Der lange Weg zur Schöpfung
Kapitel 1
Der nächste Schlummer
„Wir haben ein Problem mit unserem Weg in Leben und Existenz. Die jungen Menschen sehen sich einer Mannigfaltigkeit verführerischer Dinge und Aktivitäten gegenüber, einem Land, in dem nicht nur Milch und Honig fließen, keinem einfachen Schlaraffenland, sondern einer Sphäre, aus der die potenzielle, ewige Unversehrtheit von Körper und Geist hervorblitzt. Keine Arbeit, kein Schmerz außer des eigens gewünschten, nur Labsal, ohne aber sich selbst oder anderen etwas wegzunehmen oder ihnen durch die eigene lustvolle Trägheit zu schaden. Eine endlos erscheinende Zeit des Konsumierens ohne jegliche Konsequenz lauert am Horizont, eine scheinbar nie vorübergehende, orgastische Party für die gesamte Menschheit. Die Ruderlosigkeit unseres derzeitigen Lebens lässt uns dieser Verheißung entgegentaumeln. Wir erwarten die ewige Befriedigung, das unbedingte Glück, die beständige Maßlosigkeit, die es natürlich nicht geben kann in unserer dreidimensionalen Existenz. Doch wir glauben daran. Untätigkeit steht am Ende dieser Entwicklung, ein Stillstand von Körper und Geist, gefangen in einer ewigen Starre, geboren aus den unendlichen Optionen des widerstandslosen Glücks. Wenn wir aber wissen, dass uns nur Schönes und Gutes widerfahren wird, welches wir selbst uns auch noch nach Belieben aussuchen können aus der Mannigfaltigkeit aller Vorstellungskraft der Menschheit – warum sollten wir uns dann überhaupt noch regen?“
Aus: Marduks Sicht auf die Welt
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Die Sonne brannte mit leidenschaftsloser Einmütigkeit auf die weiten Ebenen des mittleren Mexikos, dessen dürre Gräsermeere in Ermangelung selbst eines lauen Lüftchens unbeweglich in der sengenden Hitze schmorten. Vereinzelt torkelte ein abgemagerter Haastgeier über den Himmel, die trüben Augen auf die nunmehr kläglichen Überreste des einstmals unüberschaubaren Angebots an Aas gerichtet. Schon lange war der Boden der nördlichen Ausläufer der Bethlemsümpfe nicht mehr unter den stampfenden Plattfüßen einer Panzerrückenherde erzittert und der heulende Ostwind aus den eingeebneten Vulkanbergen war für immer verebbt. Alain schüttelte ob dieses absolut anmutenden Gedankengangs seinen Kopf. Natürlich würde der Wind sich wieder erheben, irgendein Wind, eines Tages, wenn die Transphasenmenschen sich längst wieder in einem Schlummer befanden und die Erde die Möglichkeit erhielt, sich neu zu ordnen. Alain strich seine farblose Tunika glatt und wandte sich dann seinem Begleiter zu. Obake tollte ausgelassen herum, der kleine, rundliche Maschinenkörper prallte immer wieder gegen raue Felsen und dicke Stämme der vereinzelt Schatten spendenden Grauchbäume. Alain verließ sein Anwesen in Eden nie ohne seinen hundeartigen Begleiter – so wie fast alle Transphasenmenschen mit einem künstlich geschaffenen Wesen an ihrer Seite die Zeit verbrachten. Obake war eine unglaublich alte autonome Maschine, noch aus der Frühzeit des Transphasenlebens der Menschheit, vielleicht sogar eine der ersten, die je gebaut wurden, Alain wusste es nicht genau. Schließlich wandte er sich wieder wichtigeren Dingen zu als den Eskapaden seines übermütigen Begleiters. Sein Körper strotzte trotz der großen Hitze vor unbändiger Kraft und er hielt sein Gesicht in die glühende Sonne, die ihm noch mehr Energie spendete, statt ihn zu verbrennen. Jedenfalls vorerst.
Mit seinen scharfen Augen erspähte Alain eine Kolonie herumwuselnder Gramchen, tief in ihr einzigartiges Spiel vertieft, einer Mischung aus Nahrungssuche und Aufmerksamkeitswettbewerb. Für den in der Nähe lauernden Maguar stellte sich die Sache natürlich anders dar. Das Fell des Räubers war verfilzt, seine Rippen traten deutlich zutage und seine Augen wirkten teilnahmslos. Soweit Alain festgestellt hatte, lebten nur noch wenige Dutzend Maguare im mittleren Mexiko, doch auch die Gramchen brachten es gerade einmal noch auf ein paar Hundert. Zwei weitere kurz vor dem Aussterben befindliche Spezies. Alain beobachtete die trotz ihres unabwendbaren Schicksals fröhlich anmutenden Gramchen und den stumpf dreinblickenden Maguar, dessen einzelgängerische Lebensweise ihm vielleicht die Muße zum Nachdenken ermöglichte, sodass er seine nicht vorhandene Zukunft deutlich sah. Alains Augen richteten sich dann auf ein Felsmassiv im Westen der Steppe, seinem nächsten Ziel. Dahinter tat sich die Wüste Sonoraran auf, die sich bis zum Albtanischen Ozean ausdehnte. Per Gedanke rief Alain seine Legnetuah, pfiff Obake zurück – der sich sofort am Rückengestell seines Herrn festhakte – und schwebte kurze Zeit später mehr als einen Kilometer über den Bergkuppen des Felsmassivs. Für die Gramchen und den Maguar musste der Transphasenmensch eine flüchtige Erscheinung gewesen sein, nicht mehr als ein Trugbild. In der heißen Luft schwebend, eingehüllt in die weiche, nahezu unsichtbare Membran der Legnetuah, ließ Alain seine Wahrnehmung schweifen. Im Westen lag die Felsenwüste Sonoraran und dahinter der dunkelblau, fast schwarz dräuende Albtanische Ozean. Im Norden waberten in weiter Ferne die Nebelbänke Nordamerikas und verschleierten die gewaltige Landmasse dahinter. Die Bethlemsümpfe im Süden dampften und schnauften, während der Osten Mexikos beherrscht wurde von den blitzenden Gravitationsfeldern, Überbleibsel einer gewaltigen Gedankenschlacht zwischen einer Gruppe Transphasenmenschen, die sich einen Spaß daraus gemacht hatten, ihre Wahrnehmungsregler auf die Probe zu stellen und die Auswirkungen auf die Realität zu begutachten. Dahinter tat sich der Atlantische Ozean auf, auf dem die restlichen Erdteile umhertrieben. Die Kontinente der Erde hatten sich wieder einmal verschoben, neue Wege für die wogenden Wassermassen der Meere eröffnet und gigantische Bergketten und Felsplateaus auf der Erde entstehen lassen. Die ausgedehnten Sümpfe und Wälder, Steppen und Wüsten hatten ihre bisherigen Stammplätze auf der Welt aufgeben müssen und waren weitergezogen – wieder und wieder im Laufe der Jahrmillionen. Wirbelstürme peitschten über die Kontinente, während die unablässig miteinander rangelnden Erdplatten tosende Tsunamis auslösten, willens, jegliche Landmasse unter ihren Wellen zu begraben und alle dort kreuchenden und fleuchenden Wesen zu ersäufen. Die Erde glich einem Schmelztiegel, gebar ständiges Chaos, wo einst Gleichgewicht herrschte – zumindest ein Gleichgewicht. Jenes reale oder eingebildete Gleichgewicht, das die Menschheit schließlich ins Wanken brachte. Das Pendel von Hitze und Kälte schlug erratisch aus, fegte eine Spezies nach der anderen vom Spielfeld, zu dem die Menschen den Planeten auserkoren hatten. Alains Blick wanderte weiter zum Himmelszelt. Hoch droben, in kaum abzuschätzender Entfernung, halb verborgen in weißen Wolkenmassen, thronte eine riesige Festung über dem amerikanischen Kontinent, eine Technosphäre, einst geschaffen von den Transphasenwächtermaschinen zur Erhaltung der Menschheit über die Zeitalter hinweg. Die TPWM wachten zu jeder und für alle Zeit über ihre einstigen Schöpfer und sie hegten und pflegten die am Himmel schwebenden Traumstasedome sowohl in Zeiten der Konsumtion als auch in den Jahrtausenden des Schlummers. Die kaleidoskopische Architektur der Traumstasedome spiegelte ihr Inneres adäquat wider, denn ihr wichtigster Bestandteil waren die Lichtflutkammern, in denen unzählbare Lichtflutalkoven auf die Transphasenmenschen warteten, wenn sie sich wieder in einen Schlummer begaben, um ein weiteres Mal der Unbewohnbarkeit der Erde zu entfliehen und auszuharren bis zum Tage des erneuten Erwachens.
Alain bereiste Mexiko nun seit fast zehn Jahren, dokumentierte den fortschreitenden Hitzetod des Landes und die Verwüstungen, verursacht durch mitunter monumentale Naturereignisse oder die dubiosen Handlungen von Transphasenmenschen. Er führte Statistik über die Fauna und Flora, die jeweiligen Veränderungen und den unerbittlichen Verfall. Zusätzlich erstellte Alain auch akribische Zeichnungen von Pflanzen, Tieren, Pilzen, von Landschaften und Naturschauspielen. Dabei verbrachte er regelmäßig mehrere Monate an ein und demselben Bild – nachdem eine Holoaufnahme nur ein Blinzeln kostete. Daten speicherte Alain auf einem Holowürfel, um die Informationen letztendlich an die Konklave zu schicken. Er wusste zwar nicht, ob die Konklave seine Daten verwahrte, ob seine Aufnahmen, Texte, Zeichnungen und Audio-Logbücher die Jahrtausende überdauerten. Er hatte es nie nachgeprüft, obwohl jeder Transphasenmensch die Datenbank der Konklave einsehen durfte. Aber irgendein fremdes Prinzip hielt Alain davon ab, diese schlichte Nachprüfung zu tätigen. Weshalb auch, schließlich waren es nur Daten aus einer einst für immer vernichteten Vergangenheit. Uninteressant für das jeweils aktuelle Leben. Transphasenmenschen waren nicht auf Vergangenes angewiesen, im Gegenteil.
Alain langte mit seinen elastischen Armen über seinen Rücken und zog einen Holowürfel aus der Vorrichtung aus Goldanium, die an Schultern und Becken befestigt war. In diesem Rückengestell verstaute Alain verschiedenste Dinge, seine altmodischen Messinstrumente, seinen Holowürfel, zudem einen altmodischen Digiblock und verschiedene Utensilien zum analogen Zeichnen, inklusive eines großformatigen Notizheftes aus Papier und einer Reihe Bleistifte. Natürlich lagen auch zwei Flaschen aus Alundofasern, beinhaltend Alains Lieblingsgetränk, Blausilberwein, stets bereit. Ihm gefiel es, die Skizzen und Zeichnungen, die er mit einigem Aufwand erstellte, zuhause in seinem Anwesen auf riesige Leinwände zu übertragen, was meist Jahre in Anspruch nahm. Als ob Alain in jedem neuen Zyklus seines Lebens die ganze Welt aufmalen wollte, ging sie doch eines fernen Tages wieder unter, jedenfalls für die Transphasenmenschen und die meisten anderen Geschöpfe, die auf der Erde kreuchten und fleuchten.
Nachdem er einige Holoaufnahmen aus der Luft getätigt hatte, landete Alain auf einem Felsmassiv inmitten der Trockensteppe und entließ seine Legnetuah. Dann schraubte er seinen Wahrnehmungsregler bezüglich der ihn umgebenden Landschaft herunter, drehte ihn auf andere Weise aber gleichzeitig auf, um über Kilometer hinweg die Körper aller noch lebenden Wesen abseits des mikroskopischen Bereichs zu spüren. Alain speicherte die gesammelten Daten vorerst in seinem hinteren Gehirnkern ab und hielt dann inne. Ein Körper stach aus allen anderen hervor. Alain konnte gar nicht anders, als seine Wahrnehmung dieses Körpers über die aller anderen zu stellen – es lag in seiner Natur. In nicht einmal drei Kilometern Entfernung stand eine hochgewachsene Gestalt zwischen den am Boden liegenden Leibern einiger Nirnen. Alain wusste, dass dieses Wesen ihn beobachtete, ihn ohne Mühe wahrnahm.
Es war ein anderer Transphasenmensch. Eine Art Schauder erfasste Alain und ließ sein Rinnen ekstatisch eine Informationsflut nach der anderen aufbranden, sodass die unzähligen Informationsadern in Alains Körper beinahe verstopften.
Alain rief seine Legnetuah wieder herbei und erhob sich in die Lüfte, Obake sprang wiederum begeistert auf. Transphasenmenschen gerierten sich grundsätzlich als Einzelgänger, sie lebten die meiste Zeit über kategorisch abgeschieden, vollständig von den ihren zurückgezogen, in Festungen gleichenden Anwesen, errichtet von den gigantischen Quantendruckern, die wie träge Satelliten in der Stratosphäre umherstreiften. Normalerweise mieden Transphasenmenschen also andere Exemplare ihrer Rasse, sondern gingen ihren Aufgaben und Neigungen allein nach. Doch Alain hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu einem anderen Mitglied seiner Spezies gehabt und es war an der Zeit, einen flüchtigen, echten Kontakt zu knüpfen und diesen mitzunehmen in den nächsten Schlummer. Die Gelegenheit war günstig. Wer wusste schon, wann er dem nächsten Transphasenmenschen begegnete? Also flog Alain binnen weniger Augenblicke auf fünfhundert Meter an seinen Artgenossen heran und blieb dann in der Luft stehen. Der andere Transphasenmensch stand völlig unbekleidet inmitten einem Dutzend noch dampfender Kadaver. Seine glatte, porenfreie Haut, die wie dünnes Porzellan durch das Licht der Sonne leicht durchsichtig wirkte, war mit dunkelroten Blutspritzern besprenkelt. Zusammen mit dem für alle Transphasenmenschen typischen, goldenen Hautton beschwor die Besudelung durch das Tierblut eine eigenartige, entrückte Aura um den Transphasenmenschen herauf. Für andere Wesen musste die hoch aufragende Gestalt wie ein unwirklicher, fahler Strich in der Landschaft wirken, eine exakt vertikal aus dem Himmel auf die Erde geschleuderte Lanze vielleicht oder ein aus dem höllischen Erdinneren emporgewachsener, mittlerweile abgekühlter Obelisk. Die Leichen der Nirnen waren grotesk entstellt, ihre Gliedmaßen in alle Himmelsrichtungen verdreht, dazu mehrfach gebrochen. Eine lange Gleve aus grünlichem Metall ragte aus dem aufgerissenen Bauch einer Nirne. Alain schauderte und schraubte seine Wahrnehmung herunter. Schon schwand der Geruch der Gedärme, mäßigte sich das pulsierende Rot des Blutes. Das Genom von Transphasenmenschen war um ein Vielfaches größer als das jedes anderen Lebewesens auf der Erde, in lange zurückliegenden Technologiesprüngen angereichert mit ganzen Heerscharen von Basenpaaren. Unerreicht in Widerstandskraft, Regenerationsfähigkeit, ein nahezu ausgesetzter Alterungsprozess – und eine gewissermaßen in die Realität eingreifende Macht über die eigene Wahrnehmung. Alain näherte sich seinem Gegenüber nun mit gemächlichen Schritten, um sie beide nicht mit der hereinbrechenden Anwesenheit des anderen zu überfordern. Beide drehten unentwegt an den Wahrnehmungsreglern in ihren Hirnen, die Schädel nickten dabei leicht, was unfreiwillig komisch gewirkt hätte, wenn denn ein Wesen mit Humor vor Ort gewesen wäre.
Am Rande des Ovals aus entzweigerissenen Kadavern blieb Alain schließlich stehen.
„Varlassen“. Der schmale, farblose Mund des anderen Transphasenmenschen regte sich kaum.
Alain neigte leicht den Kopf und nannte seinen eigenen Namen.
„40 Jahre“, sagte Varlassen.
„33“, antwortete Alain.
Beide hatten eine vergleichbar lange Zeit verbracht, ohne sich mit ihresgleichen auszutauschen. Beide würden die Gesprächsoption also wahrnehmen.
„Was ist dein Begehr?“, fragte Alain, auch wenn er die Antwort zumindest teilweise zu seinen Füßen liegen sah. Offensichtlich gehörte Varlassen zu den Erdenjägern, jenen Transphasenmenschen, die rastlos über die Kontinente streifen und als personifizierte natürliche Auslese gelten konnten. Varlassens gelbe Augen richteten sich auf die blutigen Überreste seiner Beute. „Meinet Begehr ist dire Ausrottung dieset Spezies.“ Er deutete mit seinen schlanken Fingern auf die toten Nirnen.
„Ich verstehe.“ Alain hatte die Neutralsprache seit mehr als 80 Jahren nicht mehr gehört, denn die letzten beiden Transphasenmenschen, mit denen er gesprochen hatte, hatten in einer Abwandlung der Antiksprache geredet, die auch er selbst benutzte. Was die Gefühle seines Artgenossen anging, türmte sich vor Alain natürlicherweise eine schwarze, glatte und undurchdringliche Wand auf. Kein Transphasenmensch drang in die Gefühlswelt eines anderen ein.
„Ich bin auf einer Beschaffungsmission für die Konklave“, erzählte Alain. „Sie haben mir aufgetragen, drei Aspekte zu sammeln – Energie, Information und Geist.“
Varlassens Gesicht verzog sich leicht, offenbar interessierte ihn Alains abstrakte Auftragsbeschreibung. „Dire Konklave gibt gern mysteriöset Anweisungen heraus“, antwortete er. „Sire halten sich für witzig – oder ihnet ist langweilig. Wer weiß dire schon.“ Er trat einen Schritt auf Alain zu. „Du bist also einet Wissenschaftlert?“
„Sind wir das nicht alle?“
„In gewisset Weise, ja.“ Varlassen schaute zum blauen, wolkenlosen Himmel hinauf. „Wie ist deinet letztet Informationsstand? Wie lange noch bis zum nächstet Schlummer? Was sagen dire Mitgliedert dire Konklave?“
Alain folgte dem Blick seinen Artgenossen. Das Blau des Himmels war für ihn absolut, eine unüberschaubare Weite, in der er ertrinken mochte, so wie in den ebenso blauen und scheinbar endlosen Tiefen des Meeres. Die Faszination für die beiden alles verschluckenden, blauen Reiche, getrennt durch die Welt der Kontinente, verfolgte Alain schon seit Äonen.
„Sie geben keine konkreten Zeitangaben heraus“, sagte er. „Aber es dauert nicht mehr lange. Die Meere regen sich. Das Erdinnere rumort und droht sich aufzubäumen. Die Atmosphäre ist vergiftet. Tiere und Pflanzen und Pilze sind um mehr als 95% reduziert worden. Es geht zu Ende, wieder einmal.“ Er schaute sich um. „Hast du keine TPWM bei dir?“
Varlassen verneinte. „Ich bin lieber allein unterwegs.“
Obake lugte mit seinem länglichen Kopf über Alains Schultern und betrachtete Varlassen aus seinen Maschinenaugen, die nichtsdestotrotz jenen eines Hundes so sehr ähnelten, dass eine Unterscheidung bestenfalls müßig war. Er gab einen kurzen, aber deutlichen Seufzer von sich.
Mit den Augen wieder am Boden, gierig die Bildgewalt des Massakers an den Nirnen in sich aufsaugend, schlenderte Varlassen nun auf und ab. „Hast du schon einet Dorf dire Verwehtet ausfindig gemacht?“, fragte er.
„Bisher nicht“, antwortete Alain. Er setzte sich geziert auf den von Geröll übersäten Boden, in einigem Abstand zur Bluttat seines Artgenossen. „Ich habe aber vor ungefähr 50 Jahren von Ainsam gehört – ich glaube, er wohnt irgendwo im Antarktischen Dschungel –, dass sich eine Kolonie von Verwehten in Nordeuropa zusammengefunden haben soll, an dire Küste dire Atlantik.“
Ein schwaches, nur ein wenig glitschiges Geräusch ertönte in Alains Ohren, als Varlassen seine Gleve aus dem Körper der zerteilten Nirne zog. Ein penetranter Geruch nach Chemikalien lag mit einem Mal in der Luft und Alain blockierte auch diesen mit einem Zucken seiner Stirn.
„Vor 50 Jahren“, wiederholte Varlassen nachdenklich. „Und dieset Ainsam hörte von dire Kolonie wahrscheinlich auch von einet anderet Transphasenmenschen“ – er vollführte eine entsprechende Handbewegung – „und so fort. Vielleicht suche ich unseret Flüchtiget vor dire Ende noch auf und wünsche ihnet Glück für ihret Zukunft.“
Alain sagte nichts.
Die beiden unterhielten sich noch für einige Zeit, tauschten Informationen über den Zustand der Kontinente aus und über ihre kargen Kontakte mit der Konklave, jenem Rat aus Transphasenmenschen, der seit Äonen über seinesgleichen wachte und ein ständig wiederkehrendes Leben auf einer Erde ermöglichte, deren Antlitz bei jedem erneuten Erwachen der Transphasenmenschen stets ein anderes war. Der Beginn dieses Transphasenzeitalters lag bereits mehrere Millionen Jahre zurück.
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Der letzte der Weltkriege auf der Erde hatte sich einst entzündet an den Ideologien der westlichen, Moraltheologischen Weltbündnisse – bestehend vor allem aus den USA und Deutschland – und der Autokratien des Ostens – Russland, China und Indien. Afrika war wie immer außen vor geblieben und stattdessen von beiden Seiten der Welt weiter ausgebeutet worden. Doch dieser dritte Weltkrieg hatte ungeahnte Flüchtlingsbewegungen zur Folge, die den Weltkrieg schließlich auch beendeten. Zwar gewann der Westen durch überlegene Waffentechnik knapp die Oberhand und zerschlug die Sowjetrus, das Neu-kaiserliche China und das wieder von Moguln beherrschte Gottesreich Indien, doch aufgrund wirtschaftlicher und klimatischer Katastrophen flohen mehrere hundert Millionen Afrikaner in einer gigantischen Welle nach Europa und zertrümmerten damit die alte Weltordnung. Nachdem sich die Moraldemokratien des Westens und die autokratischen sowie glaubensfundamentalistischen Staaten des Ostens und Südens gegenseitig irreparabel beschädigt hatten, verlor sich im Anschluss beinahe jede Idee von Nationalcharakter, sprachlicher Dignität und Territorialansprüche – aber auch ethischer Grundsätze – in den Ein- und Auswanderungsbewegungen der Nachkriegszeit. Für die Frauen dieser Epoche setzte eine beispielslose, nie enden wollende Tortur ein, denn wie in allen menschlichen Verteilungsprozessen stand der Körper der Frau ganz oben an der Spitze männlicher Aneignungswünsche. Im Zuge des medizinischen Niedergangs und des damit einhergehenden Mangels an Medikamenten und Personal, kam es zu einer geradezu als gewaltig zu bezeichnenden Bevölkerungsexplosion im Alten Europa, da Verhütungsmittel flächendeckend nicht mehr zu beschaffen waren. Der Westen wurde durch die Abermillionen Flüchtlinge aus Afrika, der Osten durch westliche Waffengewalt handlungsunfähig, wobei Afrika gleichzeitig entvölkerte und noch weiter verarmte. Die übriggebliebenen Stammesfürsten des Ostens zermarterten sich gegenseitig, was wiederum massive Flüchtlingsbewegungen auslöste. Es war die Zeit der totalen Vermischung aller Menschenvölker – die Menschen wanderten und flohen in alle Himmelsrichtungen, über Meere und Kontinente hinweg. Bald gab es keinen Unterschied mehr zwischen Europäern und Afrikanern oder zwischen Sowjetrussen, Chinesen oder Indern, die sich ebenfalls mit Europäern und Afrikanern und Arabern vermischten. Die Menschen hetzten von einer vermeintlich lebenswerten Region zur nächsten und nahmen sich natürlich stets die Frauen vor Ort. Der letzte Kriegsschauplatz in dieser Welt war der Körper der Frau – doch auch dieser sollte letztendlich überwunden werden. Die Vergewaltigungen von Millionen Frauen in Europa im Zuge der rasend schnellen Einwanderung von hunderten Millionen Afrikanern und Asiaten als letzter Ausweg aus der Hungermisere auf ihren eigenen Kontinenten, verursacht durch den dritten Weltkrieg, waren der Anlass für Gentechnikunternehmen und Denkfabriken zu einem neuen Geschlechterverhältnis zu forschen. Die Idee des Transmenschen nahm in seiner sexuellen Identität den Ursprung. Diese Unternehmen saßen in Nordamerika, denn die dortige Bevölkerung wollte verhindern, dass ihr etwas ähnliches geschah. Amerika kam wie so oft in seiner Geschichte glimpflich davon, erstrahlte sogar bald wieder und überflutete die ganze Welt dann mit wohldosierten Zukunftsperspektiven, geboren aus den mannigfaltigen Möglichkeiten der Genlabore. Es entstand schließlich der tatsächlich im Genlabor realisierbare Transmensch, der nach seiner Entstehung seine körperliche, geistige und verhaltenspsychologische Identität nicht in entsprechend dreierlei Abgrenzung zum fremden Individuum erlangte, sondern in beinahe christlich-mystischer Weise in sich selbst das einzig bedeutsame Gegenüber sah und somit keinen wie auch immer gearteten, gruppendynamischen und in letzter Instanz meist sexuell geprägten Herrschaftsphantasien mehr unterlag. Dieser Siegeszug nordamerikanischer Technologie und gedanklicher Größe erfasste die ganze Welt, brachte Technik und erhabene Geisteshaltung wieder in die Mitte der Gesellschaften und sorgte gleichsam dafür, dass sich letztendlich auch die Nordamerikaner in der Weltgemeinschaft auflösten, womit die Zeit der Völkerunterschiede binnen weniger Jahrzehnte klaglos und unbeachtet verstrich. Somit bildete sich aus den physischen Möglichkeiten der Manipulation der Zusammensetzung des Menschen auf zellularer Ebene eine psychische Möglichkeit der Manipulation des Menschen heraus, um so alle denkbaren Konflikte im Keim zu ersticken. Angrenzend an diese mystische Geisteshaltung bildete sich ein radikaler Realismus im menschlichen Leben heraus, der mehr in übergeordneten Zusammenhängen von erdgeschichtlichen Dimensionen mäanderte und direkter Empathie immer weniger Bedeutung zumaß. Das Universum versuchte, durch seine Fleischwerdung sich selbst zu ergründen und der Mensch war auf dem Planeten Erde zur unangefochtenen Speerspitze dieses Forschungsmarathons avanciert. Dabei gaben sich die Transmenschen nicht der Illusion einer ewigen oder allem anderen überlegenen Existenz hin, doch sie nutzten ihre schon bald wieder enormen technologischen und geistigen Möglichkeiten schlicht und ergreifend rigoros aus. Eine sich schon lange anbahnende und nun immer weiter um sich greifende Klimaveränderung hatte sich schon seit Jahrzehnten an die Menschheit angeschlichen und eben jene unzumutbaren Lebensumstände, die bald weite Teile der Weltbevölkerung zu erdulden hatten, abgeschwächt durch immensen, technologischen Fortschritt zwar, aber dennoch nicht zu überwinden, brachte schließlich jene Entscheidung, die den weiteren Pfad der Menschheit bestimmen sollte wie nichts anderes jemals zuvor. Die Menschheit lebte damals inmitten einer globalen Eiszeit, trieb diese zwar kurzzeitig vor sich her, konnte sich ihrem Griff jedoch letztendlich nicht entziehen. Nach einer im Verhältnis recht kurzen Zeit der globalen Erwärmung kehrte der Frost unerbittlich zurück, ließ die Gletscher zu Monstrositäten werden, die sich nach den Zentren der Menschheit streckten und diese zu verschlingen suchten. Die Pole dehnten sich massiv aus, traten ihre lange Reise in Richtung des Äquators an und kümmerten sich dabei nicht um die Belange gleich welchen Lebewesens. Die Transmenschen begaben sich in unzählige, in der Stratosphäre schwebende Traumstasedome, gesteuert und instandgehalten von künstlichen Intelligenzen, die ihre Schöpfer längst überflügelt hatten, die sich nun willig in die Hände dieser neuen Wesenheiten begaben, um in eine bessere Zukunft zu gehen. Jeder Transmensch stieg in seinen eigenen Lichtflutalkoven, bar jeglicher Wahrnehmung, einer Art Auslöschung der eigenen Existenz ähnelnd. Der erste Schlummer wurde von einer Traumphasenwächtermaschine, kurz TPWM, initiiert und überwacht. Bisher nur als Datennetz existierend, bildete die TPWM während dieser ersten Schlummerphase der Transmenschen hunderte und tausende maschinell erstellte TPWM aus, ahmte dabei die Gestalten von einst existierenden Tierarten auf der unter ihr darbenden Erde nach und verteilte sie auf alle Traumstasedome, damit die Transmenschen nach ihrem neuerlichen Erwachen Gefährten an ihrer Seite wussten, die ihnen wieder in ein Leben halfen, wie auch immer dies aussehen mochte. Nach Eintritt in die Wachphase schwärmen die Transmenschen dann wie hungrige Insektenschwärme mit eigens für sie bereitgestellten Flugmaschinen über die Welt aus und schlugen ihre Hauer buchstäblich in das Antlitz der Erde, wieder einmal, als ob nichts gewesen wäre. Sie lechzten für die nächsten paar hundert Jahre nach einem Platz an ihrer persönlichen Sonne und so verteilten sich die Transmenschen über den gesamten Globus. Erdformereinheiten pflügten auch die lebensfeindlichsten Regionen der Erde um und verwandelten sie für die Transmenschen in ein Paradies. Die gigantischen Entfernungsdrucker sorgten für den raschen Bau großartiger Gebäudestrukturen für die Transmenschen und es fehlte niemandem auch nur an irgendetwas. Bereits im Vorfeld ließen die TPWM einen Kraftwerkpark nach dem anderen buchstäblich aus dem Boden stampfen, um den beinahe unstillbaren Energiehunger der Transmenschen zu befriedigen. In riesigen Gasspeichern in der Stratosphäre sammelten die Transmenschen das ausgestoßene Methan und CO2, nur um es beim Eintritt in die nächste Schlummerphase schlichtweg wieder freizulassen – geradezu explosionsartig. Die Transmenschen verschlangen die Erde und all ihre Wunder, sie konsumierten ihren Lebensraum auf mal aggressiv heißhungrige, mal auf stillschweigend staunende Art, jedenfalls stets mit dem Endergebnis einer desolaten und nahezu unbewohnbaren Erde, der sie den Rücken kehren mussten, um zu überleben. So begannen die Schlummerphasen in den Lichtflutalkoven der Traumstasedome, eine nach der anderen, Phasen der Erholung für die Erde von hunderttausend Jahren und mehr.
Der Transphasenmensch war geboren.
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Von all diesen Geschehnissen wusste Alain prinzipiell nichts, denn wie alle Transphasenmenschen hielt er sich meist im Zentrum seiner eigenen Wahrnehmung auf und verließ diesen Zustand nur selten. Soweit sie es vermochten, regulierten Transphasenmenschen die Intensität ihrer Realität auf ein ihnen genehmes Maß – und dies betraf sämtliche Sinne. Alain hatte sich wieder von Varlassen getrennt und setzte seine Reise durch Mexiko fort, um vielleicht doch noch jenes Quantum zu finden, das zu einem der drei Aspekte passen mochte, die er für die Konklave zu beschaffen hatte. Mittlerweile stapfte er über die Dünen der Wüste Sonoraran im Westen des Landes. Er hatte seine Legnetuah wieder fortgeschickt, denn ihm gefiel es, seine Füße auf die verschiedenen Untergründe der Erde zu setzen, gewissermaßen ein Reisegedächtnis für die Beschaffenheit der Erde auf den einzelnen Landmassen zu entwickeln. Woher die Technologie der Legnetuah stammte, wusste kein Transphasenmensch mehr. Alle hatten jedoch eine vernebelte, dunkle, beinahe vollends unterdrückte Erinnerung an ein lange zurückliegendes Ereignis, eine Art Ankunft von irgendetwas, was mit den Legnetuah zusammenhing. Aber so sehr dieses Wissen auch zum Greifen nahe schien, glitt die enorme Wahrnehmungskraft sämtlicher Transphasenmenschen daran ab.
Auf einer mehr als fünfzig Meter hohen Düne regten sich plötzlich Alains Gehirnknoten, alle drei – der vordere, der mittlere und der hintere. Sofort verharrte er an Ort und Stelle. Die Konklave nahm Kontakt mit ihm auf. Alain entspannte seine Gedanken, ließ seine Wahrnehmung so gut er konnte los, nahm sozusagen die Hände vom Steuer seines Selbst. Nach einigen Augenblicken erschien die Konklave als flimmernde Fata Morgana vor ihm, mitten in der Sandwüste. Schattenhafte Gestalten hielten sich in einem großen Plenarsaal auf, manche in Gespräche vertieft, während andere auf Holowürfeln voller diffuser Daten starrten oder zielstrebig durch den Raum schritten. Dies alles erahnte Alain bestenfalls, denn so scharf er seine Wahrnehmung auch stellte, die Mitglieder der Konklave blieben Schemen, ihre Umgebung schablonenhaft.
„Alain“, sagte eine Stimme, von einem kaleidoskopischen Echo gefolgt. „Es ist eine Anomalie aufgetreten. Der Traumstasedom Golgata wurde zerstört. Begeben Sie sich zurück in Ihr Anwesen. Von dort aus fliegen Sie bald in die russische Tundra. Sie sind hiermit einem Aufklärungstrupp zugeteilt. Wir melden uns wieder, wenn Sie zuhause sind.“
Das Trugbild verschwand wieder, dabei verblasste es allerdings nicht auf gemächliche Weise, so wie es sich vorher entfaltet hatte, vielmehr wurde es ausgelöscht, als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte. Gedankenvoll strich Alain über die dünne Seide seiner Tunika. Solch ein Ereignis war neuartig. Es war eigentlich unmöglich. Er konnte sich nicht zurückerinnern, ganz gleich, in welche Ferne er gedanklich reiste, dass jemals etwas Ähnliches geschehen war. Er schaute Obake an, der reglos dastand, die blauen Augen auf Alain gerichtet, abwartend. Alains Inneres regte sich, die Myzelien unter seiner Haut wisperten miteinander, aufgeregt, schließlich zügellos. Alain horchte, richtete seine gesamte Wahrnehmung in sein physisches Zentrum – in sein Herz. Aus seinen drei Herzkammern ertönte ein ihm unbekannter Klang, ein Stakkatoartiges Wummern, das sich aufbäumte und ihm bis hinauf in den Kopf stieg. Geistesgegenwärtig regulierte Alain seine Wahrnehmung herunter und versuchte somit, seine aufsteigende Furcht – ein ihm nur noch schwach geläufiges Gefühl – zu unterdrücken. Doch es gelang ihm nicht ganz.
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Der Weg zurück nach Eden, ins alte Europa, würde einige Tage dauern und die Konklave hatte kein Zeitfenster erwähnt. Innerlich rang Alain mit sich. Die Zuteilung zu einem Aufklärungstrupp bedeutete nichts anderes als eine wahrscheinlich zeitlich ausgedehnte Zusammenarbeit mit anderen Transphasenmenschen. Alain fühlte sich nicht im Geringsten darauf vorbereitet. Seit über dreißig Jahren war er niemandem seiner Art mehr begegnet und das kurze Treffen mit Varlassen hatte ihn schon angestrengt. Er konnte natürlich auf seinem Rückweg nach Eden auf einer oder zweier der Himmelsinseln Rast einlegen, die über dem Atlantik schwebten. Vielleicht half ihm der Kontakt zu seinen Artgenossen dort, sich auf die bevorstehende Aufgabe vorzubereiten. Und wenn es ihm zu viel wurde, zog er sich einfach in den Individualbereich zurück, den es in jedem Ort der Zusammenkunft von Transphasenmenschen gab. Obake saß während Alains Überlegungen still seinem Gefährten zu Füßen, lauschte vielleicht den kaum erfassbaren Informationen, die Alains Kopf verließen, als flüchtige Gedanken und Gefühle.