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Lornheim-Die Weltenstadt

Kapitel 1 Der Meteorit

 

Lornheim war ein verregneter Ort mit einer schmucken Innenstadt, deren historistische und vom Jugendstil geprägte Gebäude eine Mischung aus Erhabenheit und Heimeligkeit erschufen. Besonders die großen Kaufhäuser am Ludwigsplatz und auf der über den Fluss Sobek führenden Krämerbrücke versetzten einen jeden Bewohner oder Besucher zurück in eine längst vergangene Zeit. Aber trotz der sich stur erhaltenden, archaischen Architektur spannten zwischen Reichfeld&Horner und Gorianth auch Firmen wie Silverlite und Sensus ihre Zelte auf – besser gesagt ihre Hightech-Tempel. Diese verströmten mit ihrer Mischung aus bläulichem und orangenem Licht eine gewisse Syfy-Atmosphäre, die neben den grau-braunen Konsumkolossen, aus deren Fenstern warmes Licht auf den Bürgersteig fiel, seltsam deplatziert wirkte – aber natürlich in höchstem Maße kosmopolitisch. Dieser Art waren natürlich auch die Bewohner Lornheims, deren Toleranz ihnen aus sämtlichen Poren drang. Als ethnisch diverse Menschen und religiös auf die Großen Philosophen schwörende Realisten blickten sie aus ihrer Sicht einer strahlenden, prosperierenden Zukunft entgegen. Lornheim war auch eine Stadt der Märkte. Wo immer ein Quäntchen Platz war, tummelten sich neben Straßenmusikern und Zeitungsverkäufern auch emsige Marktleute, die aus mal kleinen, mal größeren Ständen heraus ihre Waren feilboten. Mit Fug und Recht konnte die Behauptung aufgestellt werden, dass in Lornheim an jeder Ecke mindestens eine Kuriosität zu ergattern war. Zumal dies auch in einer passenden, zwielichtig bis mystisch erscheinenden Atmosphäre möglich war, denn an mancher Stelle wartete das Vergnügen des völligen Eintauchens in eine frühneuzeitliche Marktwarenwelt auf den geneigten Besucher: Am Anger beispielsweise drubbelten sich ein Dutzend Marktstände neben – und durcheinander, sodass verschluckt wurde, wer immer auch einen Fuß in diese altertümlich anmutende Welt setzte. Beschienen von diffusem, wie Kerzenschein wirkendem Licht bewegte man sich von Zelt zu Zelt, von Auslage zu Auslage und staunte nicht schlecht ob des Konglomerats aus fernöstlicher, nahöstlicher – und mitteleuropäischer Prägung.

Aus dem zweiten Stock der Buchhandlung Hoffmann heraus – bequem in einen Sessel des beliebten Buch-Cafés Ewigleicht gekuschelt – sah Erik Schneider nicht selten durch die großzügige Fensterfront auf den Hauptumschlagsplatz in Lornheim hinaus. Die Bruchstraße kreuzte den Ludwigsplatz und führte auf der einen Seite durch das Augustinustor über die Krämerbrücke und mündete auf der anderen Seite in die Letztstraße, die sich aus der Innenstadt bis an den Randbereich Lornheims schlängelte. Die großspurigen Häuser verflüchtigten sich, je mehr Distanz zwischen Innenstadt und Außenbereichen aufklaffte und hier und da taten sich auch einige elend wirkende Straßen und Gassen auf, die Erik immer mal wieder ins Auge fielen und die er – nicht allein – für seltsam tot erachtete. Die Universität Lornheim erhob sich nur drei Straßenbahnhaltestellen vom Café Ewigleicht entfernt und schien der einzige Ort der Welt zu sein, an dem es noch einige helle Köpfe gab. Manchmal spukte in Eriks Hinterkopf ein seltsamer Gedanke herum, als ob eine bestimmte Unvollständigkeit in Lornheims Wesenszügen herrschen würde. Eigentlich betraf dies alles, von der Wissenschaft über den Handel bis zu sozialen Strukturen. Aber so sehr er sich auch bemühte, eine weitere Prägnanz gelang ihm bezüglich dieses Gedankens nicht. Erik wohnte und studierte in dieser Stadt Lornheim, die gleichzeitig seine ganze Welt darstellte – und nicht nur seine. Prinzipiell führte er ein recht zufriedenes Leben bisher, von einigen Wehwehchen und Luxusproblemen abgesehen, die zu uninteressant waren, um sie zu thematisieren. Während seines Studiums verhielt Erik sich sehr aufmerksam und fleißig, in seiner Freizeit war er ein guter Freund und Zuhörer, aber auch Wortführer, und zuhause half er seiner Mutter, wo es nur ging. Davon abgesehen fehlte jedoch etwas in Eriks Leben und dieses Fehlen von etwas Undefinierbarem machte er auch für seine manchmal fragmentarische Wahrnehmung verantwortlich. Eine gewisse Art von Erkenntnis fehlte ihm, er konnte jedoch noch nicht bildhaft gedanklich erfassen, was es genau war, geschweige denn, dass er es artikulieren oder aufschreiben konnte. Meistens galt Erik unter seinen Mitstudierenden als beherrschter, ruhiger Typ, der analytisch vorging und insgesamt als bodenständig gelten konnte. Gänzlich anders gestaltete sich jedoch sein Traumleben. Denn jetzt wachte Erik schweißgebadet auf. Zitternd. Die Augen aufgerissen. Unfähig zu sprechen. Die Gliedmaßen noch starr und unbeweglich. Der Mund halbgeöffnet, die Nasenflügel bebend. All dies und mehr, doch das wichtigste war: Oben an der Zimmerdecke blickte ein Gesicht zu ihm hinunter, ein Gesicht, das Eriks Körper gefrieren ließ, während ein eisiges Gefühl von Angst seinen Rücken hinaufschlich. Er wachte auf. Sonnenstrahlen fielen durch die nur halb heruntergelassenen Rollladen und verbanden sich mit den Schatten in seinem Zimmer, um auf der Bettdecke ein verwirrendes Spiel aus Licht und Dunkelheit zu veranstalten. Sein Kopf schmerzte. Wieder das doppelte Erwachen. In der letzten Zeit geschah dieses ihm wohlbekannte Phänomen gehäuft und er fragte sich, ob dies etwas bedeutete. Natürlich bedeutete es irgendetwas, aber vielleicht bedeutete es mehr, als es auf den ersten Blick bedeutete. Verschwommen erinnerte Erik sich an seine Jugend, denn schon einmal hatte sich das doppelte Erwachen in zunehmender Stärke bei ihm bemerkbar gemacht, doch wusste er schlichtweg nicht mehr, ob damals etwas Gravierendes geschehen war. Diese Ungewissheit war jedenfalls relativ unangenehm. Ihm wurde bewusst, dass er seine Umgebung noch gar nicht richtig registriert hatte, also seine Sinne in gewisser Weise noch nicht ganz erwacht waren oder vielmehr noch nicht unter Kontrolle seiner Gedanken waren. Er schaute sich in seinem Zimmer um.

Gewohnheitsgemäß drückte er dann einen Finger auf sein Smartphone, gab den vierstelligen Code ein und wischte Whatsapp herbei. Für einen Moment runzelte Erik die Stirn. Seltsam. Er schaute wieder auf das Display. Zehn neue Nachrichten. Zuerst klickte er auf den Chatverlauf mit Milas, seinem besten Freund, der ganz in der Nähe wohnte. Dessen Profilbild zeigte sein Konterfei mit einem alten Jägerhut, dem seines Großvaters.

Hast du den Knall vorhin auch gehört? Das muss oben am Wald gewesen sein, komm schon, wach auf und hin!

Vorhin? Wa-? Erik schwang die Beine aus dem Bett und zog den halb geschlossenen, grünen Fenstervorhang noch ein Stück zur Seite. Er blinzelte durch die Lücken im Rollladen nach draußen. Es war noch gar nicht Morgen. Es war noch Nacht. Die Sonnenstrahlen waren in Wirklichkeit die Lichter einer Reihe Straßenlaternen, die in Eriks Zimmer schienen. Wieso hab‘ ich das verwechselt? Er seufzte und rieb sich mit den Fingerknöcheln den Kopf. Dann schlüpfte er in Jeans, Hemd und Stiefel, streifte seine Khaki-grüne Armeejacke und einen Schal über und setze sich als letztes seinen schwarzen, breitkrempigen Hut auf, sein neues Markenzeichen. Er würde einen Trend setzen, gegen Caps und Mützen in aller Form. Zurück zu mehr Stil. Es wirkte einfach bedeutsamer, sich einen Hut aufzusetzen, das Gewicht zu spüren, ihn zurechtzurücken und dann auf die Straße zu treten, bereit für ein Abenteuer. Jedes Mal, wenn er das tat, kribbelte Eriks ganzer Körper. Sicherlich, diese nächtlichen Ausflüge versprachen am nächsten Tag eine verzerrte Wahrnehmung aufgrund von ausufernder Müdigkeit, aber Erik konnte einfach nicht anders. Die Möglichkeit, dass dort draußen im Dunkel irgendetwas war, etwas, das der durchgeplante Tag und das generische Leben, das am Horizont lauerte, eben nicht bieten konnten, war einfach zu verlockend. Und Milas dachte ebenso, mehr noch: Er war sogar derjenige, der Erik noch viel öfter aus dem Schlaf klingelte. In gewisser Weise ähnelten sie damit vielleicht auch zwei zehnjährigen Ausreißern, die sich auf eine kindliche Abenteuerreise begaben. Doch im Unterschied zu jenen Zehnjährigen, reisten im Gepäck von Milas und Erik die Gedanken eines E.T.A. Hoffmann, eines Gotthilf Heinrich von Schubert und ja, auch eines August Klingemann und Carl Gustav Jung mit.

Die Nacht war schon recht weit fortgeschritten, vielleicht zwei, drei Uhr. Der Wind zerrte etwas an Hut und Jacke, als Erik sich mit schnellen Schritten die Bernsteinstraße hinaufmachte, Richtung Autobahnbrücke und Wald. Die Motten schwirrten im Lichtkegel jeder Straßenlaterne und Erik kam der Gedanke, dass sie das Licht begehrten und die Dunkelheit hassten, aber von beidem nicht richtig loskamen. Nun mussten sie in einer Art Ereignishorizont verharren, die ganze Nacht, und am Morgen würden sie spurlos verschwinden.

Mit einem Mal zuckte Erik erschrocken zusammen. Es hatte gedonnert – wie aus dem Nichts. Einen Blitz hatte er nicht gesehen. Während er weiterging, legte er den Kopf in den Nacken und schaute hinauf in den endlosen Sternenhimmel. Keine Wolke versperrte die Sicht und man mochte schwindlig werden, wenn man gleichzeitig den Blick auf die Sterne fokussierte und weiterhin einen Fuß vor den anderen setzte. Die Straße lag still und kalt vor ihm, seine Schritte hallten sogar etwas, sodass Erik sich unangenehm seiner eigenen Präsenz inmitten der Nacht bewusst wurde. Er ließ rechter Hand die Leignitzer Straße hinter sich, in der die schönsten Einfamilienhäuser der Siedlung zu finden waren, mit akkuraten Vorgärten und allem, was sich Rentner und Familien mit Kindern wünschen mochten. Nur Studenten nicht. Bis auf ihn, Erik. Die meisten seiner Kommilitonen wollten raus aus der Siedlung und in die Innenstadt Lornheims ziehen, doch war diese schon überfüllt, der Wohnungsmangel griff immer weiter um sich. Schließlich näherte Erik sich dem alten Schützenhaus mit dem direkt angrenzenden Spielplatz, der finster vor ihm lag und dessen Schatten so einiges an eingebildeten Bewegungen versprach, wenn man sich darauf einließ oder von Natur aus empfänglich dafür war. Letzteres traf eindeutig auf Erik zu. Auf der im Mondlicht glänzenden Rutsche saß eine kleine Gestalt und hatte die Knie an sich gezogen. Ein leichtes Kribbeln im Nacken signalisierte Erik – ja, was eigentlich? Einfach nur Angst. Es war interessant. Mit seinen 21 Jahren bewegte Erik sich eindeutig ängstlicher durchs Leben als noch in seiner Jugend, eher wieder wie in seiner frühen Kindheit. Man sah es ihm natürlich nicht an und er machte sich auch nicht in die Hosen, doch der Konsum von diversen Büchern, Videospielen und Filmen hatte ihn keinesfalls desensibilisiert, sondern im Gegenteil hypersensibel werden lassen. Wieder donnerte es, doch vorher schnellte ein gegabelter Blitz über das Firmament und tauchte die ganze Szenerie in ein gelbliches, andersweltliches Licht. Blitze bei Nacht erzeugten für Erik stets eine Art apokalyptisches Licht, mit nichts vergleichbar, was er am Tage erlebte. Die kleine Gestalt war verschwunden. Natürlich. Erik schauderte und holte sein Smartphone aus der Tasche. Er tippte.

Wo bist du?

Warten. Milas schrieb.

Oben beim Hain! Hinter dem Spielplatz. Hier ist etwas. Komm her!

Bin fast da.

Er steckte das Gerät wieder ein und ging am Spielplatz vorbei, nur um sich direkt dahinter in die Büsche zu schlagen. Wie verschluckt fand Erik sich im Hain wieder, einem abgegrenzten kleinen Wäldchen zwischen Spielplatz, Autobahn und Siedlung, gerade groß genug, um für eine Kinderbande als Versteck zu dienen.

„Milas?“ rief er mit gesenkter Stimme. „Bist du hier irgendwo?“

Ein seltsames, schwingendes Geräusch gelangte an Eriks Ohren. Wellenartig. Seltsam fremd und desorientierend. Die Bäume knackten, die Blätter raschelten im Wind. Die Geräuschkulisse im Wald unterschied sich noch einmal deutlich von derer auf der Straße, irgendwie drückender, aber nicht lauernder, trotzdem beobachtend, aber auf unmenschlichere Art und Weise. Das Herbstlaub knisterte unter Eriks Füßen, während er sich langsam seinen Weg durch das Gehölz bahnte.

„Erik! Hier drüben!“

Der Strahl einer Taschenlampe huschte durch den Wald und veranstaltete einen ausgiebigen Schattentanz. Doch Erik erkannte genau die Silhouette seines besten Freundes und lief darauf zu. Milas rostroter Bart wirkte dornig, sein blondes Haar hing ihm strähnig unter dem Jägerhut hervor, doch seine Augen blitzten lebendig. Vielsagend deutete er auf etwas am Boden.

„Halt die Taschenlampe näher!“

„Nein, sieh hin, sieh im Dunklen hin.“ Milas bedeckte den Strahl der Taschenlampe mit der Hand.

„Jetzt muss ich mich erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen.“

„Tu das. Aber beeil dich. Ich bin mir sicher, dass diesen Knall auch andere Leute gehört haben und die Feuerwehr oder Polizei rufen werden.“

„Hmhm. Kann sein.“ Langsam weiteten sich Eriks Pupillen wieder und die schwarzen Schatten um ihn herum gewannen wieder Nuancen zurück. Dann sah er es. Unbewusst sog er die Luft ein und hielt sie an. Langsam und bedacht kniete er sich hin. Direkt vor ihm, auf dem Waldboden, hatte sich etwas kreisrund in den Waldboden gefressen, ein ausgefranstes, wie ausgestanztes Loch mit gezackten Rändern barg in seinem Trichter etwas regelmäßig Pulsierendes – was war es? Ein Stein? Ein seltsam geformter Stein, relativ groß, mit Löchern und Spalten, ein verschwurbeltes Etwas – wie eine Art Miniaturhöhlensystem. Er würde gerade so in Eriks Hand passen. Doch ebenso befremdlich wie diese Form – der Stein schien absolut kantenlos und glatt zu sein – kam Erik seine Farbe vor. Wie konnte es sein, dass der Stein in allen erdenklichen Farben pulsierte, aber immer nur dann, wenn man den Blick eigentlich schon abgewandt hatte?

„Seltsam oder?“ meinte Milas und hielt seine Taschenlampe nun wieder in die Nähe des kleinen Kraters. „Als ob etwas den Stein durchlöchert hätte. Fass ihn mal an!“

„Du hast ihn angefasst?“

„Ja, mach, du wirst dich wundern!“

Erik streckte vorsichtig die Hand aus. Sein Zeigefinger berührte die glatte Oberfläche des Steins und sank ein.

„Verflucht!“ Erik zog seine Finger reflexartig wieder zurück.

„Nicht wahr?“ Milas feixte. „So etwas…auf so etwas haben wir immer gewartet!“

Erik musste ihm Recht geben. Damit war nicht gemeint, dass die beiden Freunde schon immer solch einen unwirklich erscheinenden Stein besitzen wollten, sondern vielmehr der bloße Umstand des Unbekannten, des Außerweltlichen, des Phantastischen.

„Also…“ Erik überlegte. „Entweder wir überlassen das hier dem Ordnungsamt oder wir nehmen es mit und…geben es im Naturkundemuseum ab?“

Milas schaute seinen Freund in der Dunkelheit zweifelnd an. „Pass auf, Erik. Ich habe morgen wieder einen Kurs über Luhmann und einen über die Literatur des Barock. Das wird anstrengend. Deshalb…“ - er beugte sich vor, wischte seine Hände an der Hose ab, nur um sie dann ohne Umschweife nach dem Stein auszustrecken – „…will ich etwas Abwechslung. Spannung. Du weißt, was ich meine.“ Sprachs und hielt Erik den Stein mit der flachen Hand hin.

„Hm.“

„Was hm?“ Milas beäugte das Konstrukt in seinen Händen.

„Wenn ich mir das genau ansehe…ist es ein Bruchstück. Sieh doch, da, am Rand. Es wurde auseinandergerissen.“

„Du hast recht.“ Mit einer Hand hielt Milas das Steinkonstrukt, mit der anderen die Taschenlampe. Ein breiter Riss zog sich über eine komplette Seite des Bruchstücks, die zerfranst und zerbröselt aussah. „Seltsam“, meinte er.

„Tja, und was machen wir nun damit?“ Jetzt, da endlich der Tag gekommen war, da sie beide etwas Außergewöhnliches, etwas potenziell Extraterrestrisches, vielleicht sogar etwas Extraplanares gefunden hatten und in ihren Händen hielten, kam ihm seine Aufregung gelinde zu gering vor.

Milas grinste. „Keine Sorge, Bruder. Du hast grad nur eine Art Schock. Der Überschwang der Gefühle wird noch kommen. Denn: Wir halten hier grad nicht etwa das Bruchstück eines Meteoriten oder so in der Hand.“

„Hm. Könnte aber doch sein, oder nicht?“

„Ich denke nicht…“, erwiderte Milas gedehnt. „Schau nach oben.“

Verwirrt reckte Erik den Kopf. Und da sah er es. Fast hätte er aufgeschrien, doch seine Fassungslosigkeit gewann die Oberhand und versiegelte seine Lippen.

Über ihm, quer über den Sternenhimmel, zog sich eine Art klaffender Riss, ein Spalt, den man bei oberflächlicher Musterung auch für einen rötlichen Streif halten mochte. Doch es war viel mehr. Etwas bewegte sich dort oben, waberte hin und her, brodelte und dampfte. Eriks Augen quollen geradezu über, er bemerkte gar nicht, dass sein Nacken bereits anfing zu schmerzen und sein Körper sich unwillkürlich verkrampfte, ja geradezu in eine Fluchtposition brachte.

„Hast du es auf deinem Weg hierhin auch schon gesehen?“ fragte Milas leise.

Erik schüttelte den Kopf. Dann stöhnte er auf. „Siehst du das?“ hauchte er.

Der gewaltige Riss schien etwas abzusondern, etwas tropfte wie eine Flüssigkeit hinaus und bahnte sich einen Weg bis zum Boden. Dieses Schauspiel wiederholte sich mehrmals, dutzendweise. „Was passiert hier nur?“ Erik konnte es nicht glauben. „Das ist ja…das Bedeutsamste, was jemals auf der Welt geschehen ist?!“

Milas nickte. „Vielleicht ja. Ich meine…es ist offenbar ein Spalt in der Realität, zweifellos.“

„Das wissen wir noch nicht, es könnte irgendetwas mit der Sonne sein, eine Eruption, die den Himmel brennen lässt, was weiß ich.“

„Das glaubst du selbst nicht.“

Mittlerweile hatte der Riss aufgehört, Flüssigkeit zu verlieren und gleichzeitig schien er schmaler zu werden, pulsierte dafür aber auch heftiger.

Plötzlich ertönte eine Sirene und schrillte laut und misstönend durch den Äther, dann gesellte sich eine zweite hinzu, verzerrte den Ton zu einem schmerzenden Höllenklang und während Erik weiterhin den Streif am Firmament anstarrte wurde ihm bewusst, dass hier und heute etwas völlig Unmögliches geschehen war.

Während er sich die Zähne putzte und sein übernächtigtes Gesicht im Spiegel betrachtete, ließ Erik sich gedanklich noch einmal auf das gestrige Geschehen ein. Er schwankte dabei zwischen einer fatalistischen Fassungslosigkeit, die ihn das Ende der Welt oder jedenfalls einen kaum zu überblickenden Umbruch erwarten ließ und einer seltsamen Gleichgültigkeit, einer Art Lethargie, für die er unbewusst die Gleichförmigkeit seiner Erziehung und seines Lebens verantwortlich machte. Eigentlich hatte er immer darauf gehofft, sich so etwas stets imaginiert, aber tatsächlich war seine anerzogene Geisteshaltung nicht wirklich darauf vorbereitet, in der Realität mit solch einem Ereignis konfrontiert zu werden. Eigentlich wehrte sich seine konservative, klar definierte und im Diesseits verhaftete Seite gegen Situationen, die das Potenzial hatten, seine Welt komplett auf den Kopf zu stellen. Allenfalls ließ er sich auf derartige Gedankenexperimente in fiktionalen Texten ein. Aber hier ging er ja mit dem entsprechenden Autor einen stillschweigenden Pakt ein, dass das im Text Beschriebene als neue Realität zu gelten habe. Doch war dies ein willentliches Hineintauchen in eine fiktive Welt, die irgendjemand einmal imaginiert hatte und dann in einen fiktionalen Text fließen ließ.

„Hey! Erik! Du sabberst Zahnpasta!“

Er schrak zusammen und verschluckte sich prompt. Während er den Rest Wasser aus seinem Mund ins Waschbecken spuckte, zog eine junge Frau den Duschvorhang der Badewanne hinter Erik weg und stieg ungeniert hinter ihm auf die Badematte. Lisa Dorn kannte keine Scham, so glaubte Erik, und eigentlich lebte er derzeit ganz gut mit dieser Annahme.

„Tagträume?“ fragte sie und schmiegte sich von hinten an Erik, der dabei zwar durchnässt wurde, aber sich hütete, Lisas Avancen abzuwehren, drehte ihr den Kopf zu. Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen und strich sanft über seine Brust und über seinen Bauch.

„Naja“, antwortete er und wand sich innerlich. „Irgendwie schon.“

„Und wovon phantasierst du morgens vor der Uni so?“ hakte Lisa nach und knabberte an seinem Ohr.

Davon abgesehen, dass er sich in Anbetracht von einer nackten Frau, die sich so eng wie möglich an ihn drückte, ohnehin nicht konzentrieren konnte, wäre ihm aus reiner Dummheit auch so die Wahrheit rausgerutscht, durch die er den knisternden Augenblick wie eine Seifenblase platzen ließ.

„Ich war gestern mit Milas im Hain und wir haben…irgendetwas entdeckt, einen blutroten Streif am Himmel und eine Art Meteorit, der in allen Farben leuchtete…“

„Du warst mit Milas nachts weg? Während ich direkt neben dir liege? Und weckst mich nicht?“ Lisa wandte sich ab und nahm ihr Handtuch, um sich abzutrocknen. „Eine Himmelserscheinung?“

„Naja…ja. Sozusagen. Aber es war mehr. Oder anders. Es war wie eine Verbindung zu einer anderen Welt, ein Übergang.“

„Aha. Sehr…interessant.“ Lisa studierte zwar auch Germanistik, war aber in nachtseitigen Themenbereichen bisher noch nicht so aufgeschlossen, wie Erik es gerngehabt hätte. Dafür aber in anderen Bereichen und er bemerkte, dass diese Bereiche ihm sogar wichtiger gewesen waren. Bis gestern jedenfalls. Doch nun…

Eine neue Welt hatte sich aufgetan, vielleicht würden sich daraus völlig neue Möglichkeiten für diese Welt ergeben. Er betrachtete seine Freundin, oder eher, seine Freundin plus, wie man eine solche Beziehung heutzutage klassifizierte, und dachte nach. Vielleicht sollten Milas und er mit Professor Leitner über das Bruchstück reden. Erik sah, wie sein Smartphone aufleuchtete. Er nahm es von der Waschmaschine und klickte sich zu Whatsapp durch. Sieben neue Nachrichten.

Balian Anders schrieb: „Hey Erik! Was sagst du zu der Demo am Donnerstag? Bist du dabei? Was gibt’s schon Wichtigeres als „Sozialisten“ einen Dämpfer zu verpassen?“

Dahlia Krud schrieb: „Hi Erik, könntest du mich nach der Vorlesung um zwanzig nach Elf im Institut treffen? Ich sitze in der Flüsterecke. Es ist wichtig. Danke.“

Cedric Marn schrieb: „Grüß dich, Erik. Sag mir, dass du auch schon in die Nachrichten geschaut hast. Eine ganze Serie von Meteoreinschlägen hier in Lornheim? Das wäre doch eigentlich was für die Campuszeitung, oder nicht?“

Mum schrieb: „Hey, Sohn. Hier ist deine Mutter. Frühstück ist fertig. Ich trau mich weder zu euch ins Schlafzimmer, noch ins Badezimmer. Also kommt runter, wenn ihr fertig seid!“

Der Prof schrieb: „Guten Morgen, Erik und Milas. Heute Abend um 22 Uhr, wäre euch das recht? Wie immer im Labor. Besten Gruß, T. L.“

Milas Reinhardt schrieb: „Bruder, niemand schreibt auch nur das geringste über den Streif am Himmel. Das bestätigt meine Theorie, dass die Erscheinung praktisch nur über dem Hain zu sehen war und von keinem Ort sonst wahrgenommen werden konnte. Wirklich erstaunlich. Ich nehme das Bruchstück heute Abend mit ins Labor. Wir fragen den Prof! Einverstanden?“

Unbekannt schrieb: „…“ Nichts. Eine leere Nachricht. Hoffentlich nicht wieder ein Virus oder sowas. Puh. Erik klickte auf den Chat mit Milas und antwortete:

„Sicher, ich bin gespannt, was er dazu sagt. Und es kann doch nicht sein, dass niemand das gesehen hat. Cedric schrieb mir vorhin, dass eine ganze Serie von Meteoriteneinschlägen verzeichnet wurden. Also zumindest das, was aus dem Riss gekommen ist, ist Wirklichkeit für alle.“

Im Schnelldurchlauf bediente Erik auch die anderen Chats, dann vollendete er seine Morgentoilette, nur um sich im Anschluss noch einmal Lisas Unersättlichkeit zu widmen. Sie stand mit den schneeweißen Armen abgestützt am Waschbecken, sodass ihr Oberkörper zusammen mit ihrem Hinterteil eine wahre Flut an verführerischen Rundungen bildete. Erik konnte nicht anders, er war Gefangener seiner Hormone und Lisa baute darauf. Manchmal fragte Erik sich, wie lange es halten würde. Normalerweise war so etwas nach ein paar Monaten vorbei. Auf drei Jahre hatten Lisa und er es bisher gebracht. Trotzdem war er sich sicher, dass Lisa während er sie nahm in Gedanken ganz woanders war. Und zwar bei irgendjemandem anderen. Vielleicht projizierte sie auch erregende Bilder vor ihr geistiges Auge, jedenfalls beschäftigte sie sich nicht mit Erik. Danach gingen beide zusammen zum Frühstück runter. Das Haus seiner Eltern war geräumig, sodass Erik fast eine eigene Etage für sich hatte, nur das Arbeitszimmer seines Vaters befand sich auch im zweiten Stock.

„Da seid ihr beiden ja“. Eriks Mutter Sophia stand schlank, elegant und irgendwie feministisch vor ihnen. Sie zwinkerte Lisa zu, mit der sie sich blendend verstand, sodass Erik sich oft bei dem Gedanken ertappte, dies sei ein abgekartetes Spiel, eine Art arrangierter Beziehung. So richtig wusste er noch nicht, warum er in diese Richtung dachte, aber er würde schon noch dahinterkommen.

„Kein Kuss für deine alte Mutter?“

Erik schaute weg und sowohl Lisa als auch seine Mutter lachten.

„Guten Morgen, Sophia! Was liegt heute an?“

„Ach, nicht viel, das übliche, allerdings gab es gestern Nacht wohl einen Meteorhagel, deshalb muss ich auch gleich ins Büro, bis später ihr beiden und vergesst nicht, zur Uni zu gehen, ja?“

Erik brummte nur etwas Unverständliches und biss in ein Käsebrötchen. Sein Blick huschte zur Terrasse, durch das dünne Glas der Scheibe, über und durch die Bäume im Garten, bis zu den vernebelten Hochhäusern der Innenstadt Lornheims. Darüber hinaus, über Lornheim hianus, gab es also etwas. Erik spürte, wie langsam, ganz langsam, eine Erkenntnis in ihm aufbrandete.

„Erik? Bist du anwesend?“

„Was? Ja klar. Sollen wir gleich los?“

Lisa wippte auf ihren Füßen auf und ab und musterte ihn von oben bis unten. „Sicher. Was machen wir nach der Vorlesung?“

„Jaaa…ich muss nach der Vorlesung kurz ins Institut, zu Dahlia. Ich weiß nicht, was sie will, aber es klang durchaus wichtig.“

Lisa war schon dabei, ihre Stiefel anzuziehen. „Na gut, grüß sie von mir. Ist bestimmt irgendwas wegen des Tempels. Irgendeine dubiose Begebenheit…vielleicht hat Anubis gesprochen?“

„Magst du Dahlia nicht?“ Sofort merkte Erik, dass er mal wieder zu direkt war. „Sorry, ich dachte nur…“

„Ach, ich weiß nicht. Sie ist mir ein bisschen zu esoterisch.“

„Eigentlich…geht das bei ihr eher in Richtung Mystik…“

Lisa zog die Augenbrauen hoch.

„Schon gut, schon gut.“

Ihre blonden Haare fielen in Wellen über ihren Rücken, die langen Beine wirkten durch die feinen Lederstiefel noch länger und um sich von Lisas Offenherzigkeit zu überzeugen, genügte ein flüchtiger Blick auf Rock und Shirt. Was Erik nur irritierte war, dass sie sich kaum schminkte und dass ihr Outfit zwar irgendwie freizügig wirkte, aber nicht schlampig, eigentlich trat Lisa derartig bewusst auf…er wusste es einfach nicht, was sie damit bezweckte. In Gedanken ganz woanders zog er seine Schuhe an, schnappte sich seine Militärjacke und warf sich einen Schal um. 

„Los geht’s!“ Lisa zog Erik an der Hand mit, obwohl er sich nicht einmal sicher war, dass er schon alles beisammenhatte. Er fühlte nach seiner Schultertasche und da war sie.

Draußen nieselte es leicht und Lisa verzog ihre kleine Stupsnase. „Lass und etwas schneller machen, Erik.“

„Klar“, meinte er einsilbig und ging mit ausgreifenden Schritten neben ihr her. Sie hakte sich unter, während sie die Nordlichtstraße heruntergingen, Richtung U-Bahn-Haltestelle. Die Siedlung war schon längst erwacht, die kleine Einkaufszeile im Nornweg wimmelte von Rentnern, die aus den teils winzigen Läden kamen, beladen mit Plastiktüten voller Obst, Konserven und Gemüse. Vor der Ambrosiuskirche fand eine Kundgebung statt, gegen die steigenden Mietpreise in der Stadt, für mehr Gerechtigkeit. Erik frage sich, wie man gegen steigende Mietpreise kämpfen sollte. Das war alles viel zu komplex und undurchsichtig. Jedenfalls war es mit fröhlichen Demos gegen den Kapitalismus nicht getan. Phrasendrescherei, mehr war es nicht. Als sie am alten Markt vorbeikamen, zog jemand Eriks Aufmerksamkeit auf sich. Ein kleiner Junge, nicht älter als acht Jahre, stand völlig unbekleidet vor einem Gemüsestand und schaute zu ihm herüber. Niemand schien ihn zu beachten.

„Lisa.“ Erik blieb stehen. „Siehst du den Jungen?“

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