine Ritter lagen am Boden, schüttelten benommen die Köpfe, doch von den Lichtlosen in der Nähe war nichts übrig als einige Haufen verkohlter Asche. „Gantoris!“ brüllte jemand aus dem Innenhof, gleichzeitig gellten Schmerzensschreie durch die Nacht. Immer noch geschwächt erreichte Gantoris den Rand der Mauer und erkannte Gjon, der ihm wild gestikulierend bedeutete, dort herunter zu kommen. Purim stand klein und verloren neben ihm, ihr sonst leuchtend blondes Haar wirkte stumpf und farblos, und der Regen klebte es ihr in schlierenartigen Windungen um den Kopf. Nicht weit von den beiden entfernt blitzte etwas im Dunkel auf und eine weitere Explosion ereignete sich auf der Mauer, die vier, fünf Lichtlose in einem alles verschlingenden Feuerball verzehrte. Steine lösten sich aus der Wehrmauer, die kaum mehr solcher Attacken aushalten würde, ohne zusammenzustürzen. Ächzend schleppte sich Gantoris zu der schwankenden Leiter, half auf dem Weg noch einem seiner Ritterbrüder auf die Beine und kletterte eilends hinunter. Donnernd stürzte ein Teil der Mauer ein, als weitere Lichtblitze alles in Reichweite zerfetzten. Gantoris fing Purims Blick auf, die jedoch nur den Kopf schüttelte. Langsam deutete sie auf das Haupttor. Dort strömte eine nicht abzuschätzende Anzahl Lichtloser durch den zerstörten rechten Torflügel. Vereinzelt zerriss auch an dieser Stelle eine Magieattacke die Dunkelheit, erhellte den gesamten Innenhof, nur um schlussendlich in einem kläglichen Funkenregen unterzugehen. Schwach hörte Gantoris seinen Gefährten Gjon Befehle brüllen, doch er wusste, dass ihr ganzer Verteidigungsplan fehlgeschlagen war. Fast geräuschlos ließ sich der Feind nun von den Mauern herab, offenbar hatte er jeglichen Widerstand gebrochen. Ein leichtes Säuseln erklang nahe Gantoris Ohren, als Purim ihre Macht kanalisierte, um eine Salve magischer Kugeln unkontrolliert in eine Ansammlung der grauen Schatten zu senden. Zwei Lichtlose stürzten zu Boden, sie brannten trotz des Regens unauslöschlich. Doch die Masse des Feindes vergrößerte sich mit jedem Augenblick. Sein Schwert schon längst gen Boden gerichtet, gab Gantoris sich geschlagen. „Rückzug!“ rief er, so laut er es noch vermochte. „Zieht euch in den inneren Ring zurück!“ Dann packte er Purim an den Schultern und schüttelte sie grob. Er wusste, dass die zierliche Elfe sich nur unter Androhung von Gewalt in Sicherheit begeben würde, denn Gantoris selbst wollte hier bleiben und die Flucht der verbliebenen Soldaten, Ritter und vor allem der Flüchtlinge koordinieren und decken. „Geh. In die Festung.“ Er fixierte die Elfe, die sich zuerst empört von ihm lösen wollte, dann allerdings sah sie die Entschlossenheit in seinen Augen. Sie nickte stumm, schien aber noch nicht richtig zu verstehen, was hier geschah. Keuchend kam Gjon angelaufen, das Schwert blutig, der wuchtige Schild eingedellt. „Wir müssen hier weg, schnell!“ rief er. Hastig sah er sich um. Obwohl sich nun aus dem Festungsinneren immer mehr Soldaten und vereinzelte Ritter näherten, gab es keinen Zweifel über den Ausgang der Schlacht. Überall um sie herum brachen Scharmützel aus, die meistens mit dem schmerzvollen Tod der Verteidiger endeten. Gjon schätzte die Zahl der Feinde innerhalb der Mauern bereits auf über 200, sodass er sich keine Hoffnungen machte, die Lichtlosen wieder zurücktreiben zu können. „Es ist zu spät, wir müssen uns in den Bibliotheksturm zurückziehen!“ Fragend sah er seinen langjährigen Freund an. Dieser nahm Purims kleine Hand und legte sie in Gjons Hände. Dann nahm er den Blick seines Freundes gefangen. „Ich erwarte von dir, dass du Purim sicher in den Turm geleitest, ohne dass ihr ein Leid geschieht, Bruder.“ Unmerklich schüttelte Gjon den Kopf, doch die Augen seines Rittergefährten blieben hart. „So sollte es nicht enden.“ Mehr wusste Gjon nicht zu sagen, sein Kopf fühlte sich leer und schwer an. „Wird es aber, mein Freund“, antwortete Gantoris sanft. „Gehab dich wohl.“ Ohne ein weiteres Wort drehte der Ritter sich um, küsste Purim fest auf ihre Lippen und schlug seinem Ritterbruder, schon im Vorbeigehen, noch einmal auf den Brustpanzer. „Zu mir, Ritter des Adavil! Sammelt euch!“ brüllte er dann und verschwand langsam im Regen und in der schwindenden Menge von menschlichen Kriegern, die sich verbissen gegen die Flut der Angreifer wehrten.

 

Purim traute ihren Augen kaum, als ihr Liebster, im Augenblick zuvor noch umschlungen mit ihr zu einem innigen Kuss, nun aus ihrem Blickfeld verschwand. Sie fühlte sich grob gepackt und mitgeschleift, offenbar hatte Gjon sie schon mehrfach angesprochen, aber keine Antwort erhalten. Nun zog er sie mit sich, bis sie schließlich wieder zu sich kam und von selbst hinter dem großen Ritter dreinstolperte. Sie war verwirrt, verschreckt und fühlte einen Anflug von Panik, denn mit solch einer Situation hatte sie trotz allem nicht gerechnet. Vor allem passierte alles einfach zu schnell, niemand hatte die Zeit, angemessen zu reagieren. Keine Gespräche mehr, kein Plan, keine letzten Gebete, der Angriff war schneller und überraschender erfolgt, als sie erwartet hatten und nun blieb ihnen nichts anderes übrig, als in Sekundenbruchteilen auf die Ereignisse zu reagieren, die der Elfe abgehackt und wie einzelne, unvollständige Szenen vorkamen. Das Verhältnis zwischen ihnen allen hatte sich verändert, sie erkannte Gjon kaum wieder, der nun grimmig und wortkarg vor ihr herlief, er erschien ihr fremd, wie in einem düsteren und unwirklichen Traum. Weitere kurze Szenen spielten sich vor ihren Augen ab, sie sah einen Trupp Soldaten an sich vorbeihasten, die Richtung Wehrmauer unterwegs waren, dutzende Frauen, Kinder und Verwundete drängten sich um den Tempel des Adavil, während schreiende Soldaten sie dazu bewegen wollten, sich in die Sicherheit der inneren Festung zu begeben. Als Gjon mit Purim im Schlepptau das niedrige Tor zum Bereich um den Bibliotheksturm erreichte, bahnte er sich mit Gewalt einen Weg durch die wartenden Menschen, die alle auf einmal um Einlass begehrten. Offenbar nur Augenblicke später fand sich Purim im Untergeschoss des Bibliotheksturms zwischen ein paar Vorratskisten wieder, eine alte, zahnlose Frau kauerte neben ihr und wimmerte leicht, während Kindergeschrei und wütende Männerstimmen die Halle in ein nervenzerrendes Stimmengewirr tauchten. Mit eindringlichen Gesten sprach Gjon zu der verstörten Elfe, doch wieder erreichten nur Bruchstücke der Worte ihre Ohren und einen Moment später entfernte sich der Ritter schon wieder von ihr.

 

Am Eingang zum inneren Gemäuer fing Rym den vorbei eilenden Gjon mit einem beherzten Faustschlag ab, der den Ritter direkt in die Magengrube traf. „Na! Wen haben wir denn da! Jetzt schaut euch diesen Schlamassel an! Mein Wagen steht irgendwo dort draußen im Dreck, mit all den kostbaren Waren und meinem verdammten Maulesel!Und diese grauen Bastarde stehlen mir wahrscheinlich gerade jetzt mein Hab und Gut! Hattet ihr nicht einen Verteidigungsplan?!“ Wütend versperrte der Zwerg dem Ritter den Weg, die geballten Fäuste in die Seite gestemmt. Entgeistert betrachtete Gjon den Zwerg, der sich immerhin schon mit einem Kettenhemd und einer ganzen Reihe von Äxten und Messern ausgestattet hatte. Rym grinste unverschämt. „Du solltest mal dein Gesicht sehen, elender Mensch. Zum Totlachen.“ Spöttisch schwang der Zwerg eine beidseitig geschliffene Axt, nun verzog sich sein breiter Mund zu einem wölfischen Grinsen. „Was ich eigentlich fragen wollte…brauchst du einen Mitstreiter da draußen? Ich muss doch meinen Karren zurückholen“, fügte er hinzu und zwinkerte. Seufzend zwang Gjon seinen rebellierenden Magen zur Ruhe, der Fausthieb des Zwerges wog so schwer wie ein Streithammer. Dann grinste er jedoch schief zurück. „Sicherlich, Rym. Folg mir. Gantoris ist da draußen und ich gedenke nicht, ihn im Stich zu lassen. Komm, zum Haupttor!“ Schon lief der Ritter weiter, doch Rym hielt spielend mit den langen Schritten des großen Mannes mit, der aufgrund seiner schweren Plattenrüstung nicht so schnell vorankam, wie er es gern gehabt hätte. Gemeinsam schlossen sich die beiden einer Gruppe von Soldaten an, unter denen auch vier Ritter des Adavil waren, die Gjon mit einem knappen Nicken grüßten. „Wie steht der Kampf am Haupttor?“ fragte Gjon in die Runde, während sie im Laufschritt gegen den schwächer werdenden Strom von Flüchtlingen gen Außenmauer liefen. Einer der Ritter klappte sein Visier hoch und schaute Gjon an. „Ich habe gehört, irgendeine finstere Magie hat das Haupttor zur Gänze gesprengt. Unwahrscheinlich, dass dort überhaupt noch jemand von uns am Leben ist.“ Kalte Furcht nistete sich in Gjons Herz ein, obwohl er wusste, dass eine solche Situation letztendlich für einen jeden von ihnen unvermeidlich war. „Wir müssen trotzdem nachsehen“, sagte er nur und gab sich wieder seinen Gedanken hin. Schreie ertönten jetzt aus einiger Entfernung, vermischt mit den Geräuschen von Schwertern, die verbissen aufeinander geschlagen wurden. Plötzlich erzitterte der Boden unter ihren Füßen, sodass einige der Männer strauchelten und wild durcheinander schrien. Gjon hielt das Gleichgewicht, und beschleunigte seine Schritte noch. Eine dunkle Ahnung erfüllte ihn, als er den Blick hob. Hoch auf dem Bibliotheksturm schwang sich zum zweiten Mal in dieser Nacht ein Licht in den pechschwarzen Himmel auf. Nur der oberste Gelehrte Orn konnte dort oben stehen, um zweifellos seine mächtige Magie auf irgendeine Art gegen die Angreifer einzusetzen. Wie aus dem Nichts schossen plötzlich grau gesprenkelte Wesen vor ihnen aus dem Boden, sie schälten sich geradezu aus dem dichten Nebelschleier und griffen ohne Vorwarnung an. Gjon parierte den Hieb eines riesigen Lichtlosen, der ein gewaltiges Zweihandschwert schwang, jedoch nur ungelenk damit ausholte, drehte sich auf der Stelle und schmetterte seinem Widersacher den Schild ins Gesicht. Wie vom Blitz gefällt ging das Wesen zu Boden, doch Gjon war sich sicher, es nur vorübergehend außer Gefecht gesetzt zu haben. Weitere Feinde stürmten auf ihn und seinen Trupp ein, er setzte sich zur Wehr und half seinen Mitstreitern wo immer er konnte aus, aber schon bald war die kleine Gruppe umzingelt und kämpfte Rücken an Rücken. Zwar sah Gjon mit Genugtuung, wie die Soldaten einige der Lichtlosen regelrecht zerhackten, sodass diese bestimmt nicht wieder aufstanden, trotzdem machte er sich keine Hoffnung. Schmerzlich durchzuckte ihn der Gedanke an Gantoris, der irgendwo vor ihm gegen die Übermacht stritt…oder bereits kalt auf dem unwirtlichen Steinboden lag. Ein Scheppern neben ihm ließ Gjon alarmiert herumfahren. Über und über mit Blut besudelt hockte Rym auf einem für seine Verhältnisse baumhohen Gegner, dem er fluchend und spuckend sämtliche Gliedmaßen einzeln abtrennte. „Meine Axt ist jetzt schon schartig, verdammter Mensch!“ Aus seinen kleinen, stechenden Augen sah er Gjon an. „Dazu hast du nichts zu sagen,was? Ihr seid alle gleich. Erst wenn es zu spät ist, bemerkt ihr eure Fehler. Und dann wisst ihr keine Antwort!“ Rym grinste den Ritter sardonisch an. „Mach dir nichts draus, Ritter. Ich mag dich trotzdem.“ Behäbig richtete sich der Zwerg von seinem Opfer auf und sprang zurück ins Getümmel. Gjon verlor ihn binnen eines Herzschlages aus den Augen, doch blieb ihm keine Zeit, über die Worte des Zwerges nachzudenken, da sein Blickfeld von verzweifelt in Not geratenen Ritterbrüdern und Soldaten eingenommen wurde. So gut er konnte, hielt er seinen Trupp zusammen, hieb und schnitt durch graue Körper, die auch auf die schwersten Verletzungen kaum eine Reaktion zeigten.

In diesem Augenblick erhielt Gjon einen klingenden Hieb auf seinen Helm, für einen Moment schwankte er, seine Sicht verschwamm, aber bis er sich wieder fangen konnte, schmetterte ihn eine grotesk große Gestalt brutal zu Boden. Die Schreie um ihn erfüllten die Luft, der Regen suchte hartnäckig den Weg in seine Augen und offenkundig wich die Dunkelheit für den Moment wieder einem grellen Lichtschein, der sich vom Himmel auf sie herabsenkte. Schon spürte Gjon einen schweren Fuß auf seiner Brust, der ihn niederdrückte, bis im nächsten Moment ein ohrenbetäubendes Donnern seine gesamte Wahrnehmung zerriss, er fühlte sich hochgehoben und wieder zurück auf den Boden geschleudert, die Seitenverhältnisse entfremdeten sich vollends und das Licht durchstach seine zusammen gekniffenen Augen. Er glaubte, schmerzerfülltes Stöhnen um sich herum zu hören, vielleicht kam es aber auch aus seinem eigenen Mund, er vermochte es nicht zu sagen. So schnell wie die Erscheinung angedauert hatte, wich sie auch wieder der umfassenden Dunkelheit, Gjon spürte den harten Steinboden an seiner Wange, offenbar lag er auf der Seite und hatte seinen Helm verloren, aber als der Ritter die Augen wieder aufschlug, starrte er direkt in die weit aufgerissenen, unbeweglichen grünen Augen seines Freundes Gantoris.

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