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Orenda-Toter Gott

Kapitel 1 – Das Ungeheuer im Dunkel

 

Es liegt eine schreckliche Dunkelheit über dem Kosmos und in ihr liegen aller Terror und Wahnsinn des fleischgewordenen Universums. Kann eine Überwindung des Körpers hin zu einer Herrschaft des Geistes die Finsternis auflösen, obwohl das Licht den Schatten bedingt? Liegt die Rettung in einer Umkehr der Verhältnisse? Gleichwohl: Während Licht ohne Schatten den Tod bedeutet, beschwört die unangefochtene Regentschaft des Lichts die tiefsten Schatten herauf, die stets am Rande auf die Gelegenheit lauern, es zu verschlingen. Welche Art Finsternis sind wir bereit zu akzeptieren? Jene, die sich beständig und auf Augenhöhe mit dem Licht misst oder jene, die wir niemals sehen, bis sie das Licht in einem Moment der Unachtsamkeit gänzlich verschluckt?

 

Aus: Marduks Sicht auf die Welt

 

Die Messingtürglocke bimmelte müde und verabschiedete den letzten Kunden des Abends. Purim betrachtete eingehend die Blausilbermünze in ihrer Hand und ließ ein wenig von der schwachen Energie des Verbundmetalls unter ihre schneeweiße Haut fließen. Sie stöhnte leise auf und schloss für einen Moment die Augen. Ihre langen Ohren zuckten kaum merklich, als ein süßes Kribbeln auch in die letzten Winkel ihres Körpers fuhr und sie musste sich am Tresen abstützen, so intensiv drang die Magie in sie ein. Dann endete der Moment und Purim hob ihre Lider. Ein paar vereinzelte Tropfen Regen verirrten sich an die Schaufensterscheibe ihres kleinen Ladens und rannen an der Aufschrift Herloydes magisches Allerlei herunter – sicherlich die Vorboten einer Armee aus Regentropfen, die alsbald zu Abertausenden an das Fenster trommeln würden. Der Name des Ladens schien zwar recht einfallslos zu sein, da Purim jedoch vor vielen Jahren eine der ersten gewesen war, die während des Wiederaufbaus der Stadt den Handel wiederbelebte, hatte sie sich diese Faulheit bei der Namenswahl leisten können. Die Elfe strich ein letztes Mal über die blausilberne, kaum Daumennagelgroße Münze und legte sie dann in ein leeres Fach der Kasse. Seit Jahren hatte hier niemand mehr mit Blausilber bezahlt und obwohl der merkwürdige Ork nicht mittellos ausgesehen hatte, war eine derartige Münze in den Händen eines solchen Wesens sogar noch ungewöhnlicher. Der berühmte Blausilberstahl hatte den Menschen einst bei der Etablierung ihrer Vormachtstellung auf ganz Orenda gute Dienste geleistet. Im mittlerweile sagenumwobenen Blaugarten schmiedeten die Kaltschmiede das Blausilber damals zu verheerenden Waffen. Doch das war alles nur noch Schall und Rauch. Beflissen räumte Purim jetzt ihr Geschäft auf, fegte die gemusterten Fliesen und deckte die Auslagen ab. Die Regale ächzten unter dem Gewicht von faustgroßen Myrknollen aus Materia und Siedendeisen aus Crom’Rakesh, dazu Schnupftabak aus Glandorn sowie unzähligen Gefäßen verschiedener Art, angefüllt mit zähen Flüssigkeiten, zuckenden Insekten oder matter Paste. Als letztes zurrte Purim an einem dicken Vorhang, der sich kurz darauf über das große Schaufenster legte. Kritisch betrachtete die Elfe ihr Werk, dann nahm sie sorgsam einige der wertvolleren Schmuckstücke und magischen Ingredienzien mit nach hinten. Durch einen niedrigen Torbogen erreichte sie die beiden Lagerräume des Ladens, wo sie nun zwei irdene Gefäße in hermetisch verriegelte Behälter einschloss. Mit spitzen Fingern öffnete Purim dann eine eiskalt gefrorene Truhe, in die sie die Schmuckstücke legte – ein silbernes Medaillon mit dem stilisierten, schaurig-schönen Antlitz Towaks darauf, sowie eine mit knöchernen Zacken besetzte Halskette aus Rak und nicht zuletzt einen schlichten Ring aus vertrockneten Blättern aus dem Cali-Dschungel. Als Purim wenig später einen Fuß vor die Ladentür gesetzt und gerade zugeschlossen hatte, brachen die düsteren Wolken über Kainsgarten auf und ließen die Stadt in einem donnernden Regenguss untergehen. Es war ein typischer Abend im dritten Monat der Rotte, diesig, regnerisch und neblig. Für zwei oder drei Lidschläge beobachtete Purim das Naturschauspiel und genoss die prasselnden Tropfen auf ihrer blassen Haut. Schließlich jedoch griff sie in ihre kleine Umhängetasche und förderte einen Schildeinmalzauber zu Tage. Alistair mochte es nun einmal nicht, wenn seine schöne Elfe wie ein nasser Hund nach Hause trottete. Also murmelte sie die dürren Worte auf der kleinen, weißen Zauberkarte und verstaute sie danach sorgfältig wieder in der Tasche, schließlich würden die Lumin-Werke das verbrauchte Material der Karte zu einem feinen Pulver verarbeiten. Der Zauber wirkte nur schwach und würde nicht lange halten – Purim hatte ihn aus einem der unentgeltlichen Automaten gezogen, die auf jedem öffentlichen Platz Kainsgartens platziert waren. Bis nach Hause würde es aber reichen. Dichte Schlieren vom berüchtigten schwarzen Nebel von Kainsgarten zogen schon bald durch die Gassen der regenverhangenen Stadt und Purim beeilte sich, auf eine der gesicherten Hauptstraßen zu gelangen. Obwohl viele Jahre seit dem Fall des einstigen Schwertfels vergangen waren, entstiegen immer noch die Schatten der Vergangenheit aus der Düsternis der Ruinen – auf denen allerdings schon seit geraumer Zeit die Türme gelehrter Menschen und die Anwesen alter Rittergeschlechter wuchsen. Purim wanderte durch das einstige Schlotviertel des antiken Schwertfels, das sich nach der Wiederaneignung zu einem wahren Händler- und Dienstleistungsmoloch gemausert hatte. Verschlungene Wege führten um düstere Läden, die hinter ihren schmutzigen Backsteinmauern vor interessanten, aber mitunter auch lebensgefährlichen Waren überquollen. Über vielen Läden prangte ein Schild, das stolz den Namen der Inhaber oder der Auslagen führte, aber einige hielten sich damit lieber zurück.

Ihrer stoischen Natur zum Trotz verspürte Purim Erleichterung, als sie Adavils Allee erreichte, wo in diesem Augenblick mit einem für mehrere Augenblicke anhaltendem Sirren das bläulich-grüne Licht der Straßenlaternen ansprang. Das Lumin im Inneren der gläsernen Behälter speiste sich aus dem Lumin-Netzwerk der Stadt, dessen Versorgungslinien sich hoch droben über sämtlichen Gebäuden der Stadt hinzog und durch spärlich verteilte, massive Obelisken aus Brandstahl erreichbar waren. In klaren Nächten sah man die Arbeiter der Lumin-Werke auf diesen Straßen oberhalb der Stadtdächer ihrer Profession nachgehen, die darin bestand, das offenbar sehr anfällige Lichtsystem zu pflegen. Purim wunderte sich zwar darüber, warum ein ganzes Labyrinth von schmalen Wegen in schwindelerregender Höhe nötig war, um weit unten ein paar Straßenlaternen zu erleuchten, doch im Grunde interessierte sie sich nicht so sehr für die menschliche Passion bezüglich neuer Technologien. Immerhin leuchtete das Zentrum Kainsgartens nun in einem durchaus warmen, wenn auch dezent unheimlichen Licht, sodass Purim sich etwas besser fühlte. Hier und dort flackerten jetzt auch die geisterhaften Silhouetten scheinbar gesichtsloser, grotesk vergrößerter Gestalten auf, schritten auf festen Wegen die blicklosen Fassaden der Hochhäuser ab und sprachen mit blechernen Stimmen zu den Leuten, die tief unter ihnen vorbeieilten und ihnen kaum noch Aufmerksamkeit schenkten, so alltäglich war ihr Anblick bereits geworden. Doch die sich ständig wiederholenden, immer gleichen Botschaften dieser vom Licht des Lumin umhüllten und nahe der höchsten Häuserdächer flirrenden Figuren fraßen sich in die Gedanken der Leute am Boden und auch Purim hätte viele der eintönigen, gleichwohl einprägsamen Sätze mitsprechen können. Von Alistair wusste die Elfe, dass diese sprechenden, lautlos und doch gewichtig einherschreitenden, leuchtenden Schatten über den Köpfen der Leute realen Vorbildern nachempfunden waren, etwa Rädelsführern neuer Ideen, Werbeikonen bestimmter Unternehmen oder mittlerweile auch Politikern. Ihre Parolen prasselten nun von den Dächern herab, erzählten von den verdrehten Versprechungen obskurer Oligarchen und mächtiger Medienmacher, warnten vor bedrohlichen Bestrebungen der auf den Neun Meeren Orendas agierenden Expeditionsflotten und priesen sich selbst als wahre Durchblicker der Wirklichkeit.

Zum Glück verschmolzen die metallischen Stimmen aber wie immer rasch zu einer Art dauerhaften Hintergrundbeschallung, die zwar nicht weiter störte, doch eben auch ständig präsent war. Auf einem großen Platz, der tagsüber zwei Dutzend oder mehr Marktstände beherbergte, schoss plötzlich die mehr als drei Meter messende Gestalt eines tatsächlich eher schmalbrüstig zu bezeichnenden, jungen Mannes aus dem Straßenpflaster, ziemlich genau im Zentrum des Platzes. Seine angedeuteten Gesichtszüge formten ein breites Lächeln, die Augen strahlten verstärkt durch die Lumintechnik und ein jeder musste seine Aufmerksamkeit auf diese irreale Person lenken, ob nun bewusst oder nicht. Der große, schmale Mann sprach mit der Stimme eines Jungspundes, allerdings eines wortgewandten solchen, und er ließ einen Redeschwall los, der wohl als Beschwörung diente, denn schon nach kurzer Zeit füllte sich der Platz mit zwanzig, dann dreißig Leuten. In einer Traube versammelten sie sich um die wie ein Wasserfall quasselnde Figur, die Gesichter erleuchtet von Schleiern aus Lumin, die um die Wangen der Zuhörer strichen. Purim warf einen flüchtigen Blick auf die nun aufgebracht zu ihren Anhängern sprechenden Ikone, doch kannte sie kaum jemanden aus dieser Zunft der so genannten Echosprecher. Also setzte die Elfe ihren Weg fort.

Eine rot lackierte Kutsche rumpelte vorüber, gefolgt vom Ross eines Manteljägers, der still im Sattel saß und seine Wahrnehmung schweifen ließ. Purims Blicke dagegen glitten geradezu an den Fassaden der Türme und mehrstöckigen Häuserfronten ab. Obwohl sie bereits ungezählte Jahre unter Menschen weilte, hatte ihre Herkunft sie jedoch unerbittlich im Griff und ihre latente Abneigung gegen diese aufgeschichteten Steinungeheuer, in denen die Menschen wohnten, hatte sie nie ganz losgelassen. Unwillkürlich fröstelte sie. Vor ihr tauchte das rostige Gerippe des Turms der Stahlfaust auf, die roten, bröckeligen Knochen immer noch gen Himmel gereckt. Vielleicht bildete Purim es sich ein, doch augenscheinlich verdampfte jeder Regentropfen mit einem wütenden Zischen, wenn er auf die Überreste der Mauern traf. Das Vermächtnis der einst übermächtigen Menschheit stach immer noch aus den Fugen der Welt empor wie ein hartnäckiger Pilzbefall, den man in Schach halten, aber nie vollends loswerden würde. Wie immer auf ihrem Weg nach Hause fühlte Purim sich verfolgt und doch spürte sie den Atem ihrer Häscher an diesem Abend deutlicher als sonst. Es war, als ob sich ein Leichentuch über die Stadt gelegt hätte und der bestialische Geruch aus den unterirdischen Kloaken nicht in den Himmel entweichen konnte. Zwar war Purim von Natur aus nicht nervösen Launen unterworfen, doch trotzdem sah sie sich nun wachsamer als üblich um. Vereinzelte Herrschaften in feinen Anzügen passierten – ebenfalls unter Schildzaubern vor dem Regen geschützt – zügig die Straßen und hielten sich nah an den Lichtquellen. Aus dem Silbergrenzer torkelte eine Horde junger Männer, sodass Purim wohlüberlegt die Straßenseite wechselte. Wie von selbst verschleierte sie sich, indem sie die Kapuze ihres Mantels über ihre blonde Haarpracht zog und damit auch ihre Ohren versteckte. Die Betrunkenen bogen zum Glück in eine Gasse ab, die sie zum Hafen führen würde und schon bald verlor Purim sie aus den Augen. Das Gefühl wachsender Bedrohung verschwand allerdings nicht. Unbewusst beschleunigte die Elfe ihre Schritte, während sie an den düsteren Vorgärten umzäunter Herrenhäuser vorbeiging, in deren Fenstern warmes Licht lockte. Mittlerweile hatte der Regen bereits nachgelassen und Purim wurde sich unangenehm ihrer nass hallenden Schritte bewusst. Sie bog gerade in die Lamayangasse ein, als es geschah. Ein gellender Schrei fuhr um die Häuserecken und verflüchtigte sich Augenblicke später zu einem heiseren Gurgeln, das rasch versiegte. Purim kniff die Augen zusammen und spähte angestrengt durch die Dunkelheit. Dabei ballte sie ihre zarten Hände zu Fäusten. Als sie schließlich Schritte hörte, holte sie tief Luft und sagte mit klarer Stimme: „Wer ist da? Ich bin Purim, Gefährtin von Alistair Reynald, Mitglied der Pergamenter.“

Ein schweres Stiefelpaar kam irgendwo vor ihr rutschend zum Halt. „Ich wollte Euch nicht erschrecken“, ertönte eine tiefe Stimme. „Aber hier ist es nicht sicher. Heute Abend wurden zwei Bleichkrähen rund um die Eisernen Sieben gesehen. Das ganze Viertel wird gesperrt. Wir jagen sie.“ Die breitschultrige Gestalt eines Manteljägers schälte sich nun aus der nebligen Dunkelheit. Mit geübten Handgriffen entzündete er eine kleine Lumin-Laterne, die an seinem schweren Gürtel baumelte. „Verzeiht mir“, murmelte der Mann. „Ich hatte meine Laterne gelöscht, weil ich mich auf der Pirsch befand. Diese Bleichkrähen sind tückisch.“ Er taxierte die vermummte Elfe. „Ich bitte Euch dringend, die Straßen schleunigst zu verlassen.“

Purim neigte zur Antwort leicht den Kopf. „Gute Jagd“, meinte sie lakonisch und beeilte sich, die Gasse hinter sich zu lassen. Die Blicke des Manteljägers bohrten sich noch eine Weile in den Rücken der Elfe, das wusste sie, doch schließlich wandte der Mann sich ab. Einer Bleichkrähe wollte Purim unter keinen Umständen begegnen und so seufzte sie beruhigt, als bald das Tor zu Adavils Zuflucht vor ihr auftauchte, dem immerhin sichersten unter den generell unsicheren Stadtvierteln Kainsgartens. Die Straßen waren hier meist breit und gut einsehbar und schon bald stand Purim vor dem Anwesen der Reynalds. Alistairs Großeltern hatten das dreistöckige Haus damals im Zuge der Wiederaneignung gebaut und es mit einem trutzigen Silberstahlzaun umgeben, der wohl für die Ewigkeit gedacht war. Hohe Blautannen flankierten das Gebäude und den penibel gepflegten, ausladenden Vorgarten schmückte – neben einigen anderen – eine verwitterte Statue Adavils, ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Mittlerweile waren Gottesabbilder bei den Menschen verpönt und nur Sammler oder fanatische Eiferer gaben sich noch mit solchen Werken aus Marmor ab – glücklicherweise gehörte Alistair weder zur einen noch zur anderen Sorte. Purim trat durch das schwere Stahltor und spürte, wie das installierte Magiefeld sie abtastete, um dann wieder von ihr abzulassen, ähnlich einem Hund, der den Besucher kurz beschnüffelte und sodann für unbedenklich erachtete. Lange Beete voller exotischer Zierpflanzen aus Armalor zogen sich durch den Garten und endeten an einer Reihe Kayumbüsche, deren blaue Blätter im Mondlicht glitzerten. Purim erklomm die Handvoll Stufen zur Veranda, doch bevor sie durch die Haustür trat, schaute sie noch einmal zur Straße zurück. Zuerst sah sie nichts außer den wabernden, schwarzen Nebel, der durch die Düsternis kroch und sie noch verstärkte. Vereinzelte Lichter von Straßenlaternen blinkten dazwischen auf. Plötzlich jedoch lugte eine grässliche Fratze zwischen dem Engpass zweier Häuserzeilen hervor und starrte mit roten Augen zur Elfe hoch. Schaudernd wandte sie sich ab und schlüpfte schnell durch die Tür – noch den Schimmer eines weißen Schnabels erhaschend.

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Alistair Reynald hörte das schwache Zuschlagen der Haustür und atmete erleichtert auf. Er hasste diese nebligen Abende, denn in ihrem Schutz erklommen alle Schrecken Orendas die Oberfläche, streiften durch die Gassen Kainsgartens und wetzten ihre Klauen an den Umfriedungen der Häuser. Stirnrunzelnd blätterte Alistair durch seine Unterlagen und legte sich Markierungen immer dort zurecht, wo er später weiterarbeiten wollte. Dann stand er ächzend auf, richtete sein Jackett und verließ eilig sein vollgestopftes Skriptorium, nicht ohne fluchend über einen Stapel Pergamente zu stolpern. Unten in der großen Eingangshalle stand Purim einsam und verloren in der Weite des Raumes. Die magischen Lichter knisterten in ihren gläsernen Behältern und tauchten die matten Fliesen in ein türkises Licht. Alistair stieg die breite Treppe herunter, die mit einem feinen, califalen Teppich bedeckt war, auf dem man sich leichtfüßig wie ein Sonnenpirscher fühlte.

„Alles in Ordnung, kleine Traube?“ fragte er besorgt. In seinem scharf geschnittenen Gesicht bildeten sich ein paar Sorgenfalten. Diese würden ihn im Alter maßgeblich zeichnen, denn Alistair sorgte sich immerzu – um seine Gottesgefährtin, die Belange von Kainsgarten und die der gesamten Menschheit.

„Ja“, antwortete Purim und lächelte Alistair warm an. Er umarmte sie flüchtig und küsste sie dann innig auf die feinen Lippen.

„Draußen kriecht der schwarze Nebel durch die Straßen“, fügte die Elfe hinzu.

„Dann komm und wärm dich etwas auf“, meinte Alistair und nahm ihre Hand. „Esmel wird uns Speis und Trank bringen. Wie ging das Geschäft?“

„Außergewöhnlich gut“, antwortete Purim. „Mehrere Manteljäger haben sich mit Salben gegen Wundbrand eingedeckt, ein paar Elfem waren da, um einige delikate Tinkturen zu erstehen, und zwei Lumin-Ingenieure haben angefragt, ob ich ihnen einen Trank zur Sinnesbetäubung brauen kann. Interessant.“

„Und merkwürdig“, meinte Alistair stirnrunzelnd. „Sinnesbetäubung…hast du gefragt, wozu?“

„Ja, schließlich muss ich zumindest entfernt wissen, welche Art von Betäubung angestrebt wird, welche Intensität von Schmerzen unterdrückt werden soll.“

„Und? Was sagten die Ingenieure?“, fragte Alistair. Gemeinsam durchquerten sie den Westflügel des Anwesens, dessen Zentrum das große, gemütliche Wohnzimmer, mit Zugang zur Küche darstellte.

„Das ist kompliziert“, sagte Purim zögernd. „Sie sprachen von einem inneren Druck, zugleich einem Ziehen, das alle Organe zu erfassen scheint. Es scheint keinerlei Verletzungen nach sich zu ziehen, allerdings sollen die Schmerzen kaum auszuhalten sein.“

„Äußerst merkwürdig“, murmelte Alistair.

Ein langer, beinahe als gewunden zu bezeichnender Gang führte schließlich an allerlei Räumen für die Bediensteten vorbei und zudem zu einem Zimmer, das entweder einem Museum oder einer Asservatenkammer glich – je nachdem, wen man fragte. Die Relikte längst vergangener Zeiten ruhten hier in kleinen und großen Vitrinen, die teilweise mit Erebglas, manchmal aber auch mit Magiefeldern ausgestattet waren. Versteckt im weitläufigen Keller des Anwesens gab es einen Raum, der bis obenhin mit Automaten vollgestellt war, deren Zauber das Reynald-Anwesen zu einem der wehrhaftesten der ganzen Stadt machten. Der schwarze, samtene Teppich schien bei jedem Schritt zu knistern, den man tiefer in die Geschichte Orendas wagte. Eine aus Lavagestein angefertigte Büste eines Beawarcs verdunkelte eine Wand des Zimmers, und die drei Köpfe der unterweltlichen Bestie schienen jeden Moment wieder Feuer zu spucken. Auf einer Vitrine voller gemusterter Webarbeiten aus Califala, in einem irisierenden Farbenspiel schillernd, bewachte ein immer noch scharfes Scharctarim die kostbare Sammlung aus dem ehemaligen Wüstenimperium. Ohnehin starrte aus jeder Ecke der Kammer eine Waffe hervor, und jede einzelne war sicherlich durch die Hände so manchen Mörders gegangen. Neben dem geschwungenen Schwert ragte das Modell eines Dünenschreiters empor, jene von Menschenhand verkrüppelten Drachen, die einst die Sanddünen Califalas überwanden. In der Mitte des Raumes stand exponiert eine quadratische, etwa Brusthohe Vitrine, ein Geschenk des Erzmagiers Marduk, mit dem Alistairs Familie schon seit geraumer Zeit bekannt war. Die Vitrine war angefüllt mit einem schwarzen Stoff, dessen Konsistenz zwischen fest, flüssig und gasförmig mäanderte. Inmitten dieses diffusen, chaotischen Zustandes glitten silberne Fäden umher, scheinbar ziellos, ohne Orientierung. Verfügte der Beobachter jedoch über eine außerordentliche Wahrnehmung, offenbarten sich weitere Geheimnisse. So blitzten an den Endpunkten einzelner Silberfäden immer wieder meist runde Gebilde auf, die fest an die Fäden gebunden waren – verdichtete Gesteinsbrocken oder geballtes Gas, vielleicht auch konzentrierte, dicke Regentropfen. Verharrte man stundenlang unter Aufrechterhaltung eben jener außergewöhnlichen Wahrnehmung und drang mit den Augen gewissermaßen in die Schwärze dieses chaotischen Raumes ein, bis man den Eindruck gewann, mit dem gesamten Kopf hineingetaucht zu sein, so konnte man an ein System glauben, das hinter allem steckte. Mehrere dieser flüchtigen Erscheinungen von gebündeltem Gestein, Gas oder Wasser rasten gemeinsam durch die Leere des dunklen Raumes, verbunden durch eben jene silbernen Fäden, die vielleicht selbst auf der Suche nach einer Bestimmung waren und sie in der Rettung dieser schwachen Erscheinungen sahen, die auf diese Weise für Sekundenbruchteile ins Licht der Wahrnehmung rückten.

Alistair führte seine Gottesgefährtin durch diesen Raum der Wunder und schließlich in den dahinter liegenden Wintergarten, der von einem gewissen Standpunkt aus noch zu der Reliktkammer gehörte. Dort rückte Alistair seiner Liebsten den Stuhl zurecht. Dankbar ließ sich Purim in diesen Pflanzenhort sinken und labte ihre Augen an den saftigen Ranken, die sich um Türrahmen und Säulen ringelten. Ein ständiges Sirren und Zirpen von den vielen Insekten klang wie Musik in ihren Ohren und sie entspannte sich nahezu augenblicklich.

„Ein Ork hat bei mir heute Abend mit einer Blausilbermünze bezahlt“, erzählte sie nach einer Weile des Schweigens. „Vor seinen Augen hatte er einen durchsichtigen Schleier, als wäre ihm das Licht der Straßenlaternen noch zu hell.“ Sie überlegte kurz. „Eigentlich war sein ganzer Kopf verhüllt, als ob er sich verbrannt hätte und nun alles bandagiert werden musste.“

„Merkwürdig“, meinte Alistair. Er machte sich im Geiste eine Notiz. Ein Ork, der sich unerkannt durch Kainsgarten bewegen wollte, war zwar nicht ungewöhnlich, doch wenn er auch noch seltene Zutaten für dubioses Zauberwerk erwarb, sah die Sache anders aus.

„Der Orden hat sich gemeldet“, sagte Alistair. „Ich soll einen Vortrag halten – über die Wechselseitigkeit zwischen psychischem Befinden, physischem Zustand und sozialem Verhalten von Menschen.“

„Tatsächlich?“, meinte Purim und lächelte erfreut. Sie war froh, in Alistair einen so intelligenten Mann gefunden zu haben, der ihr noch dazu stets den roten Teppich ausrollte, wie die Menschen zu sagen pflegten. „Natürlich nimmst du an?“

Alistair schmunzelte. „Sicher. Eine solche Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen – als Abwechslung zum derzeitigen Projekt.“ Tag um Tag durchforstete Alistair im Auftrag des Ordens der Pergamenter Manuskripte, immer auf der Suche nach Hinweisen zu einer speziellen Problematik – momentan beschäftigten sich die Pergamenter mit der Geschichte des Blausilbers. Die Blausilbersenke im Osten Rivanors war bereits seit zweihundert Jahren ein Refugium verschiedener Orkstämme, die noch vor dem Tobenden Krieg die Berge der Silberwand und die Gefahren in den Gebirgspässen überwanden und – angelockt von wilden Versprechen des Melcanischen Kaiserreiches – in das damalige Königreich Rivanor eindrangen. Zwar hielten die Menschen damals noch einige Zeit stand, doch als die Lichtlosen auf den Plan traten, fiel letztendlich auch die Schmiedestadt Blaugarten und ihre Feuer erloschen für immer. Nach dem Krieg gegen die Lichtlosen erschlossen die Orks sich das ehemals stolze Fürstentum, auch wenn sie mit der Magie der Kaltschmiede Blaugartens nichts anzufangen wussten. Das Blausilber jedoch, als eine der Quellen menschlicher Macht, blieb bis heute wichtig in den Augen der meisten Menschen. Eine Weile sprachen Alistair und Purim über die Forschungsarbeit der Pergamenter, bis sie schließlich thematisch eine Rundreise über den gesamten Kontinent machten. Esmel, die Köchin der Reynalds, brachte ihnen zwischendurch warmen Kaffee und Gebäck aus Borgins Konditorei, das sie mit Hilfe eines Einmalzaubers den Tag über frisch hielt. Schließlich verweilten Alistair und Purim in Armalor, jenem Menschenreich, das mittlerweile fast vollständig von Waldflächen bedeckt war, die sich bis zur Küste im Westen und zu den Bergen der Silberwand im Osten erstreckten – ausgenommen natürlich die nach wie vor von Menschen dominierten Regionen Glandorn und Weißatem. Alistair resümierte darüber, dass die Elfen in den Tagen der menschlichen Herrschaft in Armalor noch das beste Schicksal fristeten.

„Trotzdem lebten wir versteckt im Klagewald – den die Menschen damals trotz aller Verträge immer weiter ausbeuteten“, gab Purim zu bedenken – nicht zum ersten Mal in ihrem Leben, die Phrase kam ihr wie einstudiert von den Lippen. Ihre Stimme blieb ruhig, kein Anflug von Vorwurf lag darin, denn die Menschen, die zur damaligen Zeit gelebt hatten, waren seit hunderten Jahren tot und jene Menschen, die mit der Unterjochung der Elfen und anderen Rassen begonnen hatten, sogar noch länger.

„Da hast du wohl recht“, murmelte Alistair ergeben. „Heute kam ein Brief von Gjon“, sagte er dann plötzlich und beendete damit ihre Reise durch die Welt. „Er liegt noch im Büro.“

„Hast du ihn gelesen?“, fragte die Elfe.

Alistair schüttelte den Kopf. „Das geht mich nichts an.“

Purim erwiderte nichts, sondern trank schweigend ihren Kaffee aus. Sie wollte schon aufstehen, um Alistairs Arbeitszimmer aufzusuchen, doch dann fing sie seinen Blick auf. Mit einem schüchternen Lächeln nickte die Elfe und zusammen verließen sie den Wintergarten und begaben sich in den ersten Stock des Anwesens, wo Alistairs Büro und ihr gemeinsames Schlafzimmer lagen – in letzteres zog Purim ihren Liebsten und sie spürte bereits, wie die Lust in ihm aufwallte wie ein alle anderen Gefühle verzehrendes Feuer. Seine Hände legten sich forsch um ihre Taille und wanderten zur Rundung ihrer Kehrseite. Er sagte nichts, sondern schaute die Elfe nur mit einem eindeutigen Blick an. Purim lächelte schelmisch, nahm seine Hand und zog ihn mit zum Bett. Dort löschte sie schnell das Licht der kleinen Laterne an der Wand, denn sie vermied es tunlichst, Alistair ihr Gesicht während des Liebesspiels zu zeigen. Stattdessen sollte er in der Silhouette ihrer Erscheinung jene Dinge sehen, die er sich wünschte. Seine Hände glitten sanft über ihren Körper, fanden rasch die beiden runden, festen Auswüchse an ihrer Brust und drückten sie. Mit fliegenden Fingern befreite er die Elfe dann von ihrem Kleid und verschlang sie mit Augen und Händen. Es war, als ob Alistairs Finger über ein weiches und glattes, doch unsichtbares Federkleid strichen oder vielleicht über ein ebenmäßiges Moosbett. Dann hob er sie hoch und legte sie fast zärtlich aufs Bett. Sie entblößte ihm ihr glattes Hinterteil, indem sie sich aufreizend hinkniete und spürte nahezu sofort sein erregtes Glied, das sich gegen ihre Haut presste. Keuchend suchte er seinen Weg in die Elfe hinein und sie verzog angestrengt das Gesicht. Helle Flüssigkeit rann an den Innenseiten ihrer Schenkel herab und benetzte die Bettlaken. Langsam bewegte er sich in ihr und glitt mit jedem Augenblick tiefer in ihren Körper. Purim stieß leise, wohlige Seufzer aus und bewegte ihr Hinterteil wie unbewusst lüstern vor und zurück. Das stachelte Alistair noch mehr an und er packte die Elfe mit beiden Händen an ihrem Becken, um wie rasend immer wieder in sie zu stoßen. Das volle Haar strömte wie ein seidiger Fluss aus Gold über ihre blasse Haut und ließ bei jedem Stoß Alistairs neue Seitenarme entstehen. Die Flüssigkeit ergoss sich jetzt in kleinen Bächen aus der Elfe heraus und ein leichter, unbestimmter Duft nach Waldbeeren breitete sich aus. Alistair stöhnte mittlerweile laut und ungeniert, dann hielt er sich schließlich nicht mehr zurück. Purim spürte deutlich, wie sein Samen schwallartig in sie schoss, sich in ihrem Inneren verteilte und überall festklebte, um nie mehr loszulassen. Sie konnte nicht anders, als einmal kurz und heftig aufzustöhnen. Er zog seinen Schwanz seufzend aus ihr heraus und hockte sich erschöpft hin. Purim wischte sich eine einzelne Träne von der Wange und drehte sich zu Alistair um, worauf er sofort sein Gesicht an das ihre legte. Liebevoll schlang sie ihre schneeweißen Arme um ihn, umarmte ihn mit aller Innigkeit, die sie in sich spürte.

-

„Sobald du Zeit hast, würde ich dich gern zu uns zum Abendessen einladen. Ich hoffe, Dir geht es gut.

-Gjon“

 

Purim hielt die karge Zeile auf dem beigen Papier ins Kerzenlicht. Natürlich würde sie Gjons Einladung folgen, auch wenn ihr das Herz dabei schwer wurde. Seit so vielen Jahren drehte und wendete ihr alter Freund schon das Schicksal von Gantoris, Gjons einstigen Ritterbruder, doch Besserung war bisher noch nicht in Sicht. Dennoch nahm Purim sich vor, gleich morgen Gjon Fyrecams Anwesen aufzusuchen und sich alles anzuhören, was im Geist dieses guten Mannes vorging. Sie schluckte einmal schwer und faltete die Nachricht dann übertrieben behutsam zusammen. Ein lautes Geräusch ließ Purim plötzlich zusammenzucken. Jemand donnerte unten mit voller Wucht gegen die Haustür – ob nur mit der Faust oder einem Hammer, war ihr noch nicht klar.

„Mord!“, rief eine erregte Frauenstimme von draußen.

Purim flog erschrocken über den Teppichboden des Arbeitszimmers, stieß die angelehnte Tür auf und hielt erst an der Balustrade in der Eingangshalle an. Alistair eilte bereits zur Tür, die Stirn empört in Falten gelegt. Eine verbissen aussehende Frau in der Montur einer Manteljägerin stürmte durch die Tür und riss Alistair fast von den Füßen. Mit dem schief sitzenden Hut, einem verzogenen und gefährlich locker sitzendem Gürtel und vor allem dem schweißnassen Gesicht, in dem zwei aufmerksame Augen loderten, deutete einiges darauf hin, dass die Frau den ganzen Weg zum Anwesen gerannt war. Sie rückte ihre Ausrüstung rasch zurecht, bis alles wieder an Ort und Stelle war.

„Mord!“ wiederholte die Frau mit durchdringender Stimme. „Bestialischer Mord!“

„Leandra“, murmelte Alistair, etwas überfordert. „Beruhige dich bitte. Was ist geschehen?“ Seine Eingeweide krampften sich zusammen, wie immer, wenn wieder einmal ein Manteljäger oder ein Mitglied der Kainsgarde an seine Tür klopfte. Die Menschen hatten niemals nachgelassen in ihrem Bestreben, die Ruinen des alten Schwertfels zurückzuerobern, doch Alistair musste sich sehr irren, wenn nicht jeden Tag mindestens ein Mensch in den Straßen ums Leben kam.

„Komm mit in den Salon“, sagte er, jetzt mit fester Stimme. „Esmel wird dir ein Glas Wein einschenken. Das beruhigt die Nerven. Dann erzähle mir alles von Anfang an.“

Leandra öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, doch Alistair schnitt ihr mit einer eindeutigen Geste das Wort ab und ging energisch voran. Der Ostflügel des Anwesens beherbergte den Salon und die angrenzende Bibliothek, in deren Regalen auch so manches Werk aus dem Bestand der Eisenbibliothek Artanias Zuflucht gefunden hatte. Natürlich existierte die ehemalige Hauptstadt des Königreichs Armalor bereits seit dem Zweiten Rassenkrieg nicht mehr, als der Klagewald tausende Angehörige dieser gedemütigten Spezies ausgespuckt hatte. Wie wütende Hornissenschwärme überfielen die Elfen damals voller Rachsucht die Dörfer und Städte der Menschen und da die Mageia noch während des Tobenden Krieges in alle Winde zerstreut worden war, gab es kaum menschliche Magier, die sich der urwüchsigen Elfenmagie entgegensetzten. Der Tobende Krieg hatte die damalige menschliche Gesellschaftsordnung buchstäblich in einen lichtlosen Abgrund gerissen. Zahllose Kirchenritter fielen der dunklen Bedrohung zum Opfer, in Gestalt eines unaufhaltsamen Stroms finsterer Wesen, die augenscheinlich geschickt worden waren, alles Leben auf Orenda auszulöschen. Selbst die mächtige Mageia mit all ihrer Zauberkraft konnte nicht standhalten und zerfiel obendrein noch in innerem Zwist zu einem Haufen versprengter Magier. Als sich die Wogen des Krieges schließlich glätteten, ermöglicht durch das ritterliche Herz und den klaren Verstand eines einzelnen Adavilritters, waren die Fundamente aller Menschenreiche irreparabel beschädigt. Die meisten menschlichen Städte waren ohnehin bereits im Krieg zerstört worden und so strömten ungehindert Horden von zornigen Orks die einstigen Bollwerke der Menschheit und plünderten sie ungeniert. Die Menschen – deren gewaltige Überlegenheit im Angesicht der Vernichtung ihres Gottes Towak dahinschmolz – standen desorientiert und hilflos daneben. Zwerge sprangen zwischen den johlenden Orks herum und rafften mit geschultem Blick die kostbarsten Güter zusammen. Die Elfen jedoch betraten die Städte der Menschen nicht, da sie dort über Jahrhunderte hinweg nur Pein und Demütigung ertragen hatten. Stattdessen ermunterten sie Pflanzen und Tiere, sich wieder dort zu verwurzeln, wo einst die stählerne Hand der Menschen herrschte. Eine dicke Staubschicht hatte sich allerdings schon vor langer Zeit über diese dicken Wälzer in der Bibliothek der Reynalds gelegt und so blieben die Geschichtsbücher unberührt in ihren Regalen liegen, stumme Zeugen einer vergangenen und vergessenen Zeit. Alistair führte seine Besucherin an der Tür zur Bibliothek vorbei in den gemütlichen Salon, der nicht nur mit einer Reihe glandornischer Naturmalerei ausstaffiert war, sondern zusätzlich zwei altertümliche Statuen beherbergte, die umsichtig und relativ geschmackvoll in die restliche Einrichtung integriert waren. Das Gesicht von Alkaid, dem Sturmbezwinger schaute wettergegerbt und ernst in die Ferne, während Patabon, der Weltensegler, geradezu verschmitzt dreinschaute.

Leandra hatte sich in einen mattgrünen Sessel nahe beim Kamin geflegelt und schluckte nun gierig den Wein herunter, den Esmel ihr gebracht hatte. Die stumme, alte Frau sah der Manteljägerin mit einem nur angedeuteten, missbilligenden Kopfschütteln bei ihrem ungehobelten Benehmen zu, entfernte sich dann jedoch wieder.

„Was hat dich denn so aus der Fassung gebracht?“, fragte Alistair, und betrachtete die Manteljägerin nervös. Normalerweise verhielt sich Leandra recht gewissenhaft, wenn auch aggressiv und wie durch einen unstillbaren Hunger getrieben – aber dies traf auf so manchen Menschen dieser Tage zu.

„Irgendein Ungeheuer hat ihm seinen Schwanz abgeschlagen und ihn auch ansonsten übel zugerichtet“, antwortete sie heftig und Alistair versuchte mühevoll, Leandras merkwürdigen Unterton einzuordnen. War es eine Prise Genugtuung? Oder eher Unsicherheit, verschleiert als kaum glaubwürdig vorgebrachte Empörung?

„Was?“, brachte er nur hervor, während sich in seinem Gesicht rote Flecken bildeten und er rasch zu Purim rüber sah, die schweigend in einem Sessel saß, die Hände sittsam im Schoß gefaltet.

Leandra stellte endlich keuchend ihr Weinglas ab und wischte sich über den Mund. Ihre braunen Augen waren jedoch immer noch bedenklich aufgerissen, von Ruhe keine Spur. „Irgendein krankes Monstrum läuft durch Kainsgarten und schlachtet Männer ab, indem es ihnen das Gemächt herausreißt!“, sagte sie wieder in einem betont aggressiven Tonfall.

Alistair schaute Leandra nur sprachlos an.

„Es ist widerlich!“, fuhr die Manteljägerin fort und nun sprudelten die Worte nur so aus ihrem Mund. „Als ob wir nicht schon genug Probleme hätten mit den Dunkelschraten und Bleichkrähen, den verdammten Orks und entlaufenen Vreists, ganz zu schweigen von den ganzen anderen Biestern, die sich hier breitmachen! Sebastian sagte, dass er dich sofort sprechen will. Anscheinend hat die Kainsgarde ihn als einzigen Inspektor auf den Fall angesetzt.“

Bemüht ruhig zog Alistair eine der Schubladen in der vor Fächern überbordenden Kommode neben dem Kamin auf und zog ein Set aus Briefumschlägen und einigen Zauberkarten heraus. Rasch setzte er eine kurze Nachricht für seinen Freund Sebastian auf, verschloss gewohnheitsmäßig den Briefumschlag und löste dann den Zauber auf der Karte aus. Nur Lidschläge später verschwand der Brief – und tauchte hoffentlich im Postzimmer der Kainsgarde wieder auf. Alistair traute Teleportkarten immer noch nicht so recht.

„Ich habe ihn eingeladen, hierherzukommen“, sagte er knapp und setzte sich dann endlich zu Leandra und Purim an den Kamin.

„Du musst mir alles genau erzählen, von Anfang an.“

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