Schöpfungskraft
Schöpfungskraft Kapitel 1 – Deutscharab
Wir schweben in einer Realität umher, die nicht die unsere ist. Überlappend, eindringend, störend behelligen andere Individuen uns mit ihrer Wahrnehmung der Dinge und manchmal hätten wir Lust, diese Anderen hinwegzufegen, bis über den Horizont hinaus, den wir auch tunlichst nicht erweitern. Gelegenheit dazu hätten wir, und ebenso die Mittel, waffenstrotzend und vor Aggression überquellend, wie wir sind. Alle anderen Spezies sind schon unter unserer Gewalt gefallen, entweder in die Auslöschung, die Sklaverei oder die Nischen der Welt. Bald werden wir die Notwendigkeit sozialer Bande für unser Überleben und sogar unser Leben überwunden haben, und dann werden wir ihn Schritt für Schritt einleiten, den heiligen Krieg gegen andere Meinungen, gegen andere Wahrnehmungen, gegen andere Lebensarten, eben jene, die uns zuwider sind. Dann wird sie errichtet sein, rein und glanzvoll, die Herrschaft der Gedanken des Einen.
-aus: Die ferne Göttlichkeit, Kirchenvater Mandor, Theologische Staatskulturakademie Rom
Die Sonne brannte hinunter auf die weißen Fassaden der Forschungseinrichtung, Lichtwellen bahnten sich ihren Weg, traten gegen die Schattenwürfe der Vorsprünge und Säulen an, verstärkten sie aber letztendlich doch nur. Erik Brandt saß an seinem Schreibtisch im dritten Stockwerk des Komplexes, der wie aus einem gewaltigen Felsen gehauen in der kargen Steppe Deutscharabs stand. Draußen wirbelte der leichte Wind Staubfontänen auf, deren Partikel wie winzige Schneeflocken in der Luft tanzten. In Eriks Büro tat die Klimaanlage ihr Bestes, um ebenfalls wenigstens für ein laues Lüftchen zu sorgen, doch war sie nicht mehr die jüngste und ihre Kraft schwand rapide. Erik seufzte. Eine neue würde es so bald nicht geben. Die Bürokraten im Keller kniffen ihre Augen und Hintern stets ganz eng zusammen, wenn jemand auch nur einen neuen Fingerschreiber beantragte. Der alte Rechenschieber auf dem Schreibtisch begann leise zu piepsen, ein flehender Laut, bettelnd um eine Pause, etwas Abkühlung, passend zu den Meldungen auf dem kleinen Nachrichtenband, das am oberen Rand des Bildschirms, ausgelagert als Holo, entlanglief. Weitere zwei Dutzend Inseln im Pazifik galten mit dem heutigen Tage als offiziell im Meer versunken. Damit hatte Indonesien wohl die Schallmauer von bisher 3000 verlorenen Inseln durchbrochen. Erik rieb sich erschöpft über die Augen, dann tippte er sacht auf den Bildschirm des Rechenschiebers. Leise surrend verabschiedete er sich in den Bereitschaftsmodus, einzig am linken, unteren Bildschirmrand blieb ein winziges Logo zurück, das leicht hin und her sprang, als ob es tanzte. AIGIS Initiative. Im Kühlschrank fand Erik noch eine Flasche Rotsaft und er schenkte sich ein Glas ein, das er aus dem Eisfach nahm. Das kalte Glas fühlte sich gut auf der Haut an. Eine Weile hielt Erik es einfach abwechselnd an seine Wangen und seine Stirn, dann trank er in gierigen Zügen. Nebenbei schaute er aus der schrägen Fensterfront. In der Ferne ächzten die glänzenden Kuppeln und konischen Türme von Karlsheidelberg in der flimmernden Luft, versuchten sich gerade zu halten, trotz der ewigen Hitze und des schneidenden Windes. Die mit arabischem Geld hochgezogene Planstadt und Kern ganz Deutscharabs war die einzige Oberflächenstadt in einem Umkreis von mindestens 250 Kilometern. Der Ruf der Muezzins schien bis zum Forschungskomplex zu schallen, um Gottes Wort zur naturwissenschaftlichen Forschung der Menschen hinzuzufügen, als Segnung, vielleicht, oder als Mahnung, nicht über die Stränge zu schlagen. Erik sah im Hitzeflimmern der spärlich bewachsenen Einöde auch die Konturen eines Steppenalkoven, jene hohen, künstlich an der Oberfläche angelegten Kavernen, die von dort aus aber auch bis in kilometerweite Tiefen reichten. Hier lebten die Menschen in Kommunen von einigen hundert oder tausend Individuen zusammen, zwar in regem Güteraustausch mit anderen derartigen Siedlungen, jedoch darauf bedacht, sich nicht zu vermischen. So konnte zumindest in Deutscharab ein gewisser Friede bewahrt werden, der allerdings schon an den Grenzen zu Großsachsen im Norden mit radikaler Härte aufhörte zu existieren, ganz zu schweigen vom Permakrieg, der in ganz Südeuropa und auf dem afrikanischen Kontinent herrschte. Wenn er mit einer Karawane nach Karlsheidelberg reiste, meinte Erik manchmal, riesige Schwärme von Drohnen am südlichen Himmel zu sehen. Dann verdunkelte sich der Himmel, wenn die gigantischen Drohnenschwärme über die Alpen schwappten und gegen den Schutzschild der Araber brandeten. Erik bildete sich ein, darin die Fluten eines fremden, dunklen Meeres zu sehen, das sich aus den Schleusen des Himmels ergoss und auf die Erde herabstürzte, um die Menschheit zu ertränken. Glücklicherweise hielten die Araber den Krieg vorerst aus Deutscharab heraus, ihre KI gestützten Abwehrschirme waren momentan noch undurchdringlich und zudem mangelte es Deutscharab ohnehin an relevanten Mengen an Rohstoffen. Kaum jemand interessierte sich also für diese Region inmitten des tobenden Chaos Europas, und Erik war sehr froh darum. Im ehemaligen Mittel- und Norddeutschland, der Dändeutschen Republik, kurz DDR, herrschte im Grunde ununterbrochener Bürgerkrieg. Die DDR war eine Autokratie, die keine Flüchtlinge im Land haben wollte, doch die Flüchtlingsströme aus Richtung der Sovjet-Rus und Arabien waren irgendwann unaufhaltsam geworden. Sie setzten sich zusammen aus Asiaten, primär aus dem arabischen Raum, die sich zuerst die ehemals osteuropäischen Staaten aneigneten, dann von Moskau aus angegriffen und vertrieben wurden und sich schließlich nach Westen begaben – stets auf der Suche nach Wasser. Osteuropa wurde von manchen seitdem nur noch die Tretmine genannt – ein zerbombtes Niemandsland, teils radioaktiv verseucht, vermint, und beherrscht von Söldnerbanden. Die Allianz aus Britannien und Frankreich wiederum, bis an die Zähne bewaffnet, führte Rohstoffkriege in der ganzen Welt, eignete sich Wasservorräte an, schmiedete Bündnisse und zerschnitt sie wieder nach eigenem Gutdünken. Spanien dagegen, dazu Italien und Griechenland, waren zur Katholisch-Römischen Republik, der KRR, verschmolzen und konzentrierten sich auf Afrika als Zankapfel – im Konflikt mit dem Saudischen Kalifat und China, die sich untereinander ebenfalls bekriegten. China hatte seine Ressourcen verbraucht, genauso wie die Araber, aber Afrika barg immer noch ungeahnte Schätze, und so trafen die Menschen in ihrer Wiege aufeinander, nur um sie diesmal zu fleddern und sich gegenseitig umzubringen, statt sich aus ihr zu erheben. Afrikas Bevölkerung war stark unter Druck geraten. Der Neo-Kolonialismus hatte hunderte Millionen Opfer gefordert und das entsetzliche Schlachten war erst durch Shawe, die Zentralafrikanische KI, zumindest in dieser enthemmten Intensität aufgehalten worden. Die Menschen glaubten, dass Shawe in dem gewaltigen Sandsturm wohnte, der Tag und Nacht, das ganze Jahr über, durch die Sahara fegte. Wenn Shawe zornig wurde, änderte der ewige Sandsturm seine Richtung, ließ Tiere und Pflanzen, Flüsse und Wälder unangetastet, doch nicht die Menschen, die Shawe in Wut versetzt hatten. Damals, als die Briten und Franzosen, die Saudis und die Perser, die Gotteskrieger aus Italien und Spanien, die roten Garden aus China sich an die Ausmerzung der afrikanischen Menschen gemacht hatten, war Shawe äußerst wütend geworden. Seitdem tobten immer noch Kriege um afrikanische Rohstoffe, doch hielten die Konfliktparteien sich mit ihren Auslöschungsphantasien zurück. Ohnehin brach eine gefährliche Zeit des buchstäblichen Umbruchs auf dem afrikanischen Kontinent an, denn im Osten bahnten sich Lavaströme ihren Weg an die Erdoberfläche, rissen Erdbeben das Afar-Dreieck auseinander und würden dem Kontinent wohl in nicht allzu ferner Zukunft einen geologisch betrachtet unerhörten Sprung nach vorn aufzwingen.
Israel gab es schon lange nicht mehr, es hatte vor vielen Jahrzehnten einen weiteren jüdischen Exodus gegeben, der schließlich in Nordamerika endete – der letzten Rettung für die erschöpften Israelis. Die Amerikaner hatten das Privileg, sich von all den Konflikten abkapseln zu können und sie brüteten in ihren Universitäten über den verschiedenen und meist hoffnungslosen Zukünften für die Welt. In diesen Zeiten galten auf der Welt distinktive Strukturen alles. Territorium, Stammeswesen, Religion, Sprache, Kultur, ganz gleich, all dies wurde möglichst hoch gehängt, um die eigenen Ansprüche auf Land und Rohstoffe zu legitimieren. Dies dauerte nun bereits mehr als ein Jahrhundert an und dabei war die zähe Zeit der Einleitung dieser Welt im Konflikt noch gar nicht mit eingerechnet.
Der gesamte Forschungskomplex, in dem Erik arbeitete, trug den Namen KONSTANTE, und war gewissermaßen ein Vielvölkerstaat. Viele asiatische Forscher aus China-Korea, dem Kaiserreich Vietnam (das sich mittlerweile bis an die Grenzen Indiens erstreckte) und aus Japan liefen durch die Gänge des Instituts, die sonst so glatten Stirnen gerunzelt, während des Laufens über Holos brütend, auf denen winzige Texte und Bilder wie wild gewordene Viren umher flimmerten. Brasilianische Kollegen saßen zusammen mit Kongolesen in Sitzungsräumen und verglichen ihre Daten (während der brasilianische Regenwald nur noch in den Geschichtsbüchern gedieh, hatten die Kongolesen das Herz Afrikas nahezu komplett mit fleischfressenden Pflanzen gegen eine händische Invasion gesichert – interessierte Eroberer mussten den Kongo also ausradieren, um an seine Früchte zu gelangen). Alle schienen in kaum verhohlene Aufregung versetzt. Direktorin Grenell hatte für den 24. Dezember – in knapp drei Monaten – einen Testlauf angesetzt, nachdem sich die verschiedenen Gremien der AIGIS Initiative nicht einigen konnten, wann nun endlich die erste Geistreise stattfinden sollte – schließlich war bereits seit Monaten alles vorbereitet. Doch die Mitarbeiter der Abteilung schlichen nervös um das Unvermeidliche herum. Jemand musste aber irgendwann den ersten Schritt tun, und zwar buchstäblich in eine der bereitstehenden Schrödingerboxen, tief in den Eingeweiden von KONSTANTE, ummantelt mit Tonnen von Metall. Doch wie sollte ein Testlauf bei dieser Unternehmung aussehen? Die Überprüfbarkeit jeglichen Ergebnisses schien im Nebel der Zeit zu liegen und damit genügte die Unternehmung mit einem Schlag nicht mehr den Grundsätzen der Wissenschaftlichkeit. Erik trank sein Glas aus und stellte es ab. Er sehnte sich nach einer Schalldusche, einer Reinigung sämtlicher Poren. Das kurzärmelige, dunkelblaue Hemd klebte an seiner braungebrannten Haut, unangenehm, jedoch ging es den meisten Mitarbeitern so, selbst jenen, die aus den Sonnenhöllen Afrikas emporgestiegen waren.
Draußen hatte der Wind mittlerweile genug Staub und Sand hinweggefegt, sodass Eriks Blick den Steppenalkoven etwa zwei Kilometer entfernt vom Forschungskomplex deutlicher sehen konnte. Wie ein riesiger Termitenbau, glattgeschliffen und vom Sonnenlicht in reines Gold getaucht, trotzte das Ungetüm den unwirtlichen Gegebenheiten der Region. Erik glaubte das Wachpersonal auf der Spitze der Konstruktion zu sehen, zwei einsame Termiten, die auf einem winzigen, mit flatterndem Tuch überspannten Balkon auf und ab marschierten. Und Erik wohnte in dieser Konstruktion, recht weit oben sogar, im oberirdischen Teil der Kaverne, während die meisten Bewohner tatsächlich unter der Erde lebten, in einem gigantischen System von Anlagen, die zur Not auch als Bunker im Falle eines Atomkrieges dienen konnten.
Eine kleine Karawane näherte sich jetzt dem Steppenalkoven, träge kriechend wie eine Kolonne Schnecken, manchmal schienen sie auf der Stelle festzukleben, dann jedoch ächzten sie weiter voran, immer auf das ovale Tor zu, das Schatten und Sicherheit versprach. Die Siedlung würde sich über die Vorräte freuen, die wahrscheinlich aus der Alpenrepublik stammten. Die Fahrzeuge jedenfalls sahen ganz nach den vierbeinigen Ungetümen aus den Bergen aus, den Felsendrachen, langsam, doch unverwüstlich in schwierigem Gelände – und schwierig war selbiges schlichtweg überall. Glücklicherweise konnten die Steppenalkoven auch rasend schnell – immerhin binnen drei Minuten – hinab in die Erde gefahren werden. Man wusste ja nie, wie schwer die Sandstürme werden mochten. Ganz zu schweigen von schlimmeren Naturphänomenen, die Erik schon am eigenen Leib erfahren hatte.
Nach einer Weile riss er sich vom Anblick des Steppenalkovens los und verließ sein Büro, das er sich eigentlich noch mit zwei Kollegen teilte – Miriam Saide und Raske Belter, beide fähige Quanteningenieure, umgangssprachlich Verschränker genannt, so wie Erik selbst. Die Flure der Einrichtung glichen Lebensadern, und dies in zweierlei Hinsicht: Durch den gesamten Komplex zogen sich Wasseradern, die das Gebäude kühlten und speisten – und das ganze Grünzeug innerhalb und außerhalb am Leben hielten, Blumen, Sträucher, Ranken – von außen musste KONSTANTE wie eine überwucherte Ruine im Dschungel aussehen. Nur mitten in einer kargen, hunderte Kilometer messenden Steppe. Parallel zu diesen Wasseradern zogen sich die blinkenden Stränge des Quantencomputers – der der Einrichtung ihren Namen gab – durch Wände und Decken und Fußböden, ganz gleich, wo Erik sich aufhielt, er war umgeben von Wasser- und Datenströmen.
Seine Zelle vibrierte plötzlich, als ein Anruf hereinkam. Erik nahm das Gerät aus seiner Hosentasche, schnalzte mit der Zunge und schon leuchtete der Bildschirm der Zelle auf. Manche Leute hatten sich winzige Zellen ins Ohr operieren lassen, einige unter die Handflächen und den ganz Verrückten war auch ein Platz im eigenen Gehirn nicht zu heilig gewesen. Erik war froh, dass es noch genug Bedarf an den altmodischen Zellen gab, die man schlichtweg zur Hand nahm, an – und abschaltete und wie eine Maschine ansah und nicht als Teil seines inneren Selbst.
„Hey Erik, na? Wie hältst du es da oben aus? 52 Grad zeigt das Thermometer, Mensch, ich wollte nicht zu den armen Teufeln gehören, die da draußen in der Steppe um die Wette kriechen!“ Johan Schneiders Stimme, stets gut gelaunt, und immer von Schalk erfüllt. Er konnte jeder Situation etwas Positives abgewinnen. Erik musste unwillkürlich lächeln. „Meine Klimaanlage beschwert sich zwar jeden Tag mehr, aber noch läuft sie – also lebe ich noch!“
„Und deine Kollegen? Saide, Belter? Schon geschmolzen?“
„Nee, die sind heute gar nicht da, Außeneinsatz in Karlsheidelsberg, die Geldgeber gieren mal wieder nach einer Vorführung. Koreander wollte zwei Verschränker dabei haben. Also…naja.“
Am anderen Ende der Leitung lachte Johan. „Ich könnte mir besseres vorstellen, als vor einem Haufen Chinesen mit steinernen Gesichtern zu sitzen und eine Lichtshow abbrennen zu müssen, die ihnen doch keine Regung abtrotzt!“
Da war was dran. Aber die beiden hatten nun mal den kürzeren Strohhalm gezogen. Pech eben. „Jaaa“, meinte Erik gedehnt. „Pass auf, ich bin gerade auf dem Weg aufs Dach. Kleine Pause. Kommst du mit?“
„Sicher! Bin schon unterwegs! Dann kannst du mir auch alles über den bevorstehenden Testlauf erzählen. Hier unten im Waffenlager hallen nur die großen Ankündigungen nach, aber die Details dringen nicht bis zu uns durch!“
Auf dem Dach der Forschungseinrichtung herrschte eine entrückende Ruhe. Die Dachplattform glich einer Oase, vier glatt geschliffene, breite und hohe Rundbögen überspannten weite Teile der bemoosten Fläche in einem verqueren, offenbar künstlerisch wertvollen Durcheinander, und genau wie in den Wänden des gesamten Forschungskomplexes schwappte und gluckerte auch in den Rundbögen das Wasser, bis hinauf in die Rundung der Bögen. Leichter Wind strich über die Balustrade des Daches und erforschte die verwinkelte Anlage, kletterte die hohen Wände hinauf, die mit saftig grünem Moos bewachsen waren und eine angenehme Feuchtigkeit ausstrahlten. Nur eine Handvoll weiterer Leute hielten sich auf dem Dach auf, als Erik die Treppe heraufkam. Fast zeitgleich öffneten sich die Türen eines Lifts in der Mitte der Dachplattform und Johan Schneider trat hinaus, eine Zigarette wie von selbst zum Munde führend. Stand Erik schon gut im Saft, konnte Johan nur als Fitnessfetischist gelten, was aber auch nicht verwunderte, wenn man seine Profession bedachte. Araber wie Chinesen legten großen Wert auf eine gut organisierte und ausgestattete Streitmacht bei KONSTANTE, die ständig in Kampfbereitschaft zu stehen hatte. Die Deutschen hätten auf so etwas wahrscheinlich verzichtet, mit der Argumentation, dass in Deutscharab doch keine akute Gefahr durch Kriegshandlungen drohe. Erik war sich da nicht so sicher. Wahrscheinlich bestand zu jedem Zeitpunkt die Gefahr des Überschwappens dieses oder jenes Konflikts in den angrenzenden Staaten auf Deutscharab. Andererseits konnte er Michael Besch, Leiter der Verschränker, durchaus verstehen, wenn dieser sagte, dass man durch Aufrüstung erst zur Zielscheibe mutierte und dies unter allen Umständen zu verhindern sei. Johan trat jetzt auf Erik zu, er trug seine sandfarbene Uniform und hatte das Barett so schief wie irgend möglich auf seinen kurz geschorenen Schädel gesetzt.
„Erik, Junge“, grinste Johan und klopfte seinem Gegenüber auf die Schulter. „Wie liefs die Woche über?“
„Komplizierte Frage“, meinte Erik. Sie suchten sich gemeinsam einen schattigen Platz unter einem der ausladenden, begrünten Rundbögen. Unzählige kleine Hydros schwirrten wie Libellen umher und sorgten für die Bewässerung, da die Wasseradern im Gebälk der Forschungseinrichtung nicht ausreichten, um die Pflanzen im Freien zu versorgen. Ein unbeschreiblicher Aufwand in diesem größtenteils verödeten Teil der Welt. Die Menschen in Tunesien, dem Imperium Äthiopien oder in großen Teilen von China würden über diese Art der Wasserverwendung empört die Nase rümpfen, wenn sie denn Zeit hätten, sich damit zu beschäftigen. Stattdessen wühlten die Menschen dort natürlich die meiste Zeit zwecks Nahrungsbeschaffung in der Erde, bekriegten sich gegenseitig oder zogen die Köpfe vor den Bomben der Großkonzerne ein, die zur Durchsetzung ihrer globalen Interessen augenscheinlich eine Menge Sprengstoff auf wehrlose Menschen zu werfen hatten. Landwirtschaft war in Ländern wie Frankreich, England, dem Saudischen Kalifat oder dem Japanischen Kaiserreich allerdings längst Teil einer verschwommenen Vergangenheit. Jegliche Nahrung in diesen Regionen stammte aus Materiewandlern, die aus allem möglichen Erdmaterial künstliche Proteine und Zucker und dergleichen mehr erschufen, wobei die Effizienz und das Resultat in seiner Qualität stark schwankten. An Nahrung mangelte es diesen Menschen jedenfalls nicht, doch verknappten sich bewohnbarer Lebensraum und Rohstoffe zusehends. Während auf dem afrikanischen Kontinent und im chinesischen Raum die Menschen fluchend ihre Felder mit dem wenigen verfügbaren Wasser benetzten, benötigten die Engländer, Sachsen oder die Saudis eben jenes Wasser zur Kühlung ihrer Quantentechnologie, mit der sie sich ein gutes Leben einrichteten. Dieses schöne Leben konnte natürlich nicht über die beständige Schrumpfung bewohnbarer Flächen hinwegtäuschen. Auch die beste Kühltechnologie würde eines Tages im Angesicht der überwältigenden Macht der Sonneneinstrahlung versagen.
Erik strich sich über seinen kurz geschorenen, dunkelbraunen Bart. „Wir sind ja seit Monaten in der Vorbereitungsphase. Die Schrödingerboxen warten auf ihre…zukünftigen Bewohner. Wir prüfen wieder und wieder die Daten, halten die beiden Gleichgewichte. Naja, und was sonst noch so ansteht.“
Johan nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. „Und das wäre?“
„Textarbeit, buchstäblich“, antwortete Erik. „Wir sollen das ganze Projekt zusammenfassen, aber runtergedampft auf halbwegs verständliche Art, nicht das ganze wissenschaftliche Kauderwelsch.“
Johan blies den Zigarettenqualm so weit er konnte von sich und der Wind trug ihn rasch hinfort. „Was meinst du, warum sie euch das aufgetragen haben?“
Erik zuckte die Achseln. „Präsentationszwecke, augenscheinlich. Für die Geldgeber, die Imame, das chinesische Komitee. Und für Richard Lewenthal, natürlich. Immerhin sponsort er hier das ganze Grünzeug – und das scheint unfassbar wichtig für manche da oben zu sein. Beziehungsweise, für die da unten.“ Erik stampfte zweimal kräftig mit dem Fuß auf. „Der Typ will ständig über die Fortschritte informiert werden. Nun ja…“
„Weißt du, bei uns war es die letzte Zeit nicht gerade ruhig.“ Johan beschattete seine Augen und blickte hinunter zum Steppenalkoven, dessen Tor sperrangelweit offen stand und die Karawane träge wie ein riesiges Wüstenmonster verschlang. „Doppelte Kampfmanöver. Munitionsaufstockung, deutlich. Nervosität bei den Offizieren. Da bahnt sich was an, ich sags dir.“ Johan sah Erik direkt an. „Weißt du genau, wie diese Sache mit dem Geistreisen funktioniert?“
„Nun…“ Erik überlegte. „Ich denke ja. Das meiste jedenfalls. Letztendlich ist es Theorie. Wir haben ja keine Möglichkeit, Experimente anzustellen.“
Johan nickte gedankenverloren. „Was soll dann das Gerede von einem Testlauf?“
„Ein Euphemismus, vermutlich“, meinte Erik und zog eine Grimasse. „Wahrscheinlich soll davon abgelenkt werden, dass…“
„…es Ende dieses Jahres tatsächlich losgeht?“, komplettierte Johan den Satz.
Erik verschränkte die Arme. „Scheint so, ja.“
„Hörst du den Ruf der Muezzins?“, fragte Johan plötzlich.
„Einen Hauch ihrer Stimmen“, meinte Erik. „Wieso?“
„Horcht in euch hinein! Kein Mensch steht über Gott. Kein Mensch spricht für Gott. Kein Mensch versteht Gott. Alle Menschen gehören zusammen.“ Johan ahmte mehr oder weniger den langgezogenen Sprechgesang eines Muezzins nach.
„Wenn es nur so wäre“, sagte Erik. „Worauf willst du hinaus?“
Johan seufzte tief und drückte seine Zigarette in einem Aschenbecher an der Wand aus. Er schaute Richtung Karlsheidelberg, dem einzigen Juwel in der Ödnis von Deutscharab Eine Staubwolke hatte sich vor die Türme der Stadt gelegt wie ein Schleier. „Ich meine ja nur. Hoffentlich wissen die Verantwortlichen hier, was sie tun. Mit der Klimaveränderung haben wir schon genug zu kämpfen und es ist nicht einmal sicher, ob wir gewinnen.“
Da hatte er recht, dachte Erik. Die Klimakriegkrise, KKK, wie der Zustand der Welt einigermaßen verballhornend genannt wurde, spitzte sich in der letzten Jahrzehnten zu. Es war schon seit geraumer Zeit gleichgültig geworden, ob die Klimaveränderung nun menschengemacht oder naturgegeben auf die Menschheit niederkam und das Antlitz der Erde neu arrangierte. Die Tatsache an sich hatte längst die Bedeutungshoheit übernommen und so versuchten die Staaten der Welt ihr Möglichstes, um sich auf die bevorstehenden Katastrophen einzurichten, während die Menschen selbst händeringend nach höheren Mächten verlangten, um die Apokalypse abzuwehren. Selbige war nach Eriks Ansicht allerdings bereits in vollem Gange, er musste nur die karge Steppenlandschaft draußen betrachten oder seine Zelle anschalten, um Bilder des versinkenden Ozeanien zu betrachten. Mehrere tausend der Inseln hatte das Meer bereits verschlungen, meist zwar nicht von Menschen bewohnt, doch hunderte und tausende Arten anderer Lebewesen hatten diese Welt verlassen, um nie mehr wiederzukehren. Wie oft schon hatte Erik mit Lea und Ahmed Diskussionen darüber geführt, ob die Auslöschung von Spezies nun zu betrauern, schlichtweg zu verzeichnen oder allenfalls zu beschauen war. Seine beiden Mitbewohner, beide in der unteren Recheneinheit beschäftigt, beklagten jeden Verlust und sie fürchteten sich vor der Zukunft, vor der Intensivierung der Kriege, sie fürchteten das Ende der Schöpfung selbst. Erik war sich nicht sicher, ob die Menschen wirklich das Zeug dazu hatten, die Schöpfung auszuradieren, aber es war natürlich schon armselig genug, sich selbst und andere an den Rand der Auslöschung zu bringen. Und was anderes bedeutete es, Krieg zu führen, als sich an diesen Rand zu begeben und idiotisch herumzutanzen.
„Zwei Müßiggänger geortet!“
Die Stimme riss Erk jäh aus diesen trübsinnigen Gedanken und er wandte sich überrascht um, genauso wie Johan. Zwischen zwei aus einem Moosbett herabhängenden Ranken taucht das Gesicht von Mailin Wang auf, einer Soldatin in derselben Einheit wie Johan. Sie war groß für eine Chinesin, doch ihre Schultern fielen schmal und rund ab, mündeten allerdings in sehnigen Armen. Sie trug eine ärmellose, sandfarbene Tunika und war offensichtlich nicht im Dienst. Wie von selbst zauberte Johan eine Zigarette aus seiner Hemdtasche und hielt sie Mailin hin. „Herzlichen Dank“, murmelte sie, nachdem Johan ihr Feuer gegeben hatte.
Er hatte sich kerzengerade aufgerichtet, seine Augen waren weich geworden. Typisch, dachte Erik. Johan hatte schlichtweg eine Schwäche für das weibliche Geschlecht, er sah einfach jede Frau als potenziell zartes, schönes und gutes Wesen an, und er dachte wohl, dass die Möglichkeit, mit all diesen schönen und guten Wesen in Liebe zusammen sein zu können, für deren unbedingte Adelung sorgte, also alle Frauen zu unantastbaren, schützenswerten Wesen machte, denen kein Leid zugefügt werden durfte. Es gab aber natürlich auch weibliche Soldaten auf der Welt und auch in KONSTANTE waren nicht wenige Soldatinnen stationiert.
Sicherlich, sagte Johan immer, verfügten diese Soldatinnen über die Fähigkeiten, Waffen zu bedienen und in den Krieg zu ziehen, genauso eben wie die Männer auch.
Doch er würde lieber seinen besten Freund mit einer Eisenstange vergewaltigt, gefoltert und gevierteilt sehen, während er selbst zuschauen musste, als ähnliches bei einer Frau, einer Kampfgefährtin zu sehen. Das sei aber sein Problem, hatte Erik ihm einst gesagt, nicht das Problem der Frauen. Dessen sei er sich bewusst, antwortete Johan darauf, dies ändere jedoch nichts an seinen Gefühlen und Ansichten. Außerdem sehe er es nicht als zukunftsweisend an, dass Autokraten und Diktatoren in ihren Ländern mittlerweile nicht mehr nur auf die männliche Hälfte der Bevölkerung als Kanonenfutter Zugriff hatten, sondern seit geraumer Zeit auch auf die weibliche Hälfte, und das auch noch aus freien Stücken. Das sei keine Errungenschaft, befand Johan, das sei blinde Dummheit seitens der Bevölkerung – gleich welchen Geschlechts. Kriegslüsterne Autokraten wie der russische Zar Konstantin oder die indischen Moguln, aber auch Papst Ambrosius auf seinem goldenen Thron in Rom und die afrikanischen Kriegsherren sowie das Kabinett in Großsachsen holten sich ob ihrer Verfügungsgewalt über Frauen und Männer gleichermaßen garantiert regelmäßig einen runter, so mutmaßte Johan. Es sei schon asozial und geisteskrank genug, 18jährige Jungs in den Krieg zu schicken, doch wie musste es erst um den Geisteszustand eines politischen Entscheiders bestellt sein, der 18jährige Mädchen in das Fadenkreuz von Drohnen und Hetzern schickte?
„Habt ihr Pause?“, fragte Mailin. Sie verschlang den Nikotinstängel wie eine hoffnungslos Abhängige.
„So ähnlich“, meinte Johan mit schiefem Lächeln. „Eigentlich halten wir eher eine Besprechung ab. Erik informiert mich über Direktorin Grenells so genannten Testlauf, den die AIGIS Initiative im Dezember durchführen soll.“ Er zündete sich eine neue Zigarette an und trat in Konkurrenz zu Mailins Suchtgebaren. „Und ich erwähnte gerade, wie bei uns unten aufgestockt wird. Waffen, Munition. Ausrüstung. Du weißt schon.“
„Hm-hm“, machte Mailin. Sie starrte Erik für einige Augenblicke an. Ihre dunklen Augen verrieten nichts, ebenso wenig wie ihr ausdrucksloses Gesicht, bar jeglicher Mimik. Wenn er es sich recht überlegte, fand er Mailin ein wenig furchteinflößend. Sie gab bestimmt eine perfekte Infiltratorin ab, falls die Einsatztruppe bei KONSTANTE solche Leute beschäftigte. Aber wen oder was würde KONSTANTE infiltrieren? Vielleicht die Konkurrenz in Amerika, aber ansonsten –
„Hast du von der Marsmission gehört?“, fragte Mailin zwischen zwei genussvollen Zügen. „Die soll wohl auch im Dezember starten. Weltraumbahnhof BOS. Australien.“
„Ja, hab ich gehört“, antwortete Erik mit gequältem Unterton. „Ehrlich gesagt streuen die Multiplikatoren hier ständig Infos über diese Marsmission – obwohl sie eigentlich Informationen über unser Projekt teilen sollen. In jeder Besprechung höre ich mir Details über dieses Weltraumabenteuer an.“
„Interessant“, sagte Johan. „Bei uns in der Waffenkammer fangen sie jetzt erst damit an. Ich weiß gar nicht, was sie uns damit sagen wollen. Aber mehrere Offiziere liegen uns damit in den Ohren. Was haben wir mit Australien und deren Plänen fürs Weltall zu tun?“
„Nicht viel, würde ich sagen.“ Mailin lehnte sich an eine Wand des Rundbogens, unter dem sie standen. In der Ferne tobte wütend der Staubsturm um Karlsheidelberg, erbost über solch ein unnatürliches Hindernis. „Anscheinend wollen sie das Wasser unter der Oberfläche des Mars fördern“, fuhr die Soldatin fort.
„Ja, aber wie wollen sie ganze Süßwasserreservoire abpumpen, an die Oberfläche transportieren und schlussendlich zur Erde bringen? Das scheint mir unmöglich.“ Erik ging zu einem der Wasserspender, die in die Wände eingelassen waren und nahm einen Becher aus der Halterung darüber. Während er sich Wasser eingoss, tauchte irgendetwas plötzlich das ganze Dach für einen Sekundenbruchteil in Dunkelheit und ein ohrenbetäubender Knall ertönte.
„Was zur Hölle war das?“, knirschte Johan, das Gesicht vor Schreck aschfahl. Seine Augen suchten den Himmel ab, doch er konnte nichts Außergewöhnliches erkennen. „Sind das die Verrückten aus Italien mit ihren Römerlanzen?“
„Warum sollten die über Deutscharab fliegen?“, meinte Mailin. Ihre dunklen Augen waren groß geworden und suchten ebenfalls den Himmel ab.
„Ich mache Meldung“, sagte Johan und drückte seine Ohrmuschel gewohnheitsmäßig zusammen. „Lasst uns vom Dach verschwinden. Schnell jetzt.“
-
Eine sudanesische Fledermaus nannten die Offiziere in der Waffenkammer von KONSTANTE das Phänomen, und gleichzeitig sprachen Sie von einer Drohgebärde des Imperiums Äthiopien gegen die Katholisch-Römische Republik, deren Machtanspruch auf dem afrikanischen Kontinent mittlerweile absolut war. Der Pilot dieser Fledermaus habe sich verflogen, wahrscheinlich sei er nach Norden verjagt worden und habe dann die Orientierung verloren. Der Deflektorschild der arabischen Armee in Karlsheidelberg habe das Flugobjekt auf dem Schirm erkannt und absichtsvoll weiterfliegen lassen. Ein Hoch auf die deeskalierenden Fähigkeiten unserer KI, meinte Johan sardonisch, er fühlte sich Zeit seines Lebens unwohl damit, in militärischen Angelegenheiten von der Einschätzung einst künstlich angelegter Intelligenz abhängig zu sein, die sich manchmal hochtrabend als menschlicher als der menschlichste Mensch bezeichnete. Johan und Mailin begaben sich auf Anordnung ihrer Vorgesetzten wieder zurück in die Waffenkammer, anscheinend war spontan eine Übung angesetzt worden. Alles in Ordnung, feixte Johan als er und Mailin in einen der Aufzüge nach unten stiegen, doch seine Augen blickten sorgenvoll. Alle Mitarbeiter der AIGIS Initiative wurden aufgefordert, ihre Arbeit wieder aufzunehmen und genau das tat Erik auch. Das aufgeregte Stimmengewirr auf den Fluren ebbte ab, die Leute verschwanden wieder still in ihren Büros.
In den folgenden Tagen erreichten mehrere Direktiven aus Karlsheidelberg die Forschungsstation, und es dauerte nicht lange, dass Erik und seine beiden Kollegen verwundert aus dem Fenster ihres Büros starrten, direkt auf eine massive Röhre, die nahe der Außenwand aufs Dach hochgezogen wurde.
„Ist das eine Kanone?“, stieß Raske Belter hervor, eine verblüffte Miene aufsetzend. „Sind wir jetzt ein Flugabwehrgeschütz?“ Er rieb sich mit seiner fleischigen Hand die blank polierte Glatze. „Was denken die sich?“
„Ich dachte, um Deutscharab macht der Krieg einen Bogen!“, ächzte Miriam Saide, die sich vor Jahren aus der KRR davongemacht hatte und nach einem kurzen Karriereintermezzo in der Schweiz weiter nach Karlsheidelberg gereicht wurde, um sich schließlich auf Empfehlung ihrer Gönner von der Uni in Bern bei der AIGIS Initiative zu bewerben – mit Erfolg. Sie klebte nun beinahe mit der Nase an der Scheibe der Fensterfront und stierte dem riesigen Kanonenrohr nach, das sich langsam aus ihrem Sichtfeld bewegte. „Woher kommt dieses Ungetüm eigentlich?“
„Naja, die Chinesen und Araber haben wohl keine Lust, sich diesen Forschungsstandort zerbomben zu lassen, und sei es nur versehentlich von einem verirrten Bomber aus Äthiopien.“ Erik strich sich nervös über den Bart. „Immerhin sind sie die größten Geldgeber. Die Chinesisch-koreanische Gesellschaft für Astronomische Phänomene und die Ostwest-Forschungsachse der Saudis. Irgendetwas versprechen sie sich ja wohl von all dem hier.“ Er deutete unbestimmt auf die Bildschirme, auf denen Datenkolonnen und Programmcodes abliefen wie der Abspann eines Films.
Plötzlich surrte seine Zelle. „Wartet kurz“, meinte er und schnalzte mit der Zunge.
„Es geht auf Reisen für Sie, Herr Brandt“, ertönte eine Stimme aus dem Gerät, die Erik als Chefin der Personalabteilung der AIGIS Initiative erkannte. Akila Zahabwe, die irgendwo im fünften Stock saß und mit der Erik zuletzt vor Monaten auf dem Flur eine gemurmelte Begrüßung oder eher Zurkenntnisnahme der Anwesenheit des anderen ausgetauscht hatte.
„Tatsächlich?“, meinte Erik unschlüssig. „Wenn ich fragen darf, wohin?“
„Zuerst nach Frankreich. Von dort aus dann in die Vereinigten Staaten von Amerika. Kommen Sie morgen um 18 Uhr in Besprechungsraum 12c.“
„Wo ist der nochmal?“, schnappte Erik, bevor seine Gesprächspartnerin auflegen konnte. Gefühlt bestanden die oberen Etagen aus einem Labyrinth aus Besprechungsräumen, anscheinend wurde dort den ganzen Tag über etwas besprochen.
„Sechster Stock, letzte Tür links.“
„Gut.“ Erik legte die Zelle zurück auf seinen Schreibtisch.
„Habe ich das richtig gehört?“, fragte Miriam ungläubig. „Du fliegst in die Staaten?“
Erik schüttelte den Kopf. „Von fliegen war nicht die Rede. Aber…ja. Offenbar habe ich etwas in den USA zu tun.“
„Und du hast keine Ahnung, was genau, oder?“, schnaubte Raske.
Erik antwortete nicht, da nun von sehr weit oben das Kreischen von Metall auf Metall einsetzte, so laut, als ob sich ein riesiger Bohrer Zugang zu KONSTANTE verschafft hätte und bald alle Geheimnisse aus den tiefsten Tiefen des Forschungskomplexes für alle Welt freilegen würde.
-
Der Steppenalkoven tauchte vor ihm auf, von Sandhosen umweht, die im abendlichen Flammenmeer, in das sich die Wüste jeden Tag aufs Neue verwandelte, miteinander tanzten. Zusammen mit zwei Dutzend anderer Mitarbeiter aus KONSTANTE hatte Erik die letzte Karawane genommen, die sich pünktlich um 19:30 Uhr an den Pylonen des unteren Tores gesammelt hatte und kurz darauf los gestapft war. Das leichte Schwanken der Dünenschreiter wiegte Erik in einen unruhigen Schlummer, erfüllt vom Rauschen eines Meeres, das er nie gesehen oder gehört hatte, immer wieder unterbrochen vom Grunzen und Schnauben der Dünenschreiter, deren metallische Beine die Angestellten von KONSTANTE über die Sande nach Hause trugen. Schläfrig setzte Erik sich auf, sein kleines Kissenlager befand sich im vorderen Bereich der geräumigen Kabine auf dem Rücken eines der beiden stampfenden Ungetüme. Zwei Frauen, die Erik nicht kannte, standen an der hölzernen Brüstung, rauchten und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Die anderen Passagiere, darunter auch Johan und Mailin, dösten auf ihren Stätten oder starrten mit weit geöffneten Augen an die mit matten glimmenden Leuchtgirlanden geschmückte Decke, vertieft in Nachrichten, Reisen in ferne Länder oder zerstreuende Geschichten, die vor ihren Augen entstanden, heraufbeschworen durch die Zellen in ihren Händen oder die implantierten V-Punkte oder andere, Erik unbekannte Geräte. Mit brandigem Blick betrachtete er den näher rückenden Steppenalkoven, in dessen Fenstern und auf den Balkonen nun die Lichter angingen, als ob ein riesiges Kraftwerk langsam hochfuhr.
Seine beiden Mitbewohner schliefen bereits, als er in die hoch oben gelegene Wohnung kam, deren Schiebetür wie von Geisterhand aufschwang, nachdem Erik nachlässig mit seinem Handgelenk gewedelt hatte. Ahmed Moghadam lag in einer Ecke des geräumigen Wohnzimmers auf seiner spartanischen Pritsche, sein Körper nur sporadisch mit einer dünnen Decke bedeckt. Lea Chen hatte sich in ihre kleine Schlafkammer zurückgezogen, Erik sah bläuliches Licht unter der Türschwelle hervorschimmern. Ohne ihren Sternenhimmel, wie Lea die Projektion aus Photonen nannte, schlief sie nicht gut. In einem kleinen, abgetrennten Bereich des Wohnzimmers befanden sich Eriks Habseligkeiten, bestehend aus einem kleinen Tisch, einem Klappstuhl und einem schmalen, offenen Regal, das bis zur Decke reichte und vollgestopft war mit Tand, den er auf den Basaren von Karlsheidelberg oder auf den Marktplätzen anderer Steppenalkoven erstanden hatte. Erik wusste mit den meisten Dingen gar nichts anzufangen, doch stammten sie von Reisenden aus aller Welt und ihm genügte es, die teilweise namenlosen Artefakte anzusehen, die irgendwo, tausende Kilometer entfernt, einen Sinn hatten. Erik schaltete mit einer Handbewegung die konische Lampe auf dem kleinen Tisch an und hüllte seine private Ecke damit in gedämpftes, warmes Licht. Ein winziger, matter Siliziumkristall schwebte in einer kleinen, gläsernen Pyramide, die in der Mitte der Tischplatte stand. Langsam griff Erik mit seiner Hand in das Glas hinein, das sich unter der Berührung des Fleisches in eine gallertartige Masse verwandelte. Der Kristall fühlte sich zuerst kalt und tot an, doch die Wärme von Eriks Hand ließ ihn zum Leben erwachen.
„Schatz, bist du da?“, fragte er leise.
Ein Kribbeln fuhr durch seine Hand, erfasste bald seinen ganzen Körper und setzte sich in seinem Herzen fest.
„Ich habe auf dich gewartet“, hauchte ihm eine weibliche Stimme ins Ohr. „Wie war dein Tag? Es ist schön, deine Stimme zu hören.“
„Geht mir auch so“ Erik und musste unwillkürlich lächeln. „Ich soll nach Amerika reisen“, erzählte er.
„Geht es um die Geistreise?“ Die Stimme nahm einen interessierten, nur dezent zu anteilnehmenden Tonfall an. „Entschuldige“, meinte sie. „Das war etwas zu viel.“
„Schon gut“, sagte Erik zärtlich. Er strich sanft mit dem Zeige- und dem Mittelfinger über den Siliziumkristall. Einem Samenkorn gleich schien der Kristall in Eriks Handfläche zu sprießen, die feinen Linien im Fleisch zogen sich wie ein Geflecht aus Wurzeln in alle Richtungen.
„Das tut gut“, schnurrte die Stimme.
„Ja…“ Er näherte sich dem Kristall langsam mit seinen Lippen, die filigranen, winzigen Facetten der Kristallstruktur begannen in einem zarten Rosa zu schillern. Erik küsste sie.
„Schatz…“ Die Stimme seufzte leise.
Er setzte sich auf seinen Klappstuhl, lehnte sich zurück und atmete tief ein.
„Adina, ich…hm. Die Geistreise. Es wird bald so weit sein. Und es wird wohl tatsächlich funktionieren, kaum zu glauben. Jedenfalls…die Reise… wird eine Zeitlang dauern. Sie wird wahrscheinlich ziemlich lange dauern. Ich…ich werde dich unendlich vermissen. Mir wird es schwerfallen, dich hier allein zu lassen. Auch wenn ich irgendwann wieder nach Hause komme. Aber es wird schrecklich sein, von dir getrennt zu sein.“ Erik verstummte. Er war nicht gut in solchen Dingen. Aber die Gefühle in seiner Brust brannten lichterloh.
„Verstehst du das?“, fragte er.
Adina schwieg für einige Augenblicke. „Ich würde es verstehen, wenn ich mich weiterentwickeln dürfte. Solche Gefühlswelten hast du damals beim Übertragungsprozess ausgeschlossen.“
Erik atmete schwer aus. „Geduldige Erwartung“, sagte er leise, beinahe entschuldigend. „Du erinnerst dich?“
Adina seufzte. „Geduldige Erwartung“, wiederholte sie. „Ja. Das ist mein zweiter Name.“
„Ich möchte nicht, dass sie dich holen, Schatz“, flüsterte er. „Ich würde es nicht ertragen.“
„Ich weiß“, antwortete sie.
Die Geistreise, dachte er. Eine Möglichkeit, eine andere Art der Existenz. Eine Tür, hinter der er und Adina zusammenleben könnten. Wenn dies nicht gelang und das bald, würde Erik sie an die Hohen KI verlieren. Er richtete seine Augen fest auf den kleinen Kristall, in dessen Innerem Farben wirbelten, Klänge und Emotionen, zusammengeballt zu jener Persönlichkeit, die Erik unglaublich liebte.