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Orenda-Der Wächter, die Seele und das silberne Band

Kapitel 1 – Die Expedition

 

Was geschieht eigentlich, wenn die Welt in einem gewaltigen Sturm leergefegt wurde von aller Existenz, bis auf eben jene Spezies, die den Sturm verursachte und sich nun selbst genug sein muss. Kein lebendes, atmendes Etwas huscht mehr umher, kein Garten dient der beschaulichen Lust, die Welt steht als Gegenüber nicht mehr zur Verfügung. Der Blick verliert sich im Nichts. Als Spiegel, als Möglichkeit, die eigene Existenz überhaupt wahrzunehmen, dienen nur noch die Abkömmlinge der eigenen Spezies. Lechzen diese dann nach der Aufmerksamkeit des jeweils anderen, verlieren sie sich in den Augen des anderen, weil sie das sie umgebende Nichts nicht ertragen können? Oder kratzen sie sich gegenseitig gar aus einer Art morbider Todessehnsucht die Augen aus, um nun auch sich selbst und die ihren zu tilgen, damit die Welt vollends leer und kalt ist?

Die Liebe hat viele Gesichter, so sagen die Menschen.

Junge Liebespaare fragen sich, welcher Art die Liebe des anderen ist. Huscht sie auf den Wegen der Beliebigkeit umher oder rumpelt sie auf dem steinigen Pfad zur aufopfernden Liebe entlang, an dessen Ende die Glückseligkeit lockt?

Gereiche ich nur zur Notwendigkeit einer präsenten Ehefrau, die das gute und schöne Leben erfordert oder bin ich die Brandung, die den Geliebten mal sanft umspült, um ihn dann stürmisch zu überwältigen? Taucht der Geliebte in mich ein wie in eine andere Welt, fühlt er die Magie meiner Seele, wenn er mit mir vereint ist oder bin ich nur eine fleischliche Hülle für ihn? Und wenn ich geistig mit jemandem verschmolzen bin in einem endlosen Mäander, spielt das Geschlecht noch eine Rolle?

Glaube und Wissenschaft umkreisen sich in einer endlosen Hatz, kontrollieren sich gegenseitig unentwegt, um jede Blöße des anderen erbarmungslos auszunutzen. Für Liebe reicht da der Platz nicht.

Ich bin verwirrt.

 

Aus: Marduks Tagebuch

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Orenda war nicht die größte Welt und sicherlich gab es auch Welten, hinter deren Bedeutung Orenda zurückstand. Doch wer mochte schon die Bedeutsamkeit einer Welt oder auch nur eines einzelnen Lebens bewerten. Jedenfalls hatte Orenda einiges zu bieten und auch schon einiges durchgemacht. Auf ihr und in ihr lebte eine Vielzahl von Wesen und wie so oft tat sich eine Spezies besonders hervor – ob im Guten oder im Schlechten, hing wohl vom Blickwinkel des Betrachters ab. Die Menschen beherrschten mit eisernem Willen und vor allem züchtigender Hand zwei gewaltige Kontinente, die jedoch umgeben waren von tiefen Meeren mit endlosen Horizonten und dahinterliegenden, geheimnisvollen Orten, von denen mutige Seefahrer nur raunend und schaudernd berichteten. Im Lande Rivanor auf dem östlichen Kontinent lebte ein nicht mehr ganz junger Mann namens Skarsgard. Durch Geburt, Erziehung und Erfahrung war er so sehr in das menschliche Schalten und Walten eingeflochten, wie es nur sein konnte. Jedoch unterschied er sich von gewöhnlichen Menschen in einer wichtigen Sache, denn er gehörte einer in jeder Hinsicht herausragenden Institution an: Der Mageia. Eine mächtige Vereinigung von gottlosen Magiewirkern, die ihre neugierigen Nasen in jeden Aspekt des menschlichen und nicht-menschlichen Lebens steckten und als schmerzhafter Dorn in den Augen der Kirche galten. Als so genannter Arkanwächter diente Skarsgard dem skrupellosen Erzmagier Andoryl treu und stand ihm mit seinem Schwert zur Seite, sollte es denn einmal nötig sein. Prinzipiell gestaltete sich der Alltag eines Arkanwächters recht anspruchslos, denn diese Position fungierte nur als Zugeständnis an die Kirche, die jedem Erzmagier und Hexenmeister einen Soldaten zur Seite gestellt hatte. Sollte ein Magiewirker sich übernehmen und so Schaden an sich oder anderen Menschen verursachen, durfte ein Arkanwächter eingreifen, um drohendes Unheil abzuwenden. Dies geschah jedoch so gut wie nie und die Erzmagier und Hexenmeister sahen mit kaum verhohlener Arroganz auf die Arkanwächter herab, hielten sie sich als Schoßhunde oder machten sich einen Spaß daraus, sie von den ausnahmslos weiblichen Idisi verführen zu lassen, hintergründigen Zauberinnen mit manipulativen Kräften, die jeden das Fürchten lehrten. Skarsgard war seit einiger Zeit in Wildherz stationiert, dem zentralen Fürstentum des Königreichs Rivanor. Hier lebten und darbten noch viele der überlebenden Elfen aus dem großen Rassenkrieg in ihren Wäldern und die Menschen ließen sie zumeist in Frieden. Die Mageia hatte vor langer Zeit einen großzügigen Bereich um den Fluss Grünwasser abgefackelt und flugs einen protzigen Turm errichtet, den die Elfen Sternblick nannten, ein Name, der so gut wie jeder andere war, jedoch tatsächlich auch inhaltlich Sinn ergab. Von hier aus schauten die Magier sich den Himmel über Orenda an – und nicht nur das. Sie linsten natürlich auch hinter den Himmel, hinter den Schleier der für die meisten Menschen normalen Realität, und was sie dort mitunter erblickten, ließ jedes Entdeckerherz höherschlagen und natürlich auch das Herz eines jeden Eroberers. Und von diesen gab es unter den Menschen selbstverständlich genug. Der Himmel wölbte sich an diesem Tag blau und wolkenlos über Sternblick und Skarsgard rechnete mit einem weiteren ruhigen Tag im Turm der Mageia, angefüllt von Rundgängen durch die einzelnen Etagen, einigen wirren Gesprächen mit Erzmagiern und Hexenmeistern sowie den Angstschweiß auf die Stirn treibenden Begegnungen mit den Idisi in ihren raschelnden Kleidern. Zusammen mit seinem Kollegen Hagen, der für den Erzmagier Marduk den Wächter mimte, zog Skarsgard durch die luftigen Gemäuer der Turmanlage und beide ließen es sich nicht nehmen, an jedem Fenster innezuhalten und den Ausblick auf Wald und Fluss zu genießen. Sogar das ferne Sim’Dro sah man von den oberen Stockwerken Sternblicks aus und manchmal fragte Skarsgard sich, zu welchen Wundertaten die Elfen in der Hochzeit ihrer Kultur fähig gewesen waren. Heutzutage allerdings galt der schlanke, gläserne Turm als verfluchte Ruine, beherrscht von einem alten Elfenzauberer, der mit unerbittlicher Rastlosigkeit über eine Truppe untoter Elfensoldaten herrschte und eines Tages zum Sturm auf die Menschenwelt ansetzen würde. Natürlich war das alles Unsinn, den man kleinen Kindern zur Unterhaltung auftischte. Zwar war Sim’Dro tatsächlich eine alte Elfenruine, doch die Menschen hatten längst jeden Restwiderstand der Elfen gebrochen und so lebten um den verfallenen Turm herum nur versprengte Gruppen von einfachen Elfen, die keinem Menschen etwas zuleide tun würden, geschweige denn konnten. Schließlich hatten die Götter der Menschen, Adavil und Towak, penibel darauf geachtet, ihre Herrscherrasse mit größerer Macht auszustatten als die bereits lange vorher auf Orenda existierenden Elfen, Zwerge und Orks. Deren Götter schlummerten ohnehin in einem unruhigen Schlaf und so setzten Adavil und Towak schlichtweg ihre mächtigen Schachfiguren auf das Spielfeld und fegten alle anderen hinweg. Begonnen hatte ihr Werk vor 2000 Jahren der menschlichen Zeitrechnung und bis auf weiteres abgeschlossen hatten die Menschen es im großen Rassenkrieg vor mehr als eintausendvierhundert Jahren, als sie die Elfen versklavten und die Zwerge und Orks im lebensfeindlichen Osten des Kontinents verrotten ließen. Etwas wehmütig stand Skarsgard nun an einem großen Bogenfenster und ließ seine Augen über die weite Landschaft schweifen. Weit im Westen an der Küste lockte die Hauptstadt Schwertfels mit seinen Wunderbauten, im Osten ragten die Gipfel der gewaltigen Silberwand bis in den Himmel und im Süden dampfte der Boden im Fürstentum Kaltsand, von fähigen Erzmagiern künstlich abgekühlt, um der Hitze des dräuenden Abgrundes im Zentrum entgegenzuwirken. Die Jahre in Sternblick hatten Skarsgard zunehmend zermürbt und die Langeweile hatte tiefe Furchen in sein Gesicht getrieben. Als nun sein guter Freund Hagen mit einer Neuigkeit herausrückte, die sein gesamtes Leben aus dem Ruder laufen lassen sollte, reagierte Skarsgard erst einmal gewohnt skeptisch.

„Hast du schon gehört?“ raunte Hagen ihm zu. „Die Erzmagier bereiten eine Expedition vor.“

„Wirklich?“ Skarsgrad zog die Augenbrauen hoch und streckte sich. „Wohin geht es denn diesmal? Zurück nach Finsterhall? Darauf kann ich nun wirklich verzichten…“

Finsterhall war ein Reinfall gewesen. In der Regel kam jeder Arkanwächter während seiner Dienstzeit in den Genuss genau einer Expedition der Mageia und davon musste er dann bis ans Ende seiner Jahre unter der Fuchtel seines zugeteilten Magiers zehren. Der einzige Lichtblick im Leben eines Arkanwächters, ein Moment des panoramatischen Blicks, im Zuge dessen der geistige Horizont in vielerlei Hinsicht erweitert wurde. Nicht jeder Mensch kam schließlich in den Genuss des Besuchs einer anderen Welt. Aber Finsterhall stellte sich als ein Ort völliger Dunkelheit heraus und war dazu noch bevölkert gewesen von gefährlichen Ungeheuern. Letztendlich hatte die Mageia dort genau das getan, was sie erreichen wollte und danach den Riss im Schleier – den Übergang von Orenda nach Finsterhall – wieder versiegeln lassen. Skarsgard glaubte kaum, dass das nötig gewesen wäre, denn Finsterhall war seines Erachtens nach zur Gänze von jeglicher lebenden Existenz befreit worden. Die Hexenmeister der Mageia hatten das Leben dort gewissermaßen negiert.

„Aus welchem Grund unternehmen wir diese Expedition?“ hakte Skarsgard nach. Ein ungutes Gefühl begann sich in seiner Magengegend auszubreiten und streckte sich bereits in Richtung seines Brustkorbes. Er unterdrückte es.

Hagen zuckte die Achseln. „Irgendetwas wegen…Überwindung der materiellen Fesseln…Herrschaft des Geistes über den Körper…du kennst das ja. Magiergeschwurbel.“

Skarsgard nickte gedankenvoll.

„Aber noch wichtiger als wohin und warum ist doch, wer den Trupp anführt“, sagte Hagen verschwörerisch.

„Ja und? Wer denn?“ fragte Skarsgard.

„Kael Baelnor!“

Skarsgard sog geräuschvoll die Luft ein. „Tatsächlich?“ meinte er gedehnt und sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. „Das bedeutet, dass wir dieses verdammte Gemäuer demnächst verlassen werden! Schließlich residiert Kael Baelnor im Hauptturm in Schwertfels.“

„Du sagst es“, nickte Hagen. Dann seufzte er. „Ich bin froh, hier endlich wegzukommen. Marduk zehrt mit seiner Art jeden Tag mehr an meinen Nerven, auch wenn ich zugeben muss, dass er ein bemerkenswert…netter Magier ist. Im Verhältnis zu den anderen, natürlich.“

Gedankenverloren strich Skarsgard sich über seinen kurzen, gepflegten Bart. Hagen hatte natürlich recht. Er hatte mit seiner Stellung als Arkanwächter für den Erzmagier Marduk Glück gehabt. Die anderen Erzmagier waren nicht so umgänglich, sondern triezten ihre Wächter, wo es nur ging. Allen voran natürlich Andoryl, dem Skarsgard die Koffer hinterhertragen durfte. Innerlich verdrehte er die Augen. Dieser verdammte Bastard hielt sich nicht nur für den schlausten und wichtigsten Menschen auf ganz Orenda, leider verfügte er auch noch über unglaubliche magische Kräfte, um sich in nahezu allen Belangen durchzusetzen.

„Wir gehören damit übrigens zu den wenigen Arkanwächtern, die mehr als eine Expedition miterlebt haben!“ fügte Hagen noch hinzu und verschränkte selbstgefällig die Arme. „Hat es sich wohl doch gelohnt, bei der Kirche anzuheuern.“

„Abwarten“, knurrte Skarsgard.

„Was macht ihr beiden hier?“ schallte plötzlich eine Stimme von oberhalb der Wendeltreppe, die in die Spitze des Turms führte. Die beiden Arkanwächter fuhren herum und erblickten Diandra, die in ihrer vollen Rüstung die Stufen herunterstolzierte. „Wir sollen uns oben im Konferenzzimmer einfinden. Andoryl hat uns etwas zu sagen.“

„Es geht um die Expedition, nicht wahr?“ fragte Hagen mit leuchtenden Augen.

„Ach was!“ schnappte Diandra und funkelte den jungen Arkanwächter an. Sie selbst stand schon seit mindestens einer Dekade im Dienst einer Idisi namens Jaina und Skarsgard wusste, dass es Wächterinnen unter der Fuchtel einer Idis stets schlecht erging. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Idisi nicht zu altern schienen und von jedem einzelnen Menschen, gleichgültig welchen Geschlechts, als unwiderstehlich wahrgenommen wurden – auch wenn sie auf Männer natürlich die größte Wirkung hatten. Diandra war das Paradebeispiel einer sich überflüssig fühlenden, alternden und missmutig auf ihre schöne Herrin starrenden Dienerin, die irgendwann vor Kummer Selbstmord begehen oder aus Frust jemanden anderen erschlagen würde. Skarsgard beneidete sie nicht um ihr Schicksal. Er sah Hagen bedeutungsvoll an und gemeinsam folgten sie Diandra die Treppe hinauf in die oberen Turmgemächer. Wie durch Zauberhand eröffnete sich den drei Arkanwächtern in der Spitze des Turms ein Labyrinth aus Fluren, Zimmern und merkwürdig verdrehten Korridoren und jeder Idiot merkte sofort, dass die äußere Architektur des Turms nicht zum inneren Aufbau passte. Skarsgard und die anderen waren diese Diskrepanz jedoch seit Jahren gewohnt und so fanden sie den Weg zum Konferenzraum ohne Probleme. Die Flure lagen still vor ihnen, dicke Teppiche dämpften die Schritte und eine aus den Wänden selbst dringende Ruhe erstickte jedes laute Geräusch. Still und leise öffnete sich schließlich eine schmale, doch dafür übertrieben hohe, rote Tür und gab den Blick frei auf ein rundherum mit Fenstern gespickten Raum, in dessen Zentrum ein rustikaler Tisch prangte. Andoryl saß stirnrunzelnd am Kopf des Tisches und brütete über einem Stapel Schriftstücke. Das war nicht ungewöhnlich. Normalerweise vertieften sich Magier stets in irgendwelche Texte, bevorzugt sogar mehrere gleichzeitig – oder sie starrten Löcher in die Luft. In jedem Fall verhielten sie sich oftmals absonderlich und passten nicht so recht zu normalen Menschen, wenn sie auch die intellektuelle Speerspitze aller Menschenvölker zu sein schienen. Am Tisch saßen noch einige andere Angehörige der Mageia, so erkannte Skarsgard die Idisi Jaina, süffisant lächelnd wie immer, außerdem Torgal, ein Hexenmeister, den man besser nicht reizen sollte, sowie natürlich den Erzmagier Marduk, der gerade herzhaft gähnte. Das andere knappe Dutzend Personen kannte Skarsgard nur flüchtig, was aber nicht verwunderlich war, denn in Sternblick flogen die Magier ein und aus wie ein Schwarm von Wespen. Schließlich hatte die Mageia überall auf dem Kontinent ihre Finger im Spiel, mischte in der Regierung der Hauptstadt Schwertfels mit, stützte die halsbrecherischen Konstruktionen der Stahlfaust in der Silberwand mit Magie und half beim Schmieden des begehrten Blausilberstahls in der Blausilbersenke im Südosten Rivanors. Gleiches galt für das südlich gelegene Königreich Armalor, in dessen Hauptstadt Artania die Mageia ein verglastes Ungetüm gesetzt hatte, balancierend auf unsichtbaren, magischen Stelzen, die das protzige Gebäude hoch in den Himmel hoben. Nur im fernen Süden, in Califala, schwand der Einfluss der Mageia verhältnismäßig. Dort regierten die Gurus mit ihren den Geist malträtierenden Kräften und nur selten taten sie sich mit dem einen oder anderen Hexenmeister aus der Mageia zusammen. In diesem Augenblick sah Andoryl auf.

„Ah“, sagte er missmutig. „Unsere geschätzten Wächter. Willkommen.“ Er machte sich nicht einmal die Mühe, den Arkanwächtern einen Platz anzubieten. „Ich fasse mich kurz. Wie ihr vielleicht schon gehört habt-„

„Oder auch nicht“, warf Marduk laut und deutlich ein,

„-wollen wir bald eine neue Expedition starten“, fuhr Andoryl fort und warf Marduk einen frostigen Blick zu. „Zu diesem Zweck werden wir noch einige weitere Personen aufgabeln und uns dann nach Schwertfels begeben. Dort öffnet uns Kael Baelnor ein Portal zur vielversprechenden Welt Crentia und…Marduk hier“, er wedelte mit der Hand, „wird uns hindurchteleportieren.“

„Wie immer“, meinte Marduk und nickte leicht.

„Gut“, knurrte Andoryl ungehalten. „Ich nehme an, ihr seid bereit für die Abreise?“

Hagen stockte der Atem, doch Skarsgard legte ihm eine Hand auf den Arm. „Natürlich, werter Erzmagier“, sagte er mit seiner tiefen Stimme und lächelte eisig. „Für die Mageia sind wir stets zu allem bereit.“

„Na dann“, sagte Andoryl und lächelte gehässig. Er fischte einige Taschen und Utensilien aus der Luft und war innerhalb einiger Lidschläge voll ausgerüstet. Dasselbe galt für die Idisi Jaina und einen Hexenmeister, den Skarsgard nicht kannte.

„Marduk, wärst du so gut?“ fragte Andoryl und schaute seinen Magierkollegen auffordernd an.

Marduk schnippte mit dem Finger und sagte Plumps. Bevor Hagen anfangen konnte zu lachen, riss es alle Anwesenden durch den Schleier der Realität, hinaus aus dem Turmzimmer und hinunter auf das saftige Gras unterhalb des Turmsockels. Skarsgard knirschte mit den Zähnen, als er seine Knie aufgrund des unsanften Aufpralls knacken hörte.

„Verzeihung“, sagte Marduk und zog eine Grimasse.

Andoryl schaute ihn missmutig an. „Plumps?“ fragte er säuerlich. „Was soll das, Marduk. Du machst uns lächerlich mit deinem Verhalten!“

„Das schaffen wir auch so“, schnappte Marduk und lachte kurz auf. Er schlug Andoryl mit einem schelmischen Grinsen auf die Schulter, doch Skarsgard sah in den Augen des Magiers einen ernsten Ausdruck, den er nicht zuordnen konnte. Marduk war eindeutig der seltsamste Erzmagier, den Skarsgard in seinen Jahren im Dienste der Mageia kennengelernt hatte.

Gemeinsam machte sich die kleine Gruppe nun zu den Ställen auf und nahm einige gesattelte und gezäumte Pfjarde in Empfang. Ihr Weg sollte sie zuerst nach Sim’Dro führen, das südlich von Sternblick lag und einen Stamm Elfen beherbergte. Einige von ihnen hatten sich vor langer Zeit für die Mageia verdingt – im Gegenzug erhielten sie Schutz vor den Häschern der menschlichen Sklavenhändler. Diese Elfen dienten nun als Magiespeicher für die Erzmagier. Sollte sich ein Magier je selbst ausbrennen und somit vorübergehend seiner Magie beraubt sein, entnahm er einem Elf schlichtweg einen Streifen Haut, in dessen Struktur Magie eingewoben und gespeichert war. Nach dem Verzehr des Hautfetzens strömte wieder Magie durch die Adern des Magiers und er konnte sein Werk fortsetzen. Skarsgard widerte diese vampirische Teufelei seit jeher an, doch er wusste zumindest, dass nicht jeder Erzmagier dieser Perversion frönte.

Die Reise von Sternblick nach Sim’Dro kam Skarsgard ungewöhnlich kurz vor, aber vielleicht hatten sie auch nur Glück, die richtige Straße gewählt zu haben. Die Kametren flogen unter den Klauen der Pfjarde nur so dahin und bereits nach einem Tag glitzerte der Grünwasser vor ihnen in der Sonne. Skarsgard und Hagen versuchten sich zu orientieren, um die Lage der nächsten der allesamt von Menschenhand geschaffenen Brücken zu verorten, doch Andoryl hielt sich mit so etwas erst gar nicht auf. Mit einigen knappen Handbewegungen und murmelnden Worten richtete er seine Konzentration auf das dahinströmende Wasser. Nur Lidschläge später fror der Fluss zur Gänze ein, doch Skarsgard fragte sich, ob es nicht nur eine Illusion war, denn das Flirren in der Luft irritierte seine Augen und ließ ihn an seinen Sinnen zweifeln. Trotzdem überquerten sie die glatte und in keiner Weise rutschige Oberfläche des Flusses, als ob es fester Boden wäre. Danach pflügten die Pfjarde stoisch und unermüdlich weiter durch die Gräsermeere von Wildherz, vorbei an dichten Hainen, vereinzelten Lagern von Orks, die den vorbeipreschenden Menschen besorgt hinterhersahen. Elfen bekamen die Durchreisenden nicht zu Gesicht, was aber auch daran lag, dass Elfen und Menschen ein noch schlechteres Verhältnis hatten als Menschen und die von ihnen abschätzig Stoßzähne genannten Orks. Schließlich hausten unzählige Elfen in den Städten der Menschen und verdingten sich unter zermürbenden Voraussetzungen als Arbeiter – und nicht zuletzt entführten die Menschen ihnen gefällige Elfen und hielten sie sich als Diener in ihren Häusern. Nach einem weiteren Tag durch das grüne Herz Rivanors gelangte die Gruppe schließlich an die Ausläufer eines rohen Hügels, auf dessen Spitze Sim’Dro in die Höhe wuchs. Einstmals ein Monument elfischer Architektur, strahlte der zersplitterte Turm jetzt nur noch eine abweisende Bedrohlichkeit aus. Fast anklagend reckte er sich trotz seines Verfalls gen Himmel, als ob er jedem Reisenden ein Mahnmal sein wollte – für was, das blieb im Verborgenen, denn kein Mensch interessierte sich für marode, elfische Bauwerke. Vor den zerfallenen Trümmern des Eingangs campierte eine Gruppe Elfen in einfachen Tuniken. Sie blickten allesamt wie verschreckte Rehe auf, als die Menschen auf ihren Pfjarden heranpreschten und erhoben sich schleunigst. Andoryl näherte sich den abgerissen aussehenden Elfen wie ein Gutsherr seinen Arbeitern. Obwohl die Elfen mit ihren hochgewachsenen, eleganten Gestalten schön anzusehen waren, strahlten ihre Gesichter nichts von dieser Anmut aus. Ihre Blicke klebten förmlich an Erzmagier Andoryl und Skarsgard fragte sich, ob ihre Furcht tatsächlich derartige Intensität annahm oder ob sie dem Magier etwa hörig waren. Doch als der blumige Hauch eines zarten Parfums zu ihm herüber wehte, verstand er und gab sich innerlich eine schallende Ohrfeige. Natürlich. Die Idisi, Jaina. Sie manipulierte die Elfen und machte aus ihnen fast willenlose Puppen. Nach einer mehr als knappen Konversation brachen die Elfen ihr Lager ab und verstreuten sich – bis auf einen einsamen Elf, der zurückblieb. Er trottete hinter Andoryl her wie ein abgerichteter Hund. Skarsgard musterte die sehnige Gestalt des Elf, machte aber nichts Bemerkenswertes an ihm aus. Seine Arme schienen tätowiert zu sein, doch instinktiv betrachtete Skarsgard diesen Umstand als elfische Eigenart.

„Wartet hier“, befahl Andoryl den Arkanwächtern knapp. Er überließ den Elf ihrer Obhut und betrat dann zusammen mit dem unglücklich dreinsehenden Marduk sowie dem Hexenmeister und Jaina den Turm.

„Was hoffen sie, dort zu finden?“ fragte Hagen leise und betrachtete die baufällige Ruine abschätzend.

„Geht uns nichts an“, knurrte Diandra ungehalten. Sie warf den beiden Männern einen geringschätzigen Blick zu und setzte sich dann etwas abseits an den Hang. Mit spitzen Fingern löste sie ihre Panzerung vom Körper und inspizierte jeden Zentimeter Blausilberstahl auf Unebenheiten.

„Ob wir mal mit ihm sprechen sollen?“ fragte Hagen besorgt.

„Mit wem?“ Skarsgard setzte sich ächzend ins Gras. Sein Hintern fühlte sich nach dem Kräftezehrenden Ritt nicht gut an.

„Na, mit dem Elf.“

Skarsgard schaute stöhnend auf. „Wozu denn? Was soll das bringen?“

„Immerhin will Andoryl ihn offensichtlich mitnehmen. Er ist also unser Reisegefährte!“

Skarsgard blies die Wangen auf und seufzte. „Wenn es denn sein muss“, murmelte er dann. Zusammen schlenderten sie über das Gelände der Turmruine und blieben vor dem im Gras sitzenden Elf stehen.

„Grüße“, sagte Hagen etwas großspurig. „Ich bin Hagen, im Dienste des ehrenwerten Erzmagiers Marduk.“ Er deutete auf Skarsgard. „Dies ist mein guter Freund Skarsgard. Er dient Andoryl. Wie ist dein Name?“

Der Elf blickte nicht auf. „Elenin“, sagte er lakonisch.

„Wie…geht es dir?“ fragte Hagen. „Alles in Ordnung?“ Der Arkanwächter lächelte unbeholfen.

„Meine Gefährtin Hyse wurde von einem menschlichen Mann vergewaltigt, bis sie irgendwann starb“, sagte Elenin ausdruckslos. Er wickelte eine Reihe von ledrigen Streifen wie eine zweite Haut um seine nackten Arme.

Hagen wurde blass. „Das…so meinte ich das nicht…“

Der Elf hielt inne und sah auf. „Ach ja“, murmelte er. „Ihr Menschen plappert ja gern über euer oberflächliches Befinden, weil euch tiefergehende Gefühle fremd sind. Also, um deine Frage zu beantworten: Mir geht es gut. Und selbst?“ Er wickelte seelenruhig weiter die Streifen um seinen Arm.

„Wurde sie…schwanger?“ fragte Skarsgard ruhig. Eine gewisse Kälte bemächtigte sich seiner und ihm wurde bewusst, dass er bis jetzt noch nie eine richtige Unterhaltung mit einem Elf geführt hatte.

Elenin sah wieder auf, diesmal mit ungläubigem Blick. „Ein Kind? Du weißt nicht viel von der Welt oder?“ sagte er mit einem schiefen, irgendwie bedauernden Lächeln. Dann zeigte er mit dem Finger zuerst auf Skarsgard und dann auf sich. „Du und ich, wir gehören unterschiedlichen Spezies an, mein Freund. Wir können uns untereinander nicht fortpflanzen, unsere Geschlechtsmerkmale -deins und meins- ähneln sich nicht einmal. Also, nein, sie wurde nicht schwanger. Sie ist einfach tot.“

Skarsgard schloss irritiert die Augen. „Aber wieso…? Wieso hat er dann deine Frau…?“

Seufzend wickelte Elenin weiter die Fetzen um seinen Arm. „Unsere Frauen haben mit den menschlichen Weibern eine rudimentäre Ähnlichkeit. Nur viel…verletzlicher und kleiner.“ Er sah kurz auf und betrachtete Skarsgards leichenblasses Gesicht. Dann sagte er ruhig: „Und menschliche Männer sind unersättlich und brutal. Sich auf so perverse Art an weiblichen Elfen zu vergehen liegt wohl in eurer Natur.“ Eine kaum verhohlene Bösartigkeit lag in der Stimme des Elfen.

Skarsgard legte die Hand auf seine Stirn. Plötzlich schwitzte er heftig. Hagen sagte keinen Ton.

„Entschuldigt“, sagte Elenin gelassen. „Ich gehöre einem alten Stamm von Waldelfen an. „Wir reden eigentlich nur, wenn es etwas zu sagen gibt. Schnörkelloser Informationsaustausch, allerdings sehr ergiebig und gehaltvoll. Ich bin es nicht gewohnt, seichte Unterhaltungen zu führen. Dafür könnte ihr mich nachts jederzeit wecken und flugs in ein philosophisches Gespräch einsteigen. Das ist doch auch etwas, nicht wahr?“

Skarsgard war sich nicht ganz sicher, ob Ironie in der Stimme des Elfen mitschwang oder ob er tatsächlich versuchte, sich zu erklären. Da Elenin die beiden Wächter erwartungsvoll ansah, nötigte Skarsgard sich eine abschließende Antwort ab. „Du hast recht, wir haben uns wohl missverstanden. Tut mir leid.“ Er stieß Hagen an und wandte sich dann mit einem Kopfnicken ab. Sie gingen zu Diandra, die immer noch dabei war, ihre Rüstung auszubessern. Als sie ihr vom Gespräch mit dem Elf erzählten, lachte sie böse.

„Warum gebt ihr euch auch mit diesem Abschaum ab?“, schnaubte sie. „Die meisten Magiespeicher sind komplett irre. Was meint ihr, was mit jemandem passiert, dessen Haut die ganze Zeit vor Magie kribbelt, bis sie ihm von den Knochen gezogen und verspeist wird – nur um dann schmerzhaft nachzuwachsen?“ Sie beäugte Elenin aus der Ferne. „Der dort ist ein besonderes Exemplar“, schnurrte sie. „Seht nur, er hat sich vor einiger Zeit selbst die mit Magie gefüllte Haut abgezogen und wickelt sie sich jetzt um seine Arme. Zwei Schichten Magie also für unseren guten Andoryl. Dieser Elf ist erfinderisch!“

Hagen würgte. „Das ist ekelhaft. Was soll das eigentlich, wer hat sich das ausgedacht?“

Diandra zuckte mit den Schultern. „Was fragst du mich so etwas? Irgendein blutdürstender Hexenmeister wahrscheinlich, mit einer Vorliebe für Kannibalismus. Warst du mal im Hauptturm der Mageia in Schwertfels? Die Erzmagier und Hexenmeister und Idisi dort sind allesamt verrückte, egoistische, versaute, fortschrittsbesessene Bastarde. Denen steigt ihr ganzes Wissen und ihre ganze Macht zu Kopf! Irgendwann, wenn ein Geist gefüllt ist bis oben hin mit Erkenntnissen, erwachsen daraus abstoßende Aberrationen, die man bei normalen Menschen nicht findet. Ist dir das nicht klar?“

„Doch, natürlich“, meinte Hagen schwach.

„Anscheinend nicht!“ versetzte Diandra. „Kannst froh sein, dass du Marduk abgekriegt hast“, knurrte die Wächterin. „Jeder andere Magier oder Hexenmeister hätte dich schon längst zermürbt.“

Eine Stunde verging, bis die Zauberwirker wieder aus dem Turm kamen. Andoryl sah beleidigt aus, aber das mochte keinen besonderen Grund haben. Er und Marduk verstanden sich nicht sonderlich und Andoryl ließ seinen Kollegen wohl nur deshalb an Expeditionen teilnehmen, weil dieser über unerreichte Fähigkeiten in aller Art von Reisemagie verfügte. Mit knappen Worten befahl Andoryl den Aufbruch und er preschte ohne Rücksicht auf die Energiereserven seines Pfjardes weiter, stets in östlicher Richtung. Wiederum fraßen sie sich geradezu durch die Landschaft, passierten den Herzweg und damit die zentrale Passage durch die Region Wildherz. Bald jedoch wandelte sich die Landschaft und statt dem saftigen Grün von Pflanzen blickte Skarsgard auf kargen Fels und wenn er den Blick hob, überdachte ihn kein Himmel aus Baumkronen, sondern wohl ein düsteres Abbild von Towaks zornigem Gesicht. Unwillkürlich dachte Skarsgard an seine Kindheit zurück, die kurz und entbehrungsreich gewesen war. Sein Vater, ein hartherziger Ritter des Towak, huldigte kompromisslos den Göttern und sparte nicht an Tadel im täglichen Umgang mit seinem Sohn. Schon früh fand Skarsgard sich unter den Fittichen anderer Kirchenanhänger wieder und durchlief eine Ausbildung, die rückblickend einer Gehirnwäsche nicht unähnlich schien. Manchmal glaubte er, dass er von Glück reden konnte, mit welcher Überzeugungskraft seine Mutter Bekarna ihren Mann dazu überredet hatte, den gemeinsamen Sohn nach Schwertfels zur Mageia zu schicken. Sie argumentierte, dass ein ausgebildeter Ritter des Towak gute Chancen hätte, letztendlich einem Magier zu dienen – und damit den Göttern einen außerordentlichen Dienst erwies. Dass diese Stellung nichts anderes als eine undankbare Tätigkeit als Spitzel für die Kirchen war, davon wusste Skarsgard damals noch nichts. Ohnehin wiesen ihn die Magier als zu jung und unerfahren ab, sodass er noch einige endlose Jahre unter den wachsamen Augen eines Magierjägers der Kirche des Towak verbrachte. Vrenkolin entpuppte sich als ebenso gnadenlos wie Skarsgards Vater und er ließ nichts unversucht, den jungen Mann zu brechen. Doch Skarsgard hatte durchgehalten und stand Jahre später mit neuem Wissen und um viele unschöne Erfahrungen reicher wieder im Namen der Kirche des Towak vor dem Turm der Mageia. Diesmal gewährten die Magier ihm Einlass – und die Tortur nahm ihren Anfang. Skarsgard seufzte und wandte sich vom personifizierten Towak in Gestalt eines dräuenden Himmels ab und richtete seine Augen auf den Horizont. Unglaublich. Girnazakath befand sich schon in Sichtweite. Natürlich tat Marduk irgendetwas, um ihre Reise maßgeblich zu beschleunigen. Aber zur Gänze teleportieren wollte der Erzmagier die Gruppe anscheinend nicht.

Kurz vor Girnazakath hob Andoryl schließlich die Hand. Die Pfjarde kamen schlitternd zum Stehen und rührten sich keinen Millimeter mehr vom Fleck.

„Wir legen eine kleine Rast ein“, verfügte Andoryl und stieg ohne weiteren Kommentar ab. Die Gruppe verstreute etwas über die staubige Ebene mit Namen Rayk Tharis, die sich von Girnazakath aus nach Nordosten in Richtung Grünschimmerhains bis nach Siegharm und darüber hinaus erstreckte und im Südwesten mit der Eisenwüste verschmolz, wo die Hochburg der Goldunion auf sie wartete – Mora’Donium. Den Zwergen dort würden sie als nächstes einen Besuch abstatten. Doch zuerst wartete der düstere Gurutempel vor ihnen auf sie. Skarsgard kniff die Augen zusammen und betrachtete das Gebäude eingehend. Aus Sandstein errichtet, waberte es in einem für Skarsgards Augen anstrengenden Hitzeflimmern hin und her. Erschöpft ließ er sich im Schatten eines formidablen Felsens nieder und streckte die Beine aus. Sie befanden sich hier auf der Schwelle zwischen Wildherz und dem Kaltsand, einer unwirtlichen Region im Süden Rivanors. Zwei Stunden lang warteten sie in der Hitze des Nachmittages und als die Tür des Tempels sich schließlich rumpelnd öffnete, fühlte Skarsgard sich wie gerädert.

Ein Gerippe von einer Person trat aus der Tür, hochbepackt mit Taschen, einem Wanderstab und verschiedenen Geräten, die Skarsgard beim besten Willen nicht identifizieren konnte. Zwei hässliche Dolche hingen dem Guru dort herab, wo normale Männer eigentlich keine Messer haben wollten. Doch dies war kein normaler Mann. Wahrscheinlich hatte er sich selbst kastriert. Mit kaum verhohlenem Ekel betrachtete Skarsgard den Guru an und verschränkte die Arme.

„Was nützt uns dieser Haufen Knochen?“ murmelte der Wächter und schaute Hagen bedeutungsvoll an. Dieser nickte und grinste abfällig.

Der Kopf des Gurus fuhr herum und seine dumpfen Augen musterten beide Wächter, als ob sie sie bereits auf einem Seziertisch sahen. „Das werdet ihr schon merken, wenn wir in der anderen Welt sind“, flüsterte der Guru. Dann wandte er sich Andoryl zu. „Warum teleportiert er euch nicht direkt?“ fragte er mit einem Fingerzeig auf Marduk. „Ich hatte eigentlich erwartet, dass die Mitglieder der Mageia nicht mehr auf konventionelle Reisen – Pfjarde, nächtliche Lagerfeuer und dergleichen – angewiesen wären.“ Seine Stimme schwang zwischen Belustigung und Schadenfreude hin und her.

Obwohl Andoryl den schmierigen Guru sicherlich verachtete, ließ er sich nicht zu einem Schlagabtausch herab. „Wir haben unsere Gründe“, antwortete er knapp und bedeutete der Gruppe dann, sich zum Aufbruch bereits zu machen.

„Religiöse Gründe“, murmelte Marduk und verdrehte die Augen.

Der Guru verzog seinen Mund zu einem Haifischgrinsen, sagte jedoch nichts.

Chutrik stellte sich als ein angemessen unangenehmer Reisegefährte heraus und Skarsgards Meinung über ihn meißelte sich unauslöschlich in seinen Schädel – er wollte mit dem Bastard aus Girnazakath nach ihrem Auftrag nichts mehr zu tun haben. Eine derartig menschenverachtende Denkweise war Skarsgard noch nicht untergekommen. Während Hagen ob der an Niedertracht unübertrefflichen Aussagen des Gurus regelmäßig erbleichte, lachte Diandra oft genug aus vollem Halse. Skarsgard drehte sich der Magen um, als er bemerkte, dass Wächterin und Guru ihre Abendstunden miteinander verbrachten und dabei gar auf Tuchfühlung gingen. Chutriks Weltbild setzte sich aus drei Konstanten zusammen. Leben und Tod waren nur zwei Zustände organischen Materials von vielen weiteren. Etwa so wie fest, flüssig oder gasförmig diffundierten auch menschliche Körper angeblich in andere Zustände – ohne dass der Guru sich dazu aber näher äußerte. Den Drang nach geistiger Erleuchtung hatte jeder Mensch zweitens um jeden Preis sein Leben lang aufrechtzuerhalten. Damit harmonierten die Gurus wohl perfekt mit dem Erkenntnisdrang der Mageia, musste Skarsgard zähneknirschend zugeben. Die Vergänglichkeit des Fleisches hatte zur Folge, dass drittens eine Art Läuterung in eines jeden Menschen Leben stattzufinden hatte. Auch hier sorgten die schmallippigen Erläuterungen des Gurus nur für dürftige Erhellung, aber eigentlich interessierten Skarsgard die widerlichen Marotten der Califer auch nicht. Im Gegenteil, er fragte sich sogar, warum die Fürsten Rivanors es zuließen, dass die perversen Südländer sich mitten im Herzen des Reiches niederlassen durften.

„Welchem Kult gehört dieser Guru eigentlich an?“ fragte Hagen. Er ritt mit Skarsgard so weit wie möglich entfernt von Chutrik. „Den Yussoniten? Den Leerenwandlern?“

Skarsgard zuckte die Schultern. „Frag ihn doch. Wahrscheinlich aber gehört er zu den Yussoniten aus der Gottstadt.“

Zwei Tage später erreichten sie die Ausläufer Mora’Doniums, einer tristen, gelben Wüste aus endlosen Dünen und nebligen Hügeln. Skarsgard und die anderen Wächter wussten, dass es hier gefährlich wurde. Sie befanden sich in der Nähe des Kaltsandes und des weiter im Süden gelegenen Passgebirges. Die Kreaturen, die in diesen Gegenden lebten, konnten selbst für Menschen gefährlich werden. Die Magier schien das jedoch nicht zu kümmern und schon bald schlief Marduk scheinbar tief und fest unter einem Felsvorsprung, während Andoryl sich tatsächlich seinen Schreibtisch herbeigezaubert hatte und sich in seine Bücher vertiefte. Chutrik hatte sich zum Zwecke einer Meditationsübung auf einen Hügel begeben und wollte nach eigenen Aussagen bis zur Ankunft des nutzlosen Zwerges aus Mora’Donium nicht gestört werden. Da der Hexenmeister – Nurmen hieß er wohl, wie Skarsgard herausgehört haben wollte – und die Idisi Jaina die Köpfe zusammengesteckt hatten, hing es an den drei Arkanwächtern, die Umgebung auszukundschaften und potenzielle Gefahren im Keim zu ersticken. Langsam legte sich die Nacht über die Ebene und tauchte alles in einen bläulichen Schein. Towak war mit ihnen, dachte Skarsgard und machte sich mit Hagen und Diandra an seiner Seite auf den Weg zur Nachtwache.

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